Von C. F. W. Behl

Ein Teil von Gerhart Hauptmanns Nachlaß, der gegen Ende 1944 nach Dresden gebracht worden war, wo er bei einem Luftangriff schweren Schaden erlitt, ist zur Zeit auf drei Orte verteilt, während sich das Wiesensteiner Archiv in Müggelheim bei Berlin unter der Obhut der Schriftsteller Gertraut Pohl und Johannes R. Becher befindet. Außer der Witwe sind im Besitz von Handschriften Dr. Erich Ebermayer auf Schloß Körnitz bei Bayreuth und Hauptmanns letzter Privatsekretär Dr. C. F. W. Behl, der seit dem vorigen Jahr Landgerichtspräsident von Schweinfurth ist und gegenwärtig, wie übrigens auch Hans von Hülsen, an Erinnerungen aus den letzten Agnetendorfer Jahren schreibt.

Nun ruht Gerhart Hauptmann auf dem kleinen Dorffriedhof von Kloster auf seiner geliebten .Insel Hiddensee, die seinem Schaffen so oft neue Impulse geschenkt hat und als Schauplatz seiner Tragödie „Gabriel Schillings Flucht“ unmittelbar in sein Werk eingegangen ist. Über die Bedeutung, des Inselmotivs in der Phantasie Hauptmanns, wäre vieles und Wesentliches zu sagen. Es: erscheint als sinnbedeutende Fügung des Schicksals, daß der große deutsche Dichter aus schlesischem Geblüt gleich dem aus seinem Fürstentum vertriebenen Prospero im Tode ein Inselasyl gefunden hat. Und nicht zuletzt liegt auch darin ein symbolischer Zug, daß es die Welt Prosperos wie in Shakespeares „Sturm“ noch einmal und dennoch neu zu beschwören gelang, um abermals eines Dichters Abschiedsfeier von der Welt und seine tiefste Weisheit zu gestalten: in der dramatischen Dichtung „Indipohdi“. In ihr hat Hauptmann, ein Vierteljahrhundert vor seinem leiblichen Ende, Abschied genommen aus „dieser furchtbar-wundervollen Welt des Zaubers und der Täuschung“. Er bezeichnete sie mir gegenüber in mehr als einem Gespräch als sein Vermächtnis, und es war sein Herzenswunsch, daß die deutschen Bühnen das Unrecht der Nichtbeachtung, das diese Dichtung seit Jahrzehnten erfuhr, durch Aufführungen zu seinem Gedächtnis gutmachen möchten. Ist uns doch der Dichter, dessen ganzes großes Lebenswerk im Goetheschen Sinne nur autobiographisch begriffen werden kann, in keiner Dichtung mit aller Qual und Wonne seiner schöpferischen Magie persönlich so nahe wie hier. Und doch gehört „Indipohdi“ immer noch zu den unbekannteren Werken Gerhart Hauptmanns.

Vielleicht war es Gerhart Hauptmanns letzte Begegnung mit seinem eigenen frühen Schwanengesang, als ich ihm im April 1944 die Dichtung auf seinem nun so verlassenen „Wiesenstein“ vorlas. Als Zeugnis für „Indipohdi“ und des Dichters Verhältnis zu seiner Schöpfung mögen hier die Aufzeichnungen aus meinem Tagebuch „Leben und Arbeit mit Gerhart Hauptmann“ stehen:

Agnetendorf, 21. April 1944.

Ein Gespräch über das Grundproblem des „Neuen Christopherus“, die ewige Messiassehnsucht der Menschheit, hat Hauptmann irgendwie auf „Indipohdi“ gebracht, eine Dichtung, der vor mehr als zwanzig Jahren, wie er meint, keine Gerechtigkeit widerfahren sei, deren Bedeutung und theatralische Sendung man verkannt habe. Er äußerte den Wunsch, das Werk, das ihm in seiner Ganzheit nicht mehr gegenwärtig sei, einmal wiederzuhören. Wir saßen dann oben im Biedermeierzimmer. Ich las den ersten und zweiten Akt.

Mit unerhörter Wucht offenbarte sich wieder die große weltanschauende Perspektive dieses äußerst dramatischen Gedichts, das man ganz zu Unrecht einst für wenig bühnenwirksam gehalten hatte: diese Luzidität des Atmosphärischen jenes indianischen Eilands, wo der europaflüchtige, von seinem Sohn des Thrones beraubte Fürst Prospero noch einmal vom Leben – in Gestalt eben dieses Sohnes – eingeholt und von seinem vorbestimmten Schicksal gestellt wird. Meisterhaft die Exposition, die Prospero in die kultische Gemeinschaft des fremdartigen Volkes verstrickt zeigt, dem er als der von uralten Mythen verheißene „Weiße Heiland“ erschienen ist. Wir begegnen ihm auf der letzten Wegstrecke zur Vollendung, in der er seine irdische Existenz von sich abtun will. Zweierlei stellt sich ihm in den Weg: das Verlangen des Inselvolks, ihn zum Priesterkönig zu haben – dem er nachgibt, weil Tehura, die Priestertochter, seine noch nicht erloschenen Sinne ans Leben fesselt –, und die plötzliche Leibhaftwerdung des Schattens, über den allein er, der Magier und Schattenspieler, nicht Gewalt hat, seines Sohnes Ormann, den ein gleiches Schicksal wie ihn selbst schiffbrüchig auf der Insel landen läßt. Meisterhaft ist es, wie die Gewißheit zuerst in ihm aufblitzt, daß der drohende Schatten,, der zugleich der Schatten seines Schicksals ist, Gestalt gewonnen hat durch die Jagdbegegnung seiner Tochter Pyrrha. Meisterhaft vor allem, wie am Schluß des ersten Aktes der ganze dramatische Konflikt aufgeschürzt ist: Prospero hat, durch die Liebe zu Tehura verleitet, die Würde des Priesterkönigs wider die Stimme seines Inneren übernommen. Er hat dadurch Tehura gewonnen, aber zugleich in Amaru, ihrem indianischen Freier, einen tödlichen Widersacher zum offenen Aufruhr gereizt. Er steht nun vor der schwersten und schicksalhaften Konsequenz, das lange mit Erfolg hintan gehaltene Menschenopfer, nach dem das Inselvolk, uraltem Aberglauben hörig, verlangt, vollziehen zu müssen. Und die Nähe des Sohnes Ormann beschwört gleichzeitig die furchtbarste Gefahr herauf. Wer wird das Opfer sein? Ormann hat in der Begegnung mit der weißen Jägerin Pyrrha bereits seinem Schicksal ins Auge geschaut. Wie sein Schatten den Vater verfolgt, so ist auch die Erinnerung an den von ihm aus der Heimat vertriebenen Vater der Schatten seines eigenen Lebens. Nun ist er „gelandet am Gestade der Bestimmung“, und allsogleich packt sie ihn an und treibt ihn vorwärts. Sein sterbender Freund Astorre hat es mit der Hellsieht der letzten Stunde geschaut. Ormann entbrennt in sinnlicher Liebe zu seiner Schwester, der weißen Jägerin, und der Aufrührer Amaru bemächtigt sich seiner, grüßt ihn als den „wahren Sohn des goldnen Gottes in der Sonne“, also den wirklichen „Weißen Heiland“, und reißt ihn in die Empörung gegen Prospero, den Vater, hinein. Damit ist in großartigem Aufbau. der dramatische Zusammenprall Prospero-Ormann vorbereitet.