Von Clemens Graf Podewils

Mein Spiegel, silbergerahmt, in reiner Schwingung, zeigt heute ein strenges Gesicht, streng und unnahbar, obgleich er doch allem Sichtbaren ohne Unterscheidung Einlaß gewährt mit dem rätselhaft starren Lächeln einer Liebesgöttin, die nicht verrät, was sie empfindet, Lust oder Langeweile.

Dieser Spiegel, eines der seltenen, aus einstigem Schloß in die neue Zufluchtsstätte des Forsthauses geretteten Stücke, gehört der Vergangenheit an. Er ist Schloß en miniature wie das Zimmer selbst, das, licht gestrichen, alles Dumpfe, Beengende verloren hat. Mit schwingender Heiterkeit wirft es die gespiegelte Sonne des Waldsees, an dessen Ufer das Haus liegt, zurück. Am Mittag. zittert jede kleinste Welle an der Decke. Die Wände sind von jenem fast weißen Gelb, das wir in Ermangelung eines deutschen Wortes „beige“ nennen. „Elfenbein“ wäre zu hart und glanzvoll für diese bei aller Helligkeit so satte Tönung.

Vergangenes verkörpert dieser Spiegel. Nicht nur-, weil er einer Stilperiode zugehört, die fast zweihundert Jahre zurückliegt. Auch in dem anderen Sinne, weil er an die Vorstellungswelt „Schloß“ gemahnt, spricht er Gewesenes aus: denn jene Welt, ist seitdem mit zeitgemäßer Gewalttätigkeit hinweggefegt worden.

Über dem Sinnieren nähern sich die Gedanken dem dritten, dem einzig wesentlichen Sinne, in dem der Begriff „Spiegel“ dem Gewesenen zuzuordnen ist. Daß immer nur Vergangenes gespiegelt wird und daß ein Reflektieren nur in der Dimension der Zeit stattfinden kann, ist freilich nicht eine Überlegung, die auf der Hand liegt. So gering ist die Spanne zwischen Gegenstand und Spiegelbild, daß sie sich der Wahrnehmung entzieht. Unter dem holdesten Schein des Augenblicks fließt die ewige Bewegung.

Dies ist das unsichtbare Geheimnis des Sichtbaren. Auch dem unmittelbaren Auge bietet die Welt sich nur im Reflex des Lichtes, das an ihrer Oberfläche in Farben zerlegt wird, von denen nur ein Teil, doch mit ihm die ganze zutage getretene Fülle der Dinge dem Blick entgegenbringt.