Als vor einem guten Jahrzehnt die Gedichte von Paul Appel erschienen, war dieser Band eines ebenso beunruhigten wie zarten Geistes den Freunden unserer Lyrik bald wert geworden, und es fehlte nicht an Stimmen, die die Glut seiner Empfindung, die Genauigkeit des Bildes und die Vielfalt der lyrischen Tonarten rühmten. Des Dichters „Neue Gedichte“, die seit langem vorbereitet waren, sind nun der Öffentlichkeit vorgelegt worden.

In dem neuen Buche Appels (erschienen bei Claassen und Goverts Verlag, Hamburg) wird das Gedicht – Stück um Stück – von jenen Kräften bestätigt, die in unserem Schrifttum noch immer untereinander verständigt waren und die wir in Goethes Naturlyrik wie in Mörike, in Claudius wie in Storm begreifen. „Wenn-nur die ewigen Töne des Herzens erklingen, dann ist alles ja gut“, heißt es einmal, und wir meinen sagen zu können, daß wir in den vergangenen Jahren selten Dichtungen begegnet sind, in denen der Herzton als seliges Gespräch ähnlich leidenschaftlich schön durchgehalten ward. Beim Liebesgedicht wird, hinter allem Intimen, allem bloß Enthusiastischen, das Gefühl bei hoher Eindringlichkeit eigentümlich welthaft. Es bekommt etwas Objektives, jedenfalls Unprivates, einen Glanz, der sich nicht mehr in der Stimmung aufhält. Die Begegnung mit dem Du, die „feinen, gewaltigen Beziehungen“ der Geister zueinander, bekommen im „Gesang von allen zart und heißen Erdendingen Dauer. Im Zyklus der Pauli-Lieder tritt das eben Umschriebene am bedeutendsten auf in einer Folge von zwanzig Gedichten von mitunter sprunghafter Kürze. Auch die Landschaft wird dergestalt jeglicher Regionalität enthoben und nimmt durch die Intensität des sinnhaften Andrangs jene Wirklichkeit an, die von vornherein ins Allgemeine zielt. So werden etwa Gedichte wie „In der Schwalm“ oder „Abend im Odenwald“ lediglich Anlaß zu jenem tieferen Bilde, das hinter dem Ungefähr des Anschauungsaugenblicks der Landschaft eine Einfalt gibt, die rein aus dem Gemüte stammt.

Die Idylle hat bei Appel schon seit seinem ersten Buche ihren vermutlich gegenwärtig begabtesten Vertreter gefunden, einen Meister, den – mit persönlichen Erfahrungen gemischt – das Dunkeltonige in ihrer Heiterkeit verlockte, der Abgrund, der in ihr aufgefangen war und leicht wurde. In einer Reihe kostbarer Stücke (Mutteridyll, Hanna, Blumenstickerin, Mädchenbild) wird man gewahr, wie hinter der Anmut des Bildes gelegentlich blinder Dämon lauert, der es zu verschlingen droht, tödliche Gefahr, die knapp gemeistert wurde und eine Spur von Unruhe zurückließ, die die Metapher durchzittert (Idyll mit totem Vogel, Epistel). Stärker noch als im ersten Buch tritt in den „Neuen Gedichten“ das Menschliche selber in der Idylle hervor. Immer aber triumphiert, dieses Dichters Liebe zu seinen Geschöpfen, wird die Erde ihm Seligkeit, in der sich am Ende die Kreatur findet:

„Die Welt ist schön!

Es zittert Glück in meiner Stimme. Ich will nicht singen, doch ein Geist sagt: Singe! Die Welt ist schön, die Erde ist ja schön!“ K. K. * Schade, daß die Auflagen immer noch so gering sind – Lesenswertes gäbe es schon genug unter den Neuerscheinungen! Da ist etwa ein kleiner Novellenband von Luise Rinser unter dem Titel „Erste Liebe“ mit drei wunderschön erzählten. Geschichten, die das erste Liebesglück und -leid von drei jungen Mädchen; unserer Zeit schildern (Verlag Kurt Desch, München). – Nach Inhalt und Sprache etwa ebenbürtig sind die drei Erzählungen, die Peter A. Steinhoff in dem Bändchen „Das Judenkloster“ zusammengefaßt hat (erschienen im Verlag F. A. Herbig-Walter Kahnert, Berlin-Grunewald). Auch hier handelt es sich um echte Novellenstoffe, die der Gegenwart entnommen sind, während Walter Teich in seiner romantischen Erzählung „Armand und Amida“ (erschienen bei Hammerich & Lesser, Hamburg) in die Zeit der Großen Französischen Revolution zurückgreift. Der Inhalt einer Novelle („Laurette ou le Cachet rouge“) von Alfred de Vigny wird von ihm in der scharmantesten Form als Roman neu erzählt.

Der Alster-Verlag Curt Brauns, Wedel i. H., bringt unter dem Titel „Die große Straße“ ein Bändchen mit’kroatischen Dorfgeschichten heraus. Der Verfasser ist Danko Angjelinoviĉ, der Übersetzer Paul Kutzner. Die kleinen Novellen, frisch und anspruchslos erzählt, spielen in einem armen Gebirgsdorf, wo der karge Boden kaum zum Leben ausreicht.

Im Vergleich damit ist uns die Kolchis, das Gebiet jenseits des Kaukasus, an Lauf und Mündung des Flusses Rion, den die Griechen Phasis nannten, eine fremde. Landschaft. Und fremd sind und bleiben uns auch die Menschen dort, wie sie Konstantin Paustowski in seinem Buch „Die Kolchis“ schildert, Elisabeth Kessel hat ein Vorwort zu der Erzählung geschrieben, die im Aufbau-Verlag, Berlin, erschienen ist: halb romanhaft eingekleidete Reportage, halb Propagandaschrift, mit dem Zweck, das sowjetische Kulturwerk der Entwässerung und Urbarmachung jenes Sumpflandes zu glorifizieren. Vieles an den Schilderungen des Buches wirkt unecht; zu viele kleine Unwahrscheinlichkeiten stören den auch nur halbwegs kritischen Leser und verderben die Wirkung. Dabei wäre das eigentliche Thema, die Kultivierung dieses im subtropischen Klima liegenden äußersten Südzipfels der Sowjetunion, ein durchaus dankbarer Reportagestoff. Schade, daß die aus allen Fugen der Erzählung quellende Tendenz – ähnlich, wie wir das aus so vielen Büchern der vergangenen zwölf Jahre kennen – das Buch so ungenießbar macht!