Alarmierende Pressemeldungen haben die norwegische Regierung genötigt, über bisher geheim geführte Verhandlungen mit der Sowjetunion, sie Zukunft Spitzbergens betreffend, offiziell zu berichten. Die Russen wünschen auf dem norwegischer Souveränität unterstehenden Spitzbergen Befestigungen anzulegen und fußen dabei auf den Erfahrungen des Krieges, als der unzulängliche Schutz der Nachschubwege beträchtliche Schiffsverluste der Alliierten zur Folge hatte. Diesem Argument haben die Norweger sich im Jahr 1944 – so weit reichen die Verhandlungen zurück – nicht verschlossen. England und die Vereinigten Staaten wurden über die Gespräche informiert, letztlich auch Dänemark, Frankreich, die Niederlande und Schweden.

Dem russischen Verlangen steht der Spitzbergen-Vertrag von 1920 entgegen, der von den oben erwähnten Mächten, 1925 nachträglich auch von der Sowjetunion, unterzeichnet worden ist. Der Vertrag erkennt die Souveränität Norwegens über die Inselgruppe von Spitzbergen und die Bäreninsel an, ein Gebiet von rund 65 000 qkm. Es wird jedoch ausdrücklich festgelegt, daß Norwegen auf der Inseln keine militärischen Stützpunkte schaffen noch deren Errichtung seitens anderer Staaten zulassen darf. Den wirtschaftlichen Interessen anderer Staaten, insbesondere Rußlands und der Niederlande, die Kohlengruben auf Spitzbergen besitzen räumt der Vertrag besondere Rechte ein.

Die Sowjetunion vertritt die Auffassung, daß in den Verhandlungen der Jahre 1944 und 1945 mit Norwegen die gemeinsame Verteidigung Spitzbergens endgültig festgelegt worden sei. Die Gültigkeit des alten Vertrages wird von Moskau in Frage gestellt, weil die ehemaligen Feindmächte Italien und Japan zu den Signatarmächten gehörten. Großbritannien hat diese Auffassung in einer amtlichen Erklärung abgelehnt.

Die Förderungsanlagen der Kohlengruben und die bedeutende Wetterstation des norwegischen Heeres sowie fast sämtliche Unterkünfte auf Spitzbergen vurden im Jahr 1941 von britischen Kommandotruppen zerstört. Die Bewohner, 700 Norweger und 1600 Russen, wurden evakuiert. Die Allierten errichteten später im Krieg zeitweilig Wetterstationen auf Spitzbergen, um für die Fahrten der Geleitzüge nach Murmansk zur Versorgung der sowjetischen Armeen mit Kriegsmaterial genaue Angaben über die Wetterlage im Eismeer zu erhalten. Nach Kriegsende ist die Wetterstation voll einer kleinen Gruppe des norwegischen Heeres wieder aufgebaut worden.

Im Herbst vergangenen Jahres brach von Leningrad eine sowjetische Expedition mit 16 000 Tonnen Baumaterial nach Spitzbergen auf, um die Anlagen der Kohlengruben, hauptsächlich in der Gegend von Barentsberg, wieder aufzubauen. Die Kohlenförderung, die größtenteils im Tagebau erfolgt, soll noch in diesem Jahr wieder auf genommen werden und nach sowjetischen Plänen bis zum Jahr 1948 auf 800 000 Tonnen jährlich gesteigert werden, während die durchschnittliche Förderung in den letzten Vorkriegsjahren mit 300 000 Tonnen betrug. Nach britischen Pressen Meldungen ist das Gebiet, in dem die sowjetische Expedition arbeitet, streng abgesperrt. Norwegische Berichte aus Spitzbergen sprechen davon, daß die Sowjetunion bereits mit dem Bau von Befestigungsanlagen in der Gegend der Kohlengruben bei gönnen hat.

Die Forderungen der Sowjetunion nach militärischen Stützpunkten auf Spitzbergen werden! vielfach als eine Antwort auf die Errichtung amerikanischer Stützpunkte auf Island angesehen Norwegen jedenfalls sieht sich mit der Spitzbergens frage vor dem größten außenpolitischen Problem seit dem Krieg. Die Regierung hat ein Com4 munique herausgegeben, in dem der Gang der Verhandlungen sowie die Geschichte des Spitzbergen-Vertrages ausführlich geschildert werden. Beton! wird die Absicht der norwegischen Regierung, das Ihre zur Festigung der russisch-norwegischen Beziehungen beizutragen; andererseits auch die Zusicherung Moskaus, loyal vorzugehen und nichts zu unternehmen ohne die Zustimmung der übrigen Signatarmächte, Ob allerdings Oslo positive Vom Stellungen hegt betreffs der Spitzbergener Symbiose der Alltagspraxis zwischen der Souveränität des Kleinen und den militärischen Vorrechten des Giganten, ist aus dem Schriftstück nicht ersichtliche

Onno C. Behrens