Unter dem Beifall einer großen Menschenmenge, die zur Begrüßung erschienen war, ist dieser Tage der neue Botschafter Argentiniens für Spanien, Dr. Pedro Radio, in Barcelona an Land gegangen. Das Publikum, das demonstrativ klatschte, war sich bewußt, sozusagen den diplomatischen Blockadebrecher durch eine unfreundliche Umwelt zu begrüßen. Die Ankunft dieses Diplomaten machte es klar, daß die Wege der UNO, die soeben ihren Mitgliedern den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Franco-Spanien empfohlen hatte, nicht die Perons zu sein brauchten und es offenbar auch nicht waren, – wodurch sich sein moralisches Debet in den Augen aller derer erhöhen mag, die ihm seine demonstrative Lauheit in der Verwirklichung der interamerikanischen Beschlüsse von Chapultepec ohnehin schon als ein Löcken wider den Stachel anrechnen. Daß dieser Vorwurf seit dem Sommer offenbar seine Aktualität nicht verloren hat, besagt die Abschiedserklätung, die der USA-Außenminister Byrnes unmittelbar des seinem Scheiden gegeben hat Alle Beamte des State-Departments, so hieß es darin, seien sich, einschließlich des USA-Botschafters in Buenos Aires, Messersmith, darin einig, daß Argentinien nicht interamerikanischen Verpflichtungen bisher nicht erfüllt habe.

Da es sich um die Worte eines scheidenden Außenministers handelte, könnte Peron immerhin hierbei die Hoffnung haben, daß es sich nicht um die Neueröffnung einer Diskussion, sondern um ihr grollendes Schlußwort handele. Um so mehr, als die argentinische Frage neben Ostasien und Palästina eines der drei Gebiete darstellt, auf denen die Republikaner der bisherigen Außenpolitik ihren Beifall versagt haben. Die bisherige Außenpolitik gegenüber Argentinien bedeutete aber bis zum Sommer den Kurs Spruille Bradens, der mit seinem „Blaubuch“ und seinen massiven und fortgesetzten Angriffen auf Peron zum bestgehaßten Mann in Buenos Aires geworden war.

Sein Gegenspieler Peron hat den Ruf, das südamerikanische Gegenstück der europäischen Diktatoren zu sein und teilt mit diesen sicherlich die Eigenwilligkeit der politischen Konzeption. Aber er weiß sich im Besitze einer taktischen Geschmeidigkeit, die keine der autoritären Figuren Europas besaß. Ihre Triumphe feierte sie im vergangenen Jahr. Die Anfang Juni erfolgte Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion und die mit den Russen geführten Wirtschafts Verhandlungen erregten in Washington ein Aufsehen, das den Staatssekretär Braden völlig in die Defensive drängte. Gleichzeitig nahm dieser Akt den kommunistischen Angriffen im Innern ihre Schärfe und führte sogar zu Sympathieerklärungen kommunistischer Führer aus Mexiko, Brasilien und Chile. Des konnte der nationalen Massen in Argentinien konnte Peron um so sicherer sein, je mehr er in ihren Augen eine Wendung gegen den Wirtschaftseinfluß der USA vorzunehmen schien. Aber diese Vorstellung war einseitiger, als es die Perons war. Noch während die Russen in Buenos Aires weilten, entsandte er seinen bisherigen Generalstabschef, Carlos von der Becke, nach Washington, wobei er ihn „lediglich als Touristen“ bezeichnete und sich so die Möglichkeit einer Distanzierung für den Fall eines Fehlschlages der Besprechungen offen ließ. Indessen, die USA waren reif für Konzession nen geworden. Ihr Wunsch nach Annäherung hatte schon Ausdruck in der Entsendung des bereits in Mexiko, in freundschaftlichem Sinne bewährten Botschafters Messersmith nach Buenos Aires als funden, und Peron beorderte Dr. Ivanissevich als neuen Botschafter nach Washington. Peron gab bekannt, daß die in Argentinien lebenden Nazis gerichtlich abgeurteilt werden würden, „soweit sie gegen die Landesgesetze verstießen“. Diese Freundlichkeit griff schließlich der Tatsache nicht vor, daß im November die durch das State Department ausdrücklich beschuldigten Nazi-Agenten in Buenos Aires für unschuldig befunden wurden. – Washington seinerseits gab über 600 Millionen Dollar argentinischer Guthaben frei und hielt nur 6 Millionen zweier Banken zurück, hinter denen man deutsche Eigentümer vermutete. Über militärische Abreden, die hinsichtlich der gemeinsamen Verteidigung der Westhemisphäre getroffen sein mögen, widersprechen sich die Berichte noch stark.

Daß die Russen bald selbst den Ankauf von 100 000 Häuten annullierten, wegen angeblicher Nichtinnehaltung der vereinbarten Qualität, – daß der russische Dampfer „Baku“ schließlich ohne Ladung weiter nach Montevideo fuhr, und so anscheinend schon der Start der sowjetischen Wirtschaftsoffensive mißglückte, mag in Washington ebenso angenehm verzeichnet worden sein, wie die Erklärung Perons, daß die Sowjetunion keine fremden Ideologien ins Land bringen könne. Auch die schließlich doch noch erfolgte Ratifizierung des Beitritts Argentiniens zur Akte Von Chapultepec, die eine gemeinsame Verteidigungspolitik aller Staaten der Westhemisphäre und die „Eliminierung von Brückenköpfen der Achse“ vorsah, mochte in USA als Lichtblick erscheinen. Aber Peron, der die Aufnahme Argentiniens in die UNO und die Anerkennung seiner eigenen Regierung damit erreicht hatte, erwies sich für die geschäftlichen Hoffnungen der USA auf Überführung der Achsenbeteiligungen und Guthaben in die Hände von US-Konzernen als überlegener Gegenspieler. Es war kein Zufall, daß die Weizenlieferungen Argentiniens an Uruguay in dem Augenblick ausblieben, als die Regierung von Montevideo eine gemeinsame Aktion zur Ausführung der Abmachungen von 1945 vorschlug; noch weniger, daß auch Chile auf eine argentinische Androhung ähnlicher Art hin auf die Linie Perons einschwenkte. Peru hat seine Angriffe auf Peron eingestellt; seitdem dieser den Schiffsverkehr zwischen Buenos Aires und der Westküste einschränkte,

Peron ist sich offenbar bewußt, der taktischen, vor allem wirtschaftspolitischen Möglichkeiten genug zu besitzen, ohne eine Angriffsfläche für ein massives Vorgehen gegen Argentinien zu bieten. Schon die primitive Tatsache, daß Argentinien das in Fülle besitzt, was die Welt heute dringend braucht, und daß es das abzunehmen imstande ist, was die großen Industrieländer abzusetzen sich bemühen, bedeutet verhandlungstechnisch und außenpolitisch eine fast uneinnehmbare Stellung. So scheint Peron mit Gelassenheit das Mißfallen zu verzeichnen, mit dem man in England und USA beobachten mag, daß die Lenkung der Ein- und Ausfuhren durch ein System gestaffelter und bis auf einzelne Warengattungen spezialisierter Umrechnungskurse des Peso für das anglo-amerikanische Bewußtsein eine fatale Parallele zur ehemaligen deutschen Tendenz gelenkten Außenhandels aufweist. Alle diese Maßnahmen zeigen – wie die kürzlich durchgeführte Zollunion mit Chile und der ihm gewährte Kredit von 50 Millionen Pfund Sterling – eine Selbständigkeit Perons, die auch von noch so nachdrücklich verkündeten weltwirtschaftlichen Proklamationen aus dem Norden des Kontinents vollständig unbeeindruckt geblieben ist. Die außenpolitische Geschmeidigkeit Perons bewahrt ihn vor einer Überspitzung der Gegensätze und damit wahrscheinlich vor jener unheilvollen Parallele zu den autoritären Systemen Europas, die lediglich die Politik, der vorgehaltenen Pistole kannten. Hans-Achim v. Dewitz.