Vor einigen Wochen wurden in Hamburg alarmierende Zahlen bekannt: Nicht weniger als 105 000 Stücke Bekleidung, 140 000 m Stoffe und 13 000 Paar Schuhe waren angeblich in acht Monaten des Jahres 1946 beim Hamburger Handel beschlagnahmt worden. Dazu kamen im Oktober in 96 Betrieben weitere illegale Mengen von über 23 000 Bekleidungsstücken und 191 000 m Stoff. Der Hamburger Einzelhandel schien demnach über selten gut assortierte „schwarze“ Lager zu verfügen, und die Frage lag nahe, wie groß wohl erst die Bestände sein müßten, die dem Zugriff der Behörden noch nicht verfallen waren.

Gleichzeitig gewannen einer seits die aufsehenerregenden Erklärungen des damaligen Leiters-des Zentralamtes für Wirtschaft, Dr. Agartz, über die vom Handel entwickelte „Moral mit doppeltem Boden“ bei den verschiedenen Warenbestanderhebungen an Wahrscheinlichkeit, während die vom Handel abgegebenen Versicherungen, es handele sich nur um die bekannten Ausnahmen von der Regel und allgemeine Vorwürfe seien nicht gerechtfertigt, als lediglich interessengebundene Kommentare post festum beiseite geschoben wurden.

Nun aber kommt eine ganz unerwartete Wendung: In Verhandlungen des Norddeutschen Einzelhandelsverbandes mit dem Landeswirtschaftsamt Hamburg wurde festgestellt, daß in jenen erklecklichen Zahlen auch die Mengen enthalten waren, die überhaupt nicht beim Handel beschlagnahmt wurden, während außerdem ein erheblicher Teil der beim Einzelhandel „gefundenen“ Waren als zu Unrecht beschlagnahmt wieder freigegeben werden mußte. Sie waren ordnungsgemäß gemeldet. Ja, das LWA. mußte dem Handel offiziell bescheinigen, daß seine Bestandsmeldungen im allgemeinen zuverlässig sind und Verfehlungen einzelner um so weniger verallgemeinert werden dürfen, als der Handel nach besten Kräften bemüht ist, seinen schwierigen Aufgaben gerecht zu werden.

Da erging es dem Einzelhandel in Hamburg also ebenso, wie vor Monaten Hamburger Nachtlokalen: Mit einem riesigen Polizeiaufgebot, das einer zweckmäßigeren Sache würdig gewesen wäre, wurden sie geschlossen und den Inhabern wurde die Konzession entzogen. Der gläubige Untertan sah aus den eleganten Räumen schon.Wohnungen erstehen. Aber auch hier hatte man sich geirrt, und die Lokale durften, eines nach dem anderen, wieder ihren Betrieb eröffnen.

Jedenfalls ist für den Hamburger Einzelhandel eine unerfreuliche Episode abgeschlossen worden, und es ist nur zu wünschen, daß nicht nach dem Prinzip des „Semper aliquid haeret“ gewisse hintergründige Meinungen über den Einzelhandel hier und dort noch bestehen bleiben. Gerade von amtlichen Stellen müßte die seit 1933 gegen den Handel geübte Geringschätzung einer sachlichen und objektiven Würdigung und Anerkennung seiner Leistungen Platz machen – und zwar auch ohne den Zwang einer durch falsche Vorwürfe notwendig gewordenen Berichtigung. – oe –