Sie sagen: Das mutet mich nicht am Und meinen, sie hătten’s abgetan!

Goethe

Ja oder Nein zu sagen zu den mannigfaltigen Dingen dieser Welt und also auch zu denen der Kunst, steht in jedermanns Belieben; denn jedermann hat ein unabdingbares Recht auf seinen persönlichen Geschmack, über den bekanntlich nicht gestritten werden kann. So lehnen manche Rubens’ Malereien ab. weil seine Leiber zu korpulent seien, oder Dürers Graphik, weil seine Liniensprache zu Wirt sei und zu zerknittert; anderen wieder sind Grunewald oder Greco zu unnatürlich. Cranach und Grien zu häßlich, Degas zu kühl Leibl zu phantasiearm, Menzel zu nüchtern, und was es an solch absonderlichen Urteilssprüchen immer geben mag. Meinungsäußerungen dieser Art, sie mögen nun negativ sein oder auch positiv – Ablehnung und Beifall stehen ja gerade in den Dingen der Kunst meist einander schroff gegenüber – haben etwas Sympathisches, auch wenn sie ohne den rechten Respekt und die rechte Begründung nichts weiter bleiben als der freimütige Ausdruck dessen, wie einem zu Mute ist, als ein unbekümmertes Ja oder Nein in der allgemeinen Lauheit und Unsicherheit vor den Gebilden der Kunst oder in der üblichen Verängstigung. sich gerade bei der Betrachrung ihrer Werke sträflich zu blamieren.

Werden solche Ansichten aber nicht als private Meinungen, sondern als gültige Urteile ausgesprochen, so liegt der Fall erheblich anders. Dann nämlich erwächst die Frage, aus welcher Legitimation der also unbekümmert Urteilende sein Urteil abgibt, und das will sagen, ob er der Sache der Kunst nahe genug steht, daß ihm ein maßgebliches Urteil erlaubt sei. Denn das dürfte wohl unbestritten bleiben, daß man, um über eine Sache urteilen zu können, auch etwas davon verstehen müsse. So sehr aber die Gültigkeit dieses Satzes im großen und ganzen auch respektiert wird, gerade in der Kunst und insbesondere in der bildenden, bei Malerei, Plastik und Zeichnung scheint diese Gültigkeit mit einem Male ungültig zu werden. Und Goethes Ausspruch, daß jeder, weil er spricht, auch glaube, über die Sprache sprechen zu können, gilt abgewandelt für die Kunst: jeder, weil er sieht, glaubt auch die Kunst sehen zu können. Menschen solch schönen Selbstvertrauens erteilen alsdann mit bemerkenswerter Schnelle und Sicherheit ihre gestuften Noten: dies Bild ist gut, ja meisterlich, jenes aber ist schlecht, ein anderes wieder nur mittelmäßig.

Solch vermeintliche Urteilssicherheit gründet zum einen Teile in Gefühlen und Gedanken, die die Betrachtung von Kunstwerken in jedem Menschen mannigfach auslöst, doch mit dem eigentlichen bildnerischen Tatbestand und dessen Erkenntnis haben sie noch nicht das mindeste zu tun. Zum anderen und überwiegenden Teile aber nimmt jenes selbstgewisse Kunsturteilen seinen Maßstab von dem Mehr oder Weniger an Ähnlichkeit oder Übereinstimmung, die das künstlerisch gestaltete Thema mit seinem natürlichen Vorbilde hat. Und gerade damit wird genau an dem vorbeigeurteilt, was ein Kunstwerk in Wahrheit ist: nämlich keine Wiedergabe. keine bildliche Beschreibung der Darstellung der Natur, sondern ein Bild der Natur. Das bedeutet nicht nur ein Stück Natur und setzt nicht nur ein Zeichen für ein solches, etwa für Baum oder Tier oder Mensch, sondern bedient sich dieses Zeichens in einem neuen, geheimnisvollen Sinne. Die neue Schöpfung hebt die besondere Gesetzlichkeit jenes Stückes Natur empor in eine geläuterte Sichtbarkeit. Dadurch entsteht ein geistiges Ordnungsgefüge mit einer Gesetzlichkeit, die das verborgene Sein der Welt transparent werden läßt, das alle Erscheinungen erst bedingt. Und es ist das Erstaunliche, daß, je stärker die Eigenart, je größer die Macht der Gestaltung, um so gültiger auch die Gesetzlichkeit des gestalteten Werkes ist, so daß auf eine geheimnisvolle Art das Subjektive und Objektive sich unlöslich ineinanderschlingen. Das künstlerische Werk aber gewinnt einen um so höheren Rang, je objektiver sein Subjektives, je subjektiver sein Objektives ist.

Alle jene aber, die so überaus urteilssicher und urteilsbeflissen sind, sollten sich gelegentlich einer Prüfung unterziehen, für die es höchst aufschlußreiche Themen gäbe. Es sei nur das folgende herausgegriffen: Handzeichnungen von Rembrandt zu unterscheiden von denen seiner Zeitgenossen wie von denen seiner Schüler, Kopisten und Fälscher. in diesem Falle nämlich fehlt es an besonderen äußeren Merkmalen, an denen die Unterschiede deutlich und handgreiflich zu erweisen wären wie solche von Werkzeug oder Technik, Motiv oder Medium. Alle Argumente dieser Art versagen, da die angeblichen rembrandtischen Blätter zu Rembrandts Zeit noch entstanden sind und auf das gleiche Papier, mit der gleichen Kiel- oder Rohrfeder, der gleichen Kreide oder dem gleichen Eitel gezeichnet, mit dem gleichen Pinsel, der gleichen Sepia oder Tinte laviert, mit dem gleichen Deckweiß übergangen oder korrigiert wurden. Und nicht selten ist auf ein und demselben Blatt ein Stück echten Rembrandts in einem nichtrembrandtischen Ganzen herauszuspüren wie auch umgekehrt. So gilt einzig die Schiffe, Sicherheit und Empfindlichkeit des Auges, die es vermögen, die Hand des großen Künstlers zu scheiden von der des geringeren, die Hand der originalen Faktur von der nachempfundenen oder nachgeahmten. In den meisten Fällen wird eine solche Prüfung erschreckend dartun, auf welch schwankem Boden doch die vermeintliche Urteilsgewißheit ruht, und wie schwer es im Grunde ist. Kunstwerke wirklich zu sehen und zu verstehen. Das will beiden: jenes geheimnisvolle Etwas. Kern. Essenz der Kunst, das alle Darstellung der Natur erst zum Kunstwerke erhebt, gilt es in seiner besonderen Struktur zu erkennen. Damit werden zugleich die Unterschiede erfaßt und gerade die subtilen, aber zuletzt entscheidenden, welche die Stufen künstlerischer Qualität ausmachen.

Eine solche Prüfung würde nebenher noch erweisen. daß alles Wissen um Kunst etwa im historischen Sinne noch keineswegs sichere Urteilsfähigkeit gibt. Die Erkenntnis der Qualität und der Ranghöhe eines Werkes hat nichts zu tun mit dem Wissen um die seelische Welt, um Raum. Zeit und Rasse mit allen dazugehörigen Umständen, aus denen ein Werk hervorgewachsen ist. In beiden Fällen hat die Erkenntnis jeweils ein anderes Ziel: eine gotische Plastik, eine chinesische Malerei, einen japanischen Holzschnitt oder eine persische Miniatur zu datieren oder den Grad ihrer Qualität zu erkennen, das sind zwei voneinander völlig verschiedene Dinge. Und der Fall ist nicht selten, daß großer Sicherheit in der Bestimmung eines Kunstwerkes nah Landschaft, Meister und Epoche eine gleich große Unsicherheit gegenübersteht in der Bestimmung seines künstlerischen Ranges: Art und Grad bildnerischer Verwirklichung sind nicht miteinander zu verwechseln.