In der Galerie "Junge Kunst" zu Hamburg wurde eine Ausstellung von neuen Gemälden Carl Hofers zusammengetragen. Folgende Ausführungen sind der Eröffnungsansprache entnommen, die Professor Ahlers-Hestermann, der Direktor der Landeskunstschule Hamburg hielt;

In der Begegnung mit den Bildern Carl Hofers zeigt sich ein Zwiefaches und Gegensätzliches: sie haben ein verschlossenes Antlitz, sie zeigen eine hermetische, abgerückte Welt, in der selbst der harmlose Vorgang Fraglichkeit bekommt, als sei er kein Vorgang, sondern ein Vorhang, hinter dem ein Unbekanntes stände. Andererseits aber dringen diese Bilder auf den Beschauer ein, wir erleben einen Ansturm durch Gesichte, und während heute das meiste Gemalte gegenüber der furchtbaren Wirklichkeit, die wir durchleben, gleichgültig, seltsam ferne Spiegelung oder abseitige Malerangelegenheit bleibt, fühlt man sich hier angesprungen wie von mythischen Tieren, aus Schuppenleibern, Löwenpranken und Fledermausflügeln zusammengesetzt, die dennoch ein organisches, ein bedrohliches und höchst reales Ganzes bilden.

Es ist wohl so, daß wir erschüttert werden, weil sich hier die Zeit in Bildern ausspricht – in Sinnbildern, nicht in Illustrationen. Wir sehen zwar keine vor Hunger und Kälte Umkommenden, keine Kohlen stehlenden Kinder, keinen Schwarzmarkt, – kein Schlangestehen. Aber da sind wie eine Vorahnung, schon 1928 konzipiert, diese schwarzen Traumzimmer, in denen ein junger Mensch mit Stirnfalten und schiefer Nase steht und willenlose dunkle Gestalten zusammentrommelt; da schlägt, zu großartiger Gruppe geschmiedet, Kam seinen Bruder Abel tot – und freilich sieht Abel auch nicht viel besser aus als Kain. Da ist Hampelmann in den schönen, von den Malern unserer Generation so gern, verwandten Harlekinsfarben; nun; er brennt, er wird von Flammen verzehrt, gleich ist es aus mit der geliebten peinture, denn das Feuer regnet vom Himmel. Endlich, in samtig braunem Halbdunkel ein Tanz der Verstorbenen, leer und ausgelassen, kleinbürgerlich: sie sind schon tot und wissen es nicht.

Doch schon regt sich der Widerspruch: Wie? Heißt das nicht, den Künstler "literarisch" betrachten oder vielleicht das "Literarische" an seinem Werk zu werten und von den Inhalten seiner Bilder zu sprechen statt von seiner Malerei? Das "Literarische" – schwerster Vorwurf, den man dem Künstler machen konnte in Hofers Jugend, da man endlich den Weg frei gemacht zu haben glaubte für die "reine" Malerei, die nur mit den ihr eigenen Mitteln die ihr eigenen Wirkungen erreichen durfte! Das hat. seine tiefe Berechtigung gehabt, insbesondere zwischen 1875 und 1900 etwa, als man gegen die theatralischen Auswüchse der Historienmalerei zu Felde ziehen mußte oder gar gegen die entsetzliche Plattheit der sogenannten Genremalerei. Damals gab es die große gesunde Gegenbewegung, und diese führte zu einer Maler-Ästhetik, die jeden vorgangsmäßigen Inhalt im Bild ablehnte und sich steigerte zu der Behauptung, daß der Vorwurf – nämlich Motiv und das Sujet – "nichts", die formale und farbige Gestaltung "alles" sei.

Wenn man das ungeheure Gebiet der vorhandenen Kunstwerke überblickt, so sieht man, daß der bildende Künstler doch fast immer vom "Stoff" ausgegangen ist; aber niemand wird behaupten, daß dadurch die Gestaltung im Bild überflüssig werde oder eine Vermischung der Künste einträte. Also nicht, ob ein Bild Vorgang und Handlung enthalten dürfe, ist die Frage, sondern ob die Gestaltungskraft des Künstlers vermocht hat, diesen sagbaren Inhalt in plastische Erscheinung umzuschmelzen, so daß er aufgeht in ein Werk der Form und der Farbe.

Dies ist nun bei Hof er in ganz eminentem Maß der Fall. Es ist dieses Ordnen und Umschmelzen, dieses Denken in Formen, Volumen, Proportionen, Gegensätzlichkeiten, Winkeln, Diagonalen, Ausdehnungen, Raumhaftem, Flächenmäßigem, dieses Denken in Kunstformen ein Teil seines Wesens geworden, und stets spürt man das geradezu mathematische Gerüst, das unter der Farbschicht liegt und das nicht als eine vorher ausgedachte Konstruktion, sondern aus einer, dem Künstler natürlich gewordenen Forderung seines Auges entsteht und während der Arbeit dauernd modifiziert wird. – Kaum zu glauben, daß sich über seine ersten Lehrjahre in – Karlsruhe noch die milde Gestalt Hans Thomas geneigt hat. Dann kam Rom, das fast außerhalb der Zeit lag, und der Jüngling wurde heimisch in den Hesperidengärten Marées. Er baute als ein junger Meister Kompositionen von stillen schönen Körpern. 1908 ging es nach Paris, das erfüllt war von der Nachwirkung des alten Cézanne und dem Zickzack des jungen Picasso. Von hier aus gab es dann noch Fahrten ins Weite, an Indiens Palmenküsten.

Doch dann kam die große Zäsur: der Erste Weltkrieg. Diese Heiterkeit, diese schweifende Freiheit war dahin. Drei Jahre Internierung, eine schwarze, schweigsame Pause – 1919 die neue Heimat Berlin. Hier, in Berlin, sah Hofer in das Gesicht der deutschen Nachkriegswelt. Damals begann der Zug der Gestalten, der bis heute durch sein Werk geistert. Die Fragwürdigkeit menschlicher Existenz, alles südlich-sensuellen Glanzes entkleidet, hatte ihn angerührt. Das Unheimliche wurde Figur.