Vor einigen Wochen deckte die ungarische Polizei eine Verschwörung auf, die den Sturz des gegenwärtigen Regimes beabsichtigt haben soll. An dem Versuch des Staatsstreichs sollen weite Kreise hoher Beamter, Offiziere und Mitglieder der Partei der kleinen Landwirte sowie Diplomaten und emigrierte pro-Horthy-Politiker beteiligt gewesen sein. Aus diesem Anlaß wurden einige hundert Personen verhaftet, darunter acht Abgeordnete der Partei der kleinen Landwirte.

Ungarn hat im Gegensatz zu seinen östlichen Nachbarn ein fast demokratisches. Regime. Die Koalitionsregierung, die nach den Wahlen im November 1945 gebildet wurde, setzt sich aus Vertreten, der stärksten Partei – der rechtsstehenden Partei der kleinen Landwirte – und aus Vertreten der Sozialdemokraten, Kommunisten und der Nationalagrarpartei zusammen. Der Präsident der Republik, der Geistliche Zoltan Tildy, und der Ministerpräsident gehören der Partei der kleinen Landwirte an.

Diese Koalition, in der es von Anfang an an Gegensätzen nicht fehlte, ist durch die letzten Ereignisse schwer erschüttert worden. Die Kommunisien zeigten immer Unzufriedenheit, weil ihr Einfluß nicht so stark war, wie sie es für notwendig erachteten. Sie haben zwar bereits vor einem Jahr erreicht, daß prominente Mitglieder des rechten Flügels der Landwirtepartei aus der Koalition ausgeschlossen wurden, fuhren aber fort, diese Partei als reaktionär zu bezeichnen. Sie bestritten auch die Echtheit des Wahlsieges dieser Partei und behaupteten nicht ohne Grund, daß die 60 v. H. der für sie abgegebenen Stimmen nicht nur von ihren Anhängern, sondern vor allem von den Wählern stammten, die, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, ganz extrem rechts gewählt hätten Auch ein Großteil der Mitglieder der Partei der kleinen Landwirte glaubte Grund zur Unzufriedenheit zu haben. Sie werfen dem Ministerpräsidenten Ferenc Nagy vor, den Kommunisten gegenüber sehr nachgiebig zu sein, und verübeln es ihm, daß er es zugelassen hat, daß alle wichtigen Posten in der Verwaltung und der Polizei von Kommunisten bekleidet werden.

Es ist schwer zu sagen, wieweit die Fäden der Verschwörer gereicht haben und ob sie, wie in Budapest behauptet wird, mit dem Ausland in Verbindung standen. Ungarn ist ein besetztes Land und wird es auch für längere Zeit bleiben. Es soll zwar 90 Tage nach Inkrafttreten des Friedensvertrages’-von der Besatzungsmacht geräumt werden, aber die Sowjetunion behält das Recht, in Ungarn die notwendigen Streitkräfte zur, Aufrechterhaltung der Verbindungslinien mit Österreich zu belassen. Aus diesem Grunde scheint die Behauptung, daß die Verschwörer einen bestimmten Plan zum Sturz des gegenwärtigen Regimes gehabt hätten, weniger glaubhaft als die Vermutung, daß nur eine lose Fühlungnahme unter gewissen unzufriedenen Kreisen Ungarn bestanden hat.

Aber die angeblich geplante Aktion scheint Anlaß zu bedeutenden Veränderungen in Ungarn gegeben zu haben. Die Kommunisten benutzen diese Gelegenheit, um die Partei der kleinen Landwirte zu schwächen, was ihnen sicherlich gelingen wird. Der Führer der kommunistischen Partei und stellvertretende Ministerpräsident Karosi erklärte bereits auf einer Kundgebung, daß die Linksparteien in Zukunft nur bereit seien, mit der Partei der kleinen Landwirte zusammenzuarbeiten, wenn ein gründliches Untersuchungsverfahren nicht nur gegen die ausgeschlossenen Parlamentsmitglieder, sondern auch gegen die gesamte Partei durchgeführt würde. Das würde natürlich zu der Gleichschaltung der letzten Partei führen, die sich für einen gemäßigten Kurs einsetzte und im Ausland als Garant für ein demokratisches Regime in Ungarn galt. So wird Ungarn bei der Unterzeichnung seines Friedensvertrages ein noch weniger demokratisches Regime haben als bisher, was allerdings im Augenblick Budapest keine außenpolitischen Schwierigkeiten bereiten dürfte.

A. B.