In Köln (Gabrie Rusche) wird zum 60. Geburtstag des Bildhauers Ewald Mataré eine Ausstellung seiner Werke veranstaltet.

Der Bildhauer Ewald Mataré steht in der modernen deutschen Bildhauerei auf der am weitesten vorgeschobenen geistigen Position. Er erscheint wie einer, der über einem breiten Strom auf einer steilen Klippe steht und mit der unbeteiligten Gelassenheit eines "Wilden" beobachtet, wie das Schifflein der europäischen Zivilisaton auf dem Strom menschlichen Beharrens tiefen Abstürzen zutreibt, die er, der Wilde, in der Ferne schon sieht, die den Fahrgästen – im Schiff aber noch gänzlich verborgen sind. Der Wilde sieht nicht nur den sicheren jähen Sturz, sein empfindlicher Instinkt fühlt auch, daß das ganze Flußbett einfach nicht mehr trägt und durch Ereignisse im Untergrund tellurischer Schichten weithin schon unterwühlt ist. Das Schiffchen aber treibt dahin mit Kling-Klang und Gloria und hatte auf der vorletzten Station sogar Fähnchen aus "Kraft durch Freude" gesetzt ...

In der Tat ist das die Lage der breiten europäischen Zivilisation von heute: schon in weiten Strichen untergraben, tut sie so, als ginge alles weiter. Man treibt trotz Kafka immer weiter "Literatur", hält trotz Picasso "künstlerische Ernten" in großen Ausstellungen, "bereichert" die bildhauerische Produktion um mindestens hundert Akte jährlich – trotz Mataré. Aber am Fall Kafka und Picasso und Mataré sieht man, daß es schon einige gibt, die offenbar nicht mehr zur Zivilisation des menschlichen Beharrens gehören und "Wilde" geworden sind. Sie sind ohne jede Absicht zur Rettung, das heißt ohne pädagogische Absichten, auf die Klippen gestiegen. (Es scheint. sogar, als ob es einen ganzen Kontinent von solchen "Wilden" gäbe: Amerika! – das Amerika Saroyans, Thornton Wilders, Thomas Wolfes .. .)

In einer bestimmten Gruppe von Bildhauern wird seit langer Zeit der Irrtum bekämpft, daß man Figuren machen könne, so lange es Ton und Modelle gib, und behauptet, man könne Figuren überhaupt nur aus einer genauen bildnerischen Gesinnung machen. Mataré aber geht über dies nochhinaus und behauptet, man könne überhaupt keine Figuren mehr machen oder nur unter gewissen, heute fast nicht mehr möglichen Voraussetzungen. In der Tat macht Mataré, obwohl er Bildhauer ist, keine Figuren, jedenfalls keine, die in der Terminologie der bisherigen Bildhauerei als solche zu bezeichnen wären. Mataré macht "Dinge".

Der Denkvorgang dieses Künstlers beginnt dort, wo alles vernünftige bildhauerische Denken heute zu beginnen hat: bei Hildebrandts "Problem der Form". Für Mataré ist Bildhauerei die Bewältigung des Problems der plastischen Form; ihre Formmittel sind abstrakt. Sie erschafft Gegenstände, die außerhalb jeglichen Ausdrucks und jeglichen Gefühls für sich existieren. Sie bildet nicht nach, noch sucht sie Gleichnisse für Gefühle in der Form. Sie schafft "Dinge", und es ist nur eine Frage der in der bildnerischen Vorstellung wirksamen Erinnerung, daß die abstrakten Formen als Analogien zur Natur erscheinen. Diese "Dinge" wären auch vorhanden, wenn es keine Natur gäbe, keine Möglichkeiten der Assoziation; sie haben, einmal geschaffen, auch kaum eine Relation zur Gefühlswelt des Künstlers selbst – sie sind allgemein und anonym. In diesem Punkte ist Mataré den Ägyptern vergleichbar, die im Schatten der Pyramide ihre Katzen modellierten. In diesem Punkt ist er der Mensch außerhalb der modernen Zivilisation, der "Wilde", der einen Gegenstand schafft, ihn dann aber ergriffen und furchtsam betrachtet, weil er plötzlich den Zauber des anonymen Eigenlebens der "Dinge" erkennt. So führt der eine Weg von der abstrakten Formvorstellung aus zum Resultat des "verdichteten. Gegenstandes"; der andere Weg geht aus von der "Sensation", von jenem unmittelbaren Betroffensein der künstlerischen Erregung vor der Natur, die Mataré in der echten "Zeichen"-Welt der Graphik nachzuformen sucht.

Die intensive Beschäftigung des Künstlers mit dieser Sensation sucht dadurch, daß das erinnerte Bild in den Bereich der-abstrakten Formvorstellunng gerät, jeweils ein Gleichnis in der reinen Form: eine Metapher, die die erinnerte Sensation in die Ebene der bewußten formalen Vorstellung hebt. Sie erfindet ein Zeichen, das die Gegenstände der Welt in die legendäre, allgemeine Sichtbarkeit der Form erhöht, die Natur in die Anonymität des Zeichens bannt und doch die Sensation noch einbezieht. Diese beiden Wege sind in der künstlerischen Vorstellung – Matarés nicht scharf zu trennen; er bleibt in seiner eigenen Welt der homo Indem, der in den Reichweiten seiner künstlerischen Erregung spielende Mensch, aus dessen erregter Beschäftigung, gleich von welcher Seite aus, doch immer das "Ding" oder das "Zeichen" – entsteht.

Aber was bedeutet das in der Legende des menschlichen Geschlechts, in unserer – Geschichte? Wann wurden überhaupt noch "Dinge" gemacht? Eins ist sicher: im 19. Jahrhundert nicht mehr. Die Romantik -verwandte das Ding als Staffage für das Gefühlserlebnis, der Klassizismus erinnerte sich an seine frühere Gestalt, der Realismus schilderte es, der Impressionismus verwob es in das schimmernde Gespinst des Lichtes. Cézanne erkannte das "Ding" deutlich, es war ihm aber wichtiger, seine "théorie" darauf anzuwenden; immerhin wurde durch ihn die Welt erneut an das Problem herangeführt. Dann ging der Hexensabbath dieses Jahrhunderts los: Braque, Picasso, Juan Gris und alle, die nach ihnen kameh, drehten und wendeten das Ding so lange, bis es zerbrach und schließlich im Surrealismus verlassen und heimatlos zur Metapher eines angstvollen literarischen Gefühls wurde. Nur in Italien stand es feierlich im Scheinendes "valors plastico" im Werke Morandis und Carràs. Weil wir aber die .Angst vor dem Ding im Surrealismus gelernt haben, lernen wir es jetzt auch selbst allmählich wieder kennen.

Mataré hat über seinen Standpunkt in der Geschichte kaum nachgedacht; ihm ergab sich seine Form im nachdenklichen Spiel. Es drängte ihn zum "Ding"; er sah es überall entstehen und stehen. Es entstand Mataré im zärtlichen Spiel um die Form, entstand in seiner Hand- als "Handschmeichler" wie die Ostasiaten ihre schönen Dinge nennen. Es entstand ganz außerhalb der Sphäre der intellektuellen Zivilisation mit der ganzen Ernsthaftigkeit eines spielenden Kindes oder der eines "Primitiven". Es gibt in dieser Zone keinen. Unterschied mehr zwischen Kunst und Kunstgewerbe. Ob Mataré eine Kuh modelliert oder einen Topf ist gleichgültig, beide Male entsteht eine ganz gleiche Existenz: ein Ding! Werner Haftmann