Die Wahl Edouard Herriots zum Präsidenten der französischen Nationalversammlung gibt ihm im parlamentarischen Leben der Vierten Republik die Stellung, die er nicht weniger als fünfmal in der Dritten innegehabt hat. Das heutige Frankreich, hervorgegangen aus der äußeren Befreiung durch die Alliierten und dem Geist der Untergrundbewegung, sieht damit an der Spitze seiner Volksvertretung einen Mann, der von der allgemeinen Diskreditierung der Vorkriegspersönlichkeiten verschont geblieben ist, nachdem, seine Stellungnahme gegen Pétain und seine gesinnungsmäßige Nachbarschaft zur Widerstandsbewegung, ihn sogar den Gaullisten genügend legitimiert haben. Seit er im Jahre 1905 als Radikalsozialist zum Bürgermeister von Lyon gewählt wurde, ist seine öffentliche Wirksamkeit nur noch durch die vier Jahre Haft während des zweiten Weltkrieges unterbrochen worden. Eine auch unter den glänzenden Geistern des politischen Lebens in Frankreich nicht häufige Vielseitigkeit hat ihm auch den entsprechenden Reichtum an öffentlicher Wirkung gebracht. Der gleiche Mann, der als Kommunalpolitiker, als Bürgermeister Lyons, so glänzende administrative Fähigkeiten zeigte, daß diese Stadt als einzige ganz Frankreichs auf das Octroy, den Gemeindezoll auf Lebensmittel, Verzichten konnte, der als Kabinettsmitglied unter Briand 1916/17 ebensoviel Energie wie Umsicht bewies und als Außenminister und Ministerpräsident später den Mut besaß, auch aus unpopulären Erkenntnissen die Konsequenz zu ziehen, hat sich auch als Kulturhistoriker, Schriftsteller und Philosoph seinen Platz unter den ersten Autoren des modernen Frankreich zu sichern vermocht. Seine Beethoven-Biographie, seine Qualitäten als Goethekenner, sein Buch über Frankreichs Stellung in der Welt, über das neue Rußland und nicht zuletzt seine Studie über die "Quellen der Freiheit" haben diesen Ruf geschaffen. Aus Neigung und Erkenntnis politisch Europäer, wurde er notwendig schon nach dem ersten Weltkriege Gegner nationalistischer Exzesse. Einer ihrer schlimmsten war die Ruhrbesetzung, und dies wurde auch die Frage, an der Herriot zum Gegenspieler Poincarés werden mußte. Nach dessen Sturz leitete er den Abbruch der Ruhrbesetzung ein, wie er später auch für die Beendigung der deutschen Reparationen eintrat. Als er 1929 Material für seine Beethovenbiographie in Berlin sammelte, hielt er eine Rede über Paneuropa, die heute erneut Aktualität besitzt. Das hinderte indessen nicht, daß die noch im gleichen Jahre stattfindende Kammerdebatte über eine Revision der Friedensverträge und über die deutsch-österreichische Zollunion auch bei Herriot einen Rückfall in die Mentalität des traditionellen Franzosen zeigte, dessen Europäertum, so leicht nicht über die Hürde Deutschland hinwegkommt. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust – und so kommt es denn, daß das französisch-allzu-französische Element in ihnen sich bis in die Beethoven-Biographie verrät, in der die durchaus unmusischen Triumphe der napoleonischen Waffen einen über das notwendige Zeitkolorit weit hinausgehenden Raum beanspruchen. v. De.