Überraschend ordnete der französische Ministerpräsident zu Beginn des neuen Jahres eine allgemeine Preissenkung um 5 v. H. an. Die wie immer glänzend formulierte – Rundfunkansprache ließ keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit, den Franc zu retten. –

Schnell und unaufhaltsam waren die Preise in den letzten Monaten gestiegen, das Land befand sich mitten in der Inflation und verlangte immer nachdrücklicher energische und erfolgreiche Maßnahmen. Selbst in Anbetracht des angeschwollenen Notenumlaufs und der kurzfristigen Staatsverschuldung schienen die Preise überhöht. Große Warenvorräte werden nach Meinung der Regierung von Produzenten und von Händlern zurückgehalten. Wenn es wirklich gelingt, die Preisentwicklung umzukehren, so kann der "psychologische Schock", den M. Blum als das Hauptziel seiner Maßnahmen bezeichnete, vielleicht sogar einen allgemeinen Preiseinbruch herbeiführen.

Die Maßnahmen wurden allgemein als richtig und notwendig anerkannt und lebhaft begrüßt Das Kabinett besaß die Unterstützung aller Parteien, und auch die Gewerkschaften hatten ihr Einverständnis erklärt. Trotzdem zweifelte ein großer Teil der Bevölkerung wie der Presse am Erfolg. Dabei war die kurze Amtsdauer des Zwischenkabinetts Blum, dessen Rücktritt für Mitte Januar bereits feststand, nicht der wesentliche Grund der Skepsis. Die begonnene Aktien entspricht zu sehr den Erfordernissen der Laje und dem einmütigen Wunsch des Landes. Auch die neue Regierung hat daher sofort erklärt, den eingeschlagenen Kurs beibehalten zu wollen. Aber der Individualismus der Franzosen ist ausgeprägt, und das Fehlschlagen vieler staatlicher Maßnahmen hatte Mißtrauen und Zweifel verbreitet M. Blum verordnete und versprach jedoch nicht nur – er handelte mit einer seit langem ungewohnten Energie und Schnelligkeit. Die Geschäfte wurden angewiesen, neben den alten auch die neuen Preise ihrer Waren anzugeben, damit sich das Publikum selber von der Senkung überzeugen könne. Eine Besprechung mit den Präfekten der Provinzen sicherte die genaue und einheitliche Durchführung in dem ganzen (straff zentralistisch organisierten) Land. Die Regierung teilte mit, daß sie zur Orientierung der Öffentlichkeit beabsichtige, Musterläden einzurichten. Sie sollen Pächtern übergeben werden, die sich besonders zur Einhaltung der Vorschriften verpflichten. Wirtschaftliche Konkurrenz wird also die Verwaltungsmaßnahmen unterstützen. Mit großem Aufgebot überprüft außerdem die Polizei Geschäfte und Gaststätten. Die täglich aus Paris einlaufenden Meldungen zeigen bemerkenswert gute Resultate. Zum Beispiel hatten von 9200 Pariser Läden, die in 24 Stunden kontrolliert wurden, nur 97 die Preise nicht gesenkt, während sie in 51 Fällen sogar um mehr als 5 v. H. herabgesetzt worden waren. Der ernste Appell an die Einsicht und Mitarbeit der Erzeuger, Händler und Verbraucher hat also offensichtlich doch – jedenfalls zunächst – Gehör gefunden. Die drohende Gefahr gab den Anordnungen, die zudem als notwendig und zweckmäßig einleuchteten, einiges Gewicht. Auch der Druck der Verbraucher, in deren Interesse die Preissenkung liegt, dürfte sich als wirksam erwiesen haben.

Durch die Ankündigung einer zweiten Preissenkung für den 1. März und "weiterer Schritte" hofft man die Spekulanten zu schnellen Verkäufen ihrer Vorräte, die Käufer dagegen zur Zurückhaltung zu veranlassen. Der erste Zweck der ganzen Aktion ist, die Bevölkerung zu überzeugen, daß die Preise statt weiterhin anzusteigen, von nun an dauernd sinken werden.

Die bisherige französische Entwicklung bot das typische Bild einer Inflation. Die Preise, die sich mit geringen Unterbrechungen seit 1914 aufwärts bewegten, stiegen in den letzten Monaten mit zunehmender Geschwindigkeit Sie zogen die Löhne nach sich, und als die Aufwärtsbewegung erst einmal fühlbar in Gang kam und weitere Steigerungen Vorauszusehen waren, hörte die Bevölkerung auf zu sparen, man begann sogar Sparguthaben aufzulösen Während die Staatsausgaben stiegen, konnten Staatsanleihen nicht mehr untergebracht werden. Infolgedessen mußten die Finanzminister immer wieder und immer höhere kurzfristige Kredite aufnehmen, also immer mehr Geld Schaffen. Hierdurch und durch die noch weit gefährlichere Notenausgabe wuchs die Geldmenge rapide, während als Folge der fortschreitenden Entwertung gleichzeitig auch noch die Umlaufsgeschwindigkeit zunahm, da sich Jeder bemühte, seine Kasse so klein wie möglich zu halten. Zugleich wurden. die "wertbeständigen" Waren zurückgehalten, die Knappheit dadurch weiter vergrößert und die Preise noch höher getrieben. So steigerte die Inflation sich selber, nachdem sie ein gewisses Stadium erreicht hatte.

Wenn es nun gelingt, das Vertrauen in einen stabilen oder sogar wachsenden Wert des Franc Wiederherzustellen, so wird nach und nach auch wieder mehr gespart und dadurch die Konsolidierung der Staatsschuld ermöglicht werden. Die weitere Ausdehnung des Notenumlaufs und der kurzfristige Kredite hofft man abschwächen zu können.

Um die Verringerung der Geldmenge und die Vergrößerung des Warenangebots zu beschleunigen, hat die Regierung außerdem die Diskontsätze etwas erhöht, wodurch die Aufnahme kurzfristiger Kredite von Seiten der Wirtschaft eingeschränkt werden soll Darüber hinaus wurden die Banken auch noch direkt angewiesen, sich weitgehend auf die Gewährung produktiver Kredite zu beschränken. Damit soll insbesondere denjenigen Händlern und Produzenten, die bisher ihre Vorratsbildung durch kurzfristige Bankschulden finanzierten die Verlängerung ihrer Kredite erschwert werden. Über die Wirksamkeit dieser Maßnahmen Läßt sich vorläufig noch nichts sagen. Bei radikaler Anwendung führen Diskonterhöhung und Verschärfung der Kreditlinien sicher zur Deflation. Es ist jedoch problematisch, ob die Regierung innenpolitisch die Stetigkeit und Kraft haben wird, das gefährliche Experiment einer ausreichenden Kreditschrumpfung durchzuführen.