Die im französischen Sektor Berlins, in Tegel, liegenden Werke der Rheinmetall-Borsig-AG. haben seit dem Tage der Kapitulation ein wechselvolles Schicksal erfahren. Es war ein Dunkel, an dem der frühere Magistrat der Stadt Berlin ein gerütteltes Maß von Schuld trägt. Schließlich folgte die überraschende Besetzung der Werke durch französisches Militär. So wurde dem langen Hin und Her ein vorläufiges Ende gemacht.

Seit einigen Wochen wird nun in Berlin zum Fall Borsig geschwiegen. Es wird weiter gearbeitet, nachdem die französische Besetzung vom 11. November 1946 an Aktualität verloren und dafür an innerer Bedeutung gewonnen hat. Die Kontrollmaßnahmen beziehen sich, wie bekannt wurde, auf Menschen, Sachwerte und Akten. Die Arbeiter wurden an dem schwerwiegenden Sonntag durchsucht, durften den Betrieb nur auf erlaubten Wegen verlassen, die Tore wurden streng bewacht, und französische Offiziere erschienen, um die abberufenen deutschen Treuhänder zu ersetzen. Die verbleibenden Direktoren und Geschäftsführer hatten die Verwaltung von Gesellschafts vermögen gemäß Gesetz 52 sofort einzustellen. Die erfolgten französischen Erklärungen besagten zu wenig, um beruhigend zu wirken.

Am 19. Dezember fand sich endlich eine Stadtverordnetenversammlung bereit, um den Komplex Borsig-Tegel zu durchleuchten. Die LDP wünschte einen Untersuchungsausschuß über "die Angelegenheiten der Stadt. Werke Tegel GmbH, und der Borsig-Maschinenbau-GmbH.". Es handelte sich dabei um "Geschäftsvorgänge des Magistrats, die bereits längere Zeit zurückliegen". Der alte Magistrat wurde somit vorgenommen, um die Berechtigung der französischen Maßnahmen zu erhellen.

Was man von der Nachkriegsentwicklung der Borsig-Werke in Berlin-Tegel bis zur französischen Besetzung wissen müßte, um etwas Licht in dieses Dunkel zu gießen, ist sehr schwer zu umreißen. Der erste Vertragsentwurf zwischen der "Rheinmetall-Borsig-AG." und der Stadtverwaltung Berlin stammt schon vom Oktober 1945. Der neue Name sollte "Städt. Werke Tegel, Großreparaturwerkstätte GmbH." lauten. Anfang 1946 wurde der gesamte Komplex der französischen. Militär-Regierung gemäß Gesetz 52 unterstellt. Gleichzeitig erschien eine von der französischen MR. eingesetzte deutsche Treuhänderverwaltung. Am 1. März 1946 wurde schließlich der Antrag für eine Borsig-Maschinenbau-GmbH. unter Rücksicht auf die geleistete Aufbauarbeit, der Kommunalverwaltung im Entwurf genehmigt. Der finanzielle Status sollte 6 Mill. RM. Stammkapital ergeben, wovon die alten Konzernaktionäre 51 v. H. investiert hatten und die Stadtverwaltung Berlin mit 49 v. H. folgen wollte.

Unter diesen Voraussetzungen wurde geschafft. In den folgenden Monaten traten naturgemäß Schwierigkeiten auf, denn – die erwartete Stadtanleihe kam nicht!

Außerdem hatte man von Seiten des Magistrats vollkommen vergessen, sich für die beabsichtigte großzügige Investierung die nötige Genehmigung der Alliierten Kommandantura Berlin einzuholen! Die Betriebsleitung mahnte im guten Glauben um die so dringend benötigten 49 v. H. Diese Unwissenheit in so wichtigen Fragen mußte verblüffend wirken, denn der Aufsichtsrat, in dem sich Vertreter der Gewerkschaften und des Betriebsrates befanden, lebte schließlich auch 1946 in Berlin und nicht auf dem Mond ...

Die Schwierigkeiten nahmen zu. Die offenstehende Stadtanleihe wurde im September bekannt; und am 17. Oktober, drei Tage vor den Wahlen, erließ der Betriebsrat eine Resolution, in der man die Herauslösung aus dem Rheinmetall-Borsig-Konzern forderte (mit dessen Kapital man zwar ausschließlich arbeitete), um das Werk zu seiner Verselbständigung "in die Hände des Volkes zu geben". Am 18. Oktober erfuhr man endlich, daß die Gründung der Borsig-Maschinenbau-GmbH. nicht durchgeführt werden könne, weil die Alliierte Kommandantura bereits Ende August "dem Magistrat Berlin die Beteiligungen an dieser Gesellschaft trotz aller Bemühungen der Werkleitung abgelehnt" hatte. Weiterhin wäre das Werk "nicht von der Gnade oder Ungnade irgendwelcher Aktionäre oder irgendwelcher Restorgane der Rheinmetall-Borsig abhängig. sondern ausschließlich von den Weisungen der Besatzungsbehörden" In welcher juristischen Form das Werk endgültig betrieben würde, hinge gleichfalls "ausschließlich von den Weisungen der Besatzungsbehörden ab". Das war am 18. Oktober. Knapp vier Wochen später erfolgten diese "Weisungen der Besatzungsbehörden".

Ob es sich nun um eine vorübergehende Regelung handelt, weiß man nicht. Auch über das künftige Produktionsprogramm ist noch nichts bekannt. Man zieht Erwägungen in Betracht, die zum Teil an die Verfügungen über die IG-Farben in Westdeutschland, die Kohlengruben und Eisenwerke des Ruhrgebietes anzuknüpfen versuchen. Der Berliner als zunächst Betroffener, empfindet die Angst des Besitzers, dem eines seiner Lieblingskinder zu entschwinden droht. Denn das, was der Verlust der Tegeler Borsig-Werke für ein künftiges Friedensdeutschland bedeuten würde, ist nicht, nur für Berlin unermeßlich. –dt.