Zu jenen Wissenschaften, die in den letzten Jahrzehnten im Gefolge von Physik und Chemie die bedeutendsten Fortschritte gemacht haben, zählt die Physiologie, die Wissenschaft von den Lebensvorgängen. Immer mehr ist an die Stelle dunkler Vorstellungen klare Erkenntnis getreten, und mit bestem Erfolg, hat die Medizin, aber auch die Technik, moderne Physiologie des Menschen zu Rate gezogen. So wenig wie zeitgemäße Heilmethoden ohne Physiologie -denkbar wären, würde beispielsweise ein hochwertiges optisches Gerät ohne Kenntnis der Physiologie des menschlichen Auges oder ein einwandfreier Lautsprecher ohne Kenntnis der Physiologie des Ohres zustande gebracht worden sein. So ist es auch kein Wunder, daß der moderne Physiologe sich auf sehr weiten Gefilden der Medizin und Technik als gern gesehenen Freund und Berater fühlt. Jenes Gebiet jedoch, das so sehr wie kaum ein anderes den Menschen zum Gegenstand hat, die Politik, zeigt sich an der Physiologie weitgehend uninteressiert, obwohl gerade sie durch Berücksichtigung dieses Wissensgebietes mancherlei Irrtümer und Fehler Vermeiden könnte. So kommt es, daß der Physiologe auf dem Gebiet der Politik Dinge ablaufen nicht, die ihn nicht nur sonderbar anmuten, sondern von vornherein als Fehlgriff angesprochen werden können, weil sie zu den Einfachsten Grundbedingungen des menschlichen Lebens im Gegensatz stehen.

Zu den Ergebnissen politischer Maßnahmen, die den Phzsiologen verständlicherweise besonders interessieren, zählt die sogenannte "Welternährungskrise". Wenn der Physiologe von "Hunger", Spricht, denkt er nicht so sehr an jenes allbekannte subjektive, harmlose Gefühl, das zur Nahrungsaufnahme drängt, sondern stets an etwas sehr viel Wichtigeres: an eine Störung des normalen Lebensablaufes infolge eines Mißverhältnisses zwischen Energieaufnahme und -abgabe, vor allem infolge des Wegfalles ganz bestimmter Rohstoffe, die für die Aufrechterhaltung normalen Lebens der Gewebe und Organe im Körper notwendig sind. Diese Störung, die reparabel oder irreparabel sein, bis zum Tode führen kann, vermag sogar über das Keimplasma das Leben späterer Generationen noch lange nach einer "Hungerkatastrophe" zu beeinflussen. Hunger, in diesem Sinne ist unabhänig von der "Füllung des Bauches", ja er kann sogar – und das mit aller Entschiedenheit auszuspechen ist heute eine Notwendigkeit – auch in vorhanden sein, wenn nicht einmal ein Mißverhältnis zwischen Energiezufuhr und Energieabgabe des Körpers, nachweisbar ist, sondern eben jene erwähnten Rohstoffe fehlen, die als Ausgangsmaterial bestimmter Wirkstoffe, Abwehrstoffe und Zellbestandteile unentbehrlich sind. Es kann also durchaus vorkommen, daß, nach "Kalorien" gemessen, die Nahrungszufuhr, ausreichend, ja sogar überreichlich ist und dennoch lebensbedrohende Allgemeinstörungen auftreten, weil die Nahrung überwiegend aus Kohlehydraten (Kartoffeln und Brot) besteht, während Eiweiß (also Milch, Käse, Eier, Fleisch) und Fett in völlig unzureichenden Mengen, zugeführt werden. Die Deckung des Energiebedarfes (in Kalorien gemessen) bleibt natürlich das Rückgrat jeder vernünftigen Ernährungsregelung, aber die Qualität der Nahrung darf dabei keinesfalls vernachlässigt werden. Während die Notwendigkeit eines "Fettminimums" erst in den letzten zehn Jahren wissenschaftlich erwiesen wurde, ist die einer positiven Energiebilanz und eines physiologischen "Eiweißminimums" bereits seit Jahrzehnten nicht nur den Wissenschaftlern und Ärzten, sondern auch den Politikern bekannt. Zu den Verdiensten des ver-Politikern Völkerbundes zählt die Veröffentlichung von Standardzahlen für die menschliche Ernährung, die sehr sorgfältig aus den besten Forschungsergebnissen der Welt ausgesucht wurden. Dort heißt es: "Der Erwachsene, gleichgültig, ob Mann oder Frau, benötigt in gemäßigtem Klima ohne Leistung nennenswerter Arbeit 2400 Kalorien netto pro Tag, wobei der Begriff "netto" definiert ist als jener Anteil der aufgenommenen Nahrung, der tatsächlich aus dem Darm assimiliert wird; denn ein gewisser Anteil der aufgenommenen Nahrung wird ja ungenutzt aus dem Darm wieder abgegeben. Zur Leistung von Arbeit ist, je nach der Schwere dieser Arbeit, ein Zusatz von bis 300 Kalorien pro Arbeitsstunde notwendig. Für Kinder und für den Zustand der Mutterschaft werden besondere Forderungen gestellt. In der Nahrung muß enthalten sein: 1 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, davon die Hälfte tierisches Eiweiß – also für den Erwachsenen 60 bis 70 Gramm. Für Kinder, in der Zeit der Muttersci. und bei Krankheiten sind besondere, höhere Eiweißwerte festgesetzt. Für das Fett, dessen Notwendigkeit durchaus anerkannt wurde, waren damals "unsere Kenntnisse zur exakten Bestimmung der notwendigen Minimalmengen noch nicht ausreichend." Heute wissen wir. daß so bis 60 Gramm hochwertige Naturfette pro Tag notwendig sind. Jene Fette, die aus Kohlehydraten von unserem Körper selbst aufgebaut werden können, stehen an Bedeutung zurück gegenüber bestimmten Bestandteilen, die namentlich in Butter, pflanzlichen Ölen und Tran enthalten sind. Ebensowenig, wie die Art der aufgenommene! Eiweißstoffe gleichgültig ist, ist also die Art der Fette gleichgültig.

Daß nach diesen Gesichtspunkten die "amtliche Ration des Normalverbrauchers" in vielen Gebieten Mitteleuropas schon seit Jahren unzureichend ist, bedarf keiner Erörterung. Über die grauenvollen Ergebnisse liegt mancherlei wissenschaftliches Material vor. Über das Verbrecherische der Rationierung in vielen Lagern und Gefängnissen und über die unbegreifliche Torheit jener "staatsmännischen" Äußerung: "Kanonen statt Butter". braucht man heute vor ernsthaften Menschen wohl nicht mehr zu reden. Wie aber, so fragt man sich wohl, kommt es dann, daß trotz der nun schon über vier Jahre in Deutschland zwischen 800 und 1800 Kalorien liegenden "Normalverbraucherration", bei völlig unzureichender Zuteilung von Fett und Eiweiß, noch immer Menschen am Leben und viele einigermaßen arbeitsfähig geblieben sind? Für den Physiologen gibt es nur eine Antwort: Weil es eben diesen gesund und arbeitsfähig gebliebenen Menschen möglich war, sich irgendwie die fehlenden Nahrungswerte und Nahrungsbestandteile zusätzlich zu verschaffen. Sei es durch mühevolle Arbeit in Garten und Kleintierstall, sei es durch Zuteilung von opferbereiten Selbstversorgern oder aber über Tausch und Schwarzen Markt. Alle anderen sind unerbittlich Opfer dieses "chronischen Hungers" in physiologischem Sinne. Wer daran zweifelt, möge sich unter Kontrolle in einem geeigneten Institut am eigenen Leibe von der Unmöglichkeit des Auskommens mit diesen Rationen überzeugen. Der Physiologe darf auf der Grundlage seiner Wissenschaft also sagen: Wer auch immer über lange Dauer eine Rationierung der menschlichen Ernährung bis in den Bereich, von 800 bis 2000 Kalorien (netto), vor allem unter gleichzeitiger Unterschreitung der Eiweiß- und Fettminima, verantwortlich verfügt, der spricht den Betroffenen das erste aller Menschenrechte, das Recht auf Weiterleben, ab, oder aber – er nimmt stillschweigend an, daß die Betroffenen sich auf eigene Faust das Restliche herbeischaffen werden. Physiologischer Zwang also ist es, wenn unter diesen Umständen Millionen einen erheblichen Teil ihres Denkens und Handelns der "Futtersuche" widmen, sei es, je nach Möglichkeit und Persönlichkeit, auf ehrliche oder aber moralisch bedenkliche Art. Es handelt sich um einen "Kampf ums Dasein" im physiologischen Sinne, den weder Gesetze noch Polizei noch Kontrollen aus der Welt schaffen werden.

In aller Bescheidenheit darf der Physiologe auf gesicherter, wissenschaftlicher Grundlage folgende politische Vorhersagen machen:

1. Es wird keinen materiellen und moralischen Wiederaufbau geben, so lange nicht die Möglichkeiten zu einer natürlichen, freien Kostwahl – also letzten Endes Abschaffung der Rationierung – zurückgegeben sind, denn

a) ein großer Teil der ohnehin verringerten Denk- und Handlungsfähigkeit der chronisch Hungernden wird unabwendbar durch die Futtersuche dem Aufbau entzogen.

b) Jeder Versuch einer Währungsreform wird scheitern, da beim Fehlen ehrlicher Verbesserungsmöglichkeiten der Weg zum Schwarzen Markt selbst von moralisch hochstehenden Menschen als letzte Notmaßnahme beschritten werden muß (Die gelungene Stabilisierung, der Mark im Jahre 1923 fiel nicht zufällig mit dem Wegfall der Rationierung zusammen.)