Von Paul Rüster

Der Verfasser unserer Schilderung aus dem polnisch besetzten Schlesien gehörte noch unter der polnischen Regie dem Lehrkörper der Breslauer Universität an.

Es war in der Moskauer "Krasnaja Swesdja", wo von erstaunlichen Aufbauarbeiten in den polnischen Westgebieten berichtet wurde. Danach arbeiteten bereits wieder tausend Fabriken, danach war der Aufbau mancher Städte, darunter Breslau, nahezu beendet. Es war in der englischen Zeitung "Times", wo von überraschenden Aufbauerfolgen der Polen in den neu besetzten Gebieten gesprochen und Andeutungen über eine phantastische Weiterentwicklung in naher Zukunft gemacht wurden. Und doch weiß jeder Deutsche, der die Situation aus eigener Anschauung kennt, daß von Aufbau keine Rede sein kann. Im Gegenteil, wenn die letzten Bestände aufgebraucht sein werden, wenn die letzten deutschen Fachleute vertrieben sind, werden die Zukunftsaussichten in diesem Land trostloser denn je sein Schon darum ist es unvermeidlich, auf die erstaunliche Diskrepanz zwischen berichteter und tatsächlicher Lage hinzuweisen. Was aber ist die Ursache der mangelnden Objektivität? Es ist offensichtlich der Umstand, daß die Berichterstatter sich die teils optimistische, teils auch politisch infizierte Auffassung der führenden polnischen Persönlichkeiten zu eigen machten, ohne die wirklichen Verhältnisse überprüfen zu können.

Ich selbst, der ich fünfzig. Jahre in Breslau gelebt habe und durch meine Tätigkeit während achtzehn Monate polnischer Verwaltung in ständiger Berührung mit maßgebenden Männern der polnischen Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung war, ich selbst, der ich mehr nach internationalen als nach nationalen Gesichtspunkten erzogen wurde und unter dem Einfluß meiner Mutter durchaus in propolnischem Geist aufwuchs, war jedesmal aufs tiefste beeindruckt, wenn ich an einer informatorischen Besprechung teilnahm, in der neue Aufbaupläne von oft faszinierender Großartigkeit erörtert wurden. Muß es nicht Eindruck machen, wenn man erfährt, daß die Breslauer Universität an Stelle der früher fünf Fakultäten heute deren 16 aufweist und daß eine 17. im Aufbau ist? Imponiert es nicht, zu hören, daß von 360 geplanten Lehrstühlen bereits 270 besetzt sind, daß für den Ausbau der Institute zunächst 500 Millionen Zloty bewilligt seien und daß insgesamt mit einem Aufwand von 2 Milliarden Zloty gerechnet werde? Spricht es nicht für wahre Großzügigkeit in der Förderung der Wissenschaft, wenn geplant wird, einen Großgrundbesitz und drei Großgärtnereien allein für das Gartenbaudekanat der Universität zur Verfügung zu stellen, und daß beantragt sei, die Herrschaft Schaffgotsch, also den Großteil des nördlichen Riesen- und Isergebirges mit seinen unendlichen Wäldern und Bodenschätzen, der Hochschule, die heute schon mehr als sechstausend Studenten zählt, zuzusprechen, um ihr zu einem wirtschaftlichen Fundus zu verhelfen? In der Tat, der rührige und liebenswürdige polnische Professor Z. war ehrlich begeistert, als er diese Pläne entwickelte.

Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Man braucht sich nicht auf den Standpunkt jenes deutschen Professors zu stellen, der zu den wenigen noch in Breslau gebliebenen Wissenschaftlern zählt, daß die heutige Breslauer Universität diesen Namen zu Unrecht trüge und daß man es ablehnen müsse, ihre Vertreter ernst zu nehmen. Man kann getrost zugeben, daß die Breslauer Hochschulen schon aus Gründen der Propaganda eine besondere Förderung durch den Staat genießen. Es ist auch Tatsache, daß die Barockschätze der Universität vor der Zerstörung geschützt wurden, daß viele Kliniken und Institute bereits arbeiten und einige neu geschaffen wurden. Wer indes nicht dabei bleibt, nur die Fassade verzückt zu betrachten, sondern sich die Mühe macht, den Dingen auf den Grund zu gehen, dem kann die Schaumschlägerei und die Selbsttäuschung nicht verborgen bleiben, die hier, wie auf fast allen Gebieten des öffentlichen Lebens, getrieben wird. Die wenigen Wissenschaftler von Ruf haben heute keinen anderen Wunsch, als möglichst bald aus Breslau und aus Polen herauszukommen. Wenngleich hierfür zunächst auch politische Gründe maßgebend sein dürften, so geht ihr Wunsch doch auch auf den Umstand zurück, daß manche ihrer neuen Kollegen ihrer Aufgabe als Universitätslehrer in keiner Weise gewachsen sind, ja daß ihre Tätigkeit kaum noch als akademisch bezeichnet werden kann und daß zumal in den naturwissenschaftlichen Disziplinen heute Leistungen erreicht werden, die etwa dem Lehrstoff der mittleren Klassen einer höheren Schule gleichkommen Wertvolles Material verkommt. So beispielsweise im gerichtsärztlichen Institut und im botanischen Garten, dessen neuer Chef – der seit Juni 1945 in Breslau ansässige Professor N. – bis zum März 1946 niemals Gelegenheit nahm, sich dort sehen zu lassen; und doch wäre gerade in dieser Zeit vieles zu retten gewesen, was heute verloren ist. Nichtsdestoweniger aber plant man die Anlage eines gigantischen botanischen Gartens auf dem ehemaligen Messegelände. Man plant. Auf welchem Gebiet plant man nicht? Aber überall fehlen Geld, Material, Menschen. Überall die gleiche tiefe Kluft zwischen Wollen und Vollbringen, diese Kluft, die dem Alteingesessenen nicht verborgen bleibt und dennoch dazu angetan ist, den Neuling zu betören, der sich von der Begeisterung der Planenden mitreißen läßt.

Fremde und wenig gründliche Beobachter, die die Maßnahmen der Polen loben und geneigt sind, die Begriffe "Polonisierung" und "Kolonisierung" gleichzusetzen, fallen in den meisten Fällen auf eine Neigung zur Phantasterei herein, die, wie der Eingeweihte weiß, eine beherrschende Eigenschaft des polnischen Volkscharakters ist. Die Polonisierung freilich ist sehr weit fortgeschritten: polnische Straßennamen anstatt der deutschen, polnische Sprache überall, wo Menschen zusammenkommen, ja, eine polnische Atmosphäre allenthalben. Dies allerdings ist ein "Erfolg", wie ihn nur ein Massenterror erreichen konnte, an dem nicht etwa bloß eine bestimmte Kaste, sondern – mit verschwindenden Ausnahmen – ein ganzes Volk beteiligt war.

Gewiß aber gibt es einsichtige Polen, die sehr wohl wissen, daß die in kultureller und Wirtschaftlicher Hinsicht eher verderbliche als segensreiche Polonisierung alles andere als ein Beweis kolonisatorischer Fähigkeiten ist. Als ob die deutschen Ostprovinzen und insbesondere Schlesien nicht in jeder Hinsicht . hochentwickelte Gebiete gewesen seien! Wer dies bedenkt, weiß, was eine "Kolonisierung" auf sich hat, die dazu führt, das wirtschaftliche und kulturelle Niveau ständig zu senken, so daß keine Aussicht besteht, daß es jemals wieder steigt oder gar die alte Höhe erreicht. Riesiges Landgebiet liegt heute brach. Die polnischen Bauern, die sich nach Vertreibung ihrer deutschen Vorgänger in deren Höfen eingerichtet haben, bebauen in der Regel nur so viel, als für den Unterhalt ihrer Familien notwendig ist. Auf ehemals reichem Bauernboden ist ihr Lebensstandard wahrlich kümmerlich. Sie haben mit dem Inventar, das ihnen geblieben ist, auch kaum, die Möglichkeit, eine vernünftige Wirtschaft in Gang zu bringen. Sie haben offenbar auch keine Absicht dazu. Das ganze Land macht den Eindruck einer riesigen Unkrautwildnis. Und es wird jahrelanger intensiver Arbeit bedürfen, den Boden wieder in einen brauchbaren Ertragszustand zu bringen.