Das Leben ist heute so mühevoll in Deutschland, und die Einschränkungen, unter denen wir leiden, sind ganz allgemein so schwer, daß wir uns nur selten noch bewußt werden, wie tief auch auf dem Gebiete des Geistes und der Kunst unsere Erwartungen und unsere Bemühungen unter das Niveau gesunken sind, das wir vor 1933 für selbstverständlich gehalten haben. Dadurch, daß viele Schaffende gezwungen waren, Deutschland zu verlassen, sind, nicht nur Lücken entstanden; den Zurückbleibenden fehlte auch der lebendige Kontakt, fehlten Anregung, die ihnen geholfen hätte, und Widerspruch, an dem sie sich hätten entwickeln können. Wir sind allmählich gewohnt, dies lethargisch hinzunehmen und uns mit unserem Zustand abzufinden, aber sehen wir hin und wieder eine Ausstellung von einem Künstler, der zwölf Jahre lang in Deutschland verfemt war, so wird uns zu unserem Schrecken klar, wie groß der Verlust eigentlich ist, den wir erlitten haben.

Kurt Löwengard gehörte nicht zu den bekannteren unter Deutschlands Malern, sein Talent war nicht umfassend, es war mehr liebenswürdig als bedeutend, aber er gehörte einer Gruppe an, die sehr lebendig war, die gerade damals einen verheißungsvollen Aufschwung nahm und die zu sehr schönen Hoffnungen berechtigte: der Hamburgischen Sezession. In dieser Gruppe war er kritisierend, ermahnend; anregend und – auf dem Gebiet des Aquarells – beispielgebend tätig. Lebhaft, aufgeschlossen für alle Gebiete des geistigen Lebens, für Musik, Literatur und bildende Kunst, mit einem reizenden Humor begabt, dem der Sinn fürs Melancholisch-Groteske nicht fehlte, uneigennützig, hilfsbereit und gerecht, ohne temperamentlos zu sein, war er vorzüglich geeignet, jüngere, Künstler zu ermutigen und anzueifern und mit den älteren im Atelier oder Café zu plaudern und kritisch ihre Werke durchzusprechen. Er hatte immer ein kleines Skizzenbuch in der Tasche, und was ihm auffiel, notierte, er mit seiner besonderen Zeichenschrift in wenigen Linien. Ich entsinne mich eines frühen Morgens in St. Pauli: er merkte, daß er sein Büchlein vollgezeichnet hatte, und ohne zu zögern zog er die Hemdsärmel etwas vor und zeichnete auf den Manschetten weiter. Er hatte viele Mappen .voll reizvoller Impressionen des Augenblicks aus Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich. Seine Bedürfnislosigkeit erlaubte ihm große Reisen, und wenn ihm das Geld ausging, schlug er sich als Dekorationsmaler, Reklamezeichner oder Kulissenanstreicher an kleinen Theatern durch. In seiner Entwicklung hatte die Zeit des Weimarer Bauhauses eine große Rolle gespielt – nicht gerade zu seinem Besten. Er brauchte lange Jahre, um die Dürre der Feininger-Schule, die er liebte, die aber seinem Wesen nicht lag, zu überwinden und so frei zu werden, wie es ihm dann, als er zur Reife kam, in seinen lichten und tonlich differenzierten Aquarellen gelang. Hier erreichte er schließlich eine schöne und selbstverständiiche Meisterschaft.

So weit er auch gereist war, so gut es ihm, der gern umherschweifte, in fremden Ländern gefiel, seine Liebe galt seiner norddeutschen Heimat, der Elbe und ihren Ufern und den großen Dünen von List auf der Nordspitze von Sylt, wohin er des Sommers mit Vorliebe fuhr. Dort wohnten wir bei Detlef Detlefsen in der Staatlichen Austernfischerei, und die Friesen hatten ihn gern und haben ihn nicht vergessen. Er blieb auch nach 1933 in Deutschland, und erst, als die Gesetze gegen die Juden so bedrohlich wurden, daß wir ihm schweren Herzens raten mußten, fortzufahren, entschloß er sich nach langem Zögern, nach London zu gehen. Dort ist er 1940 an einer Lungenentzündung gestorben, unter Freunden, die er im Exil wie überall dank seiner schönen menschlichen Eigenschaften zu erwerben wußte.

Die Hamburgische Sezession hat ihm jetzt in den Räumen von Dr. Ernst Hauswedell & Co. eine Gedächtnisausstellung gewidmet. Sie mahnt uns an die vielen Verluste, die Deutschlands Kunst durch die Hitler-Herrschaft erlitten hat, an das vor allem, was am schlimmsten war, unseren bitteren Verlust an menschlicher Würde.

Richard Tüngel