In noch stärkerem Maße als nach dem ersten Weltkrieg werden heute die bisher relativ wenig erschlossenen Erdölvorkommen, des vorderasiatischen Raumes ihre Bedeutung erhöhen und dabei noch mehr in den Vordergrund wirtschaftlicher und -politischer Auseinandersetzungen treten, Die Führung dieser Politik ist im Rahmen einer britisch-amerikanischen Zusammenarbeit in amerikanische Hände übergegangen, wie es sich in den kürzlich bekannt gewordenen Abkommen der Standard Oil Company of New Jersey und der Socony-Vacuum Oil Company zeigt. Bisher war diese amerikanische Gruppe in der Erdölpolitik zwischen den beiden Kriegen nur ein Partner neben drei anderen, der Anglo-Iranian, der Royal Dutch-Shell und der Compagnie Française des Pétroles. Dies neue Abkommen betrifft die Abnahme von Erdöl bei der Anglo-Iranian, den Bau von Erdölleitungen und die Beteiligung der amerikanischen Gruppe an der Arabian American, einer Gründung der Standard California und der Texas Oil.

Die Erdölvorkommen in dem ehemaligen Ottomanischen Reich und überhaupt im Nahen Orient treten jetzt in den Vordergrund, weil die Reserven in den USA dahinschwinden und somit andere Quellen stärker erschlossen werden müssen. Während von der bisherigen Gesamterdölförderung 78 v. H. aus dem amerikanischen Raum stammten und nur 4 v. H. aus dem Nahen Osten, erlangte die vorderasiatische Produktion in den letzten Jahren eine steigende Bedeutung:

Schätzungen über noch nicht ausgebeutete und gar vermutete Vorkommen haben sich immer als sehr problematisch und die Zahlen meistens als politische erwiesen. Es ist seit dem ersten Weltkrieg zu oft "nachgewiesen" worden, daß die USA – auf die 70 v. H. der Welterdölförderung entfallen – zum Importeur werden; aber wie dem auch sei, entscheidend ist, daß die USA die Erdölvorkommen der westlichen Hemisphäre offensichtlich schönen und die der östlichen heranziehen wollen. Bisher bestimmte dagegen die britische Politik, Erdöl aus der westlichen Hemisphäre zu beziehen und die Vorkommen im Nahen Orientals strategische Reserve, zu betrachten, das Schicksal des arabischen Erdöls.

An der-Spitze steht im Nahen Osten noch die Anglo-Iranian Oil Company, bei der der britische Staat Hauptaktionär ist. Sie ist auch heute noch der mit Abstand wichtigste Produzent. Die Produktion belief sich vor dem Kriege auf 10 Millionen Tonnen, wurde während, des Krieges zeitweilig gedrosselt, aber im Jahre 1945 bis auf 17 Millionen Tonnen gesteigert, Nach dem ersten Weltkrieg wurde als Gemeinschaftsgründung die Iraq Petroleum Company gebildet. An dieser sind die obengenannten vier großen internationalen Konzerne, nämlich Standard Oil New Jersey und Socony-Vacuum Oil, zweitens Anglo-Iranian, drittens Dutch-Shell und viertens Française des Petroies, mit je 23,75 v. H. des Aktienkapitals beteiligt, während die verbleibenden 5 v. H. Herrn Gulbenkian gehören, der ursprünglich im Besitz der ersten Konzessionen gewesen ist. Die Förderung bewegte sich in den letzten Jahren um 5 Millionen Tonnen und soll in etwa fünf Jahren auf 12 Millionen Tonnen gebracht werden. Die große amerikanische Gründung ist die schon erwähnte Arabian-American Oil Company mit einer Produktion von 2 Millionen Tonnen. Ferner stehen unter amerikanischem Einfluß die Bahrein Oil Company mit 1 Million Tonnen und zu 50 v. H. die Kuwait Oil Company mit 2 Millionen Tonnen.

Die Standard Oil of New Jersey und die Socony Vacuum Oil werden sich, gemäß dem neuen Abkommen zu 30 v. H. des Aktienkapitals an der Arabian-American Oil Company beteiligen und sicherlich auf eine wesentliche Erhöhung der arabischen Erdölförderung bedacht sein. Zweitens verpflichtet sich die amerikanische Gruppe, der Anglo-Iranian zum Ausbau der Anlagen Kapital zur Verfügung zu stellen und die somit erzielte zusätzliche Produktion in den nächsten 20 Jahren gegen Dollarzahlung abzunehmen. Drittens sollen zwei große Erdölleitungen gebaut werden, eine etwa 2000 km lange aus dem arabischen Erdölgebiet nach dem Mittelmeer und eine zweite aus dem Gebiet der Anglo-Iranian ebenfalls ans Mittelmeer (vielleicht beide gleichfalls in Haifa endigend), jede mit einer Kapazität von etwa 300 000 Faß (54 000 Tonnen) täglich. Da außerdem parallel zu der schon bestehenden Linie vom Irak ans Mittelmeer eine weitere von ähnlicher Kapazität gebaut werden soll, würden künftig täglich etwa 1 Million Faß Erdöl nach den Häfen Palästinas gepumpt werden können.

Für die amerikanische Gruppe decken sich hier Produktionsinteressen mit denen des Absatzes und des Vertriebes. Die amerikanischen Konzerne lieferten bisher auch in Amerika gefördertes Petroleum nach Europa. Wenn einmal Lieferungen aus Amerika nicht mehr möglich sein sollten, würde der Vertriebsapparat der amerikanischen Konzerne vielleicht brachliegen, während anderseits mit einem erhöhten Verbfauch von Erdöl in Europa zu rechnen ist. Vielleicht könnte sogar um 1965 das amerikanische Erdöl zur Deckung des amerikanischen Verbrauchs nicht mehr genügen. Eine auf lange Sicht eingestellte Politik der Erdölkonzerne muß diese Möglichkeiten in Rechnung stellen und für die Sicherung der Erdöllieferungen Sorge tragen. Das ist durch diese Abkommen geschehen. Die amerikanischen Konzerne können, wenn die Marktlage es erfordert, arabisches Petroleum nach Europa und sogar nach den Vereinigten Staaten liefern. Die Raffinierung könnte im Nahen Orient erfolgen.

Die Vorteile dieses Abkommens für Großbritannien liegen klar auf der Hand. Großbritannien deckte bisher einen Teil seines Bedarfs gegen Dollars in den Vereinigten Staaten. Jetzt Wird es in stärkerem Umfang bei der Anglo-Jranian gegen Pfunde kaufen und darüber hinaus die überschüssige Produktion gegen Dollar an die amerikanischen Konzerne verkaufen. Zweitens werden die Anlagen der Anglo-Iranian mit amerikanischem Kapital wesentlich ausgebaut werden. Möglich ist ferner, daß die Engländer eine Beteiligung an der Arabian-American und an den Raffinerien erhalten, doch ist hierüber Endgültiges noch nicht bekannt. Von entscheidender Bedeutung aber ist, daß die britische Flotte künftig im Mittelmeer tanken kann, statt durch den Suez-Kanal nach dem Persischen Golf fahren zu müssen.