Fn Zuschriften von Einzelhandelskaufleuten, die aus den Ostgebieten ausgewiesen wurden, kommt die bedrückende Not zum Ausdruck, in der diese Menschen leben, ohne irgendwelche Anhaltspunkte dafür ° zu haben, in absehbarer Zeit wieder eine auch nur bescheidene Existenz finden zu können. Mit dem Totalverlust ihrer privaten Habe, der die meisten Ostflüchtlinge und Ausgewiesenen be- troffen hat, verbindet sich für sie der Verlust ihres Geschäftsvermögens, der Warenvorräte und Einrichtungsgegenstände, der Verbindung zu den Lieferanten und ihrer finanziellen Mittel. Aber selbst wenn sie über das eine- oder andere Aktivum verfügen könnten, so hätten sie wiederum keine Gelegenheit, geeignete Räume und eine Umgebung z finden, wo der Betrieb eines Einzelhandelsgeschäftes möglich und erwünscht, wäre. Die kaum nennenswerte Verbraudisgütererzeugung, der oft verzweifelte Kampf der ansässigen oder aus gegebenen Gründen neu zugelassenen Kaufleute um eine Schattenexistenz, die Vorschriften der Behörden und die im Augenblick sich durch Konsumgenossenschaften und andere Vertriebsformen noA erweiternde Verteilerorganisation lassen den Einzelhandel, jedenfalls unter den gegenwärtigen Umständen, bereits als überbesetzt erscheinen. Von welcher Seite man alsp auch kommen mag, die Lage der Ostkaufleute erscheint ausweglos. Nichts aber ist deprimierender als solche Hoffnungslosigkeit. Verlorenes Besitztum kann man ersetzen, finanzfeile Verluste aufholen, und eine Existenz zu finden, kann schon gelingen, wenn man nur erst mit der Arbeit beginnen kann, sei es auch unter primitiven Verhältnissen. Aber in Mansarden oder möblierten Zimmern läßt sich vielleicht dies oder jenes herstellen und reparieren, aber niemals ein. Einzelhandelsgesehäft betreiben. Es kommt hinzu die Bitterkeit der Erfahrungen, die ein Ostkaufmann in folgenden- Worten zum Ausdruck bringt: "Ohne Hoffnung, ohne Zukunft, ohne Hilfe, ohne Verständnis werdea wir wi lästige Aussätzige- umhergestoßen — von Deutschen, dazu Mangel und Entbehrungen von früh bis abends, Not an allem. Die Verzweiflung ist da Und doch klammert sich auch dieser Einzelhändler noch an eine Hoffnung: "Ich Icann mir nicht denken, daß man uns von den Kollegen und dem Verband aus so vor die Hunde gehen läßt. Aber noch nie habe ich eine einzige Zeile von Maßnahmen, Plänen usw gelesen, die Leute wie mich betreffen. Noch nie von irgendeiner in Aussicht stehenden Hilfe etwas gehört, nachdem wir das Schwerste an Strapazen, Verlusten, persönlicher Bedrohung erleiden mußten, was je Deutsche erduldeten. Vorläufig schweigt man dieses Problem tot " Es mag zutreffen, daß bisher bei den maßgebenden Stellen über diese Probleme noch nicht viel geredet worden ist. Das- geschah wohl nicht zuletzt aus dem Grunde, weil man weiß, daß weder mit Reden noch allein mit Plänen zu helfen ist, sondern nur durch die Tat und praktische Hilfe. Aber für diese sind auch jenen Stellen engste Grenzen gezogen. Trotzdem aber hat sich nunmehr der Einzelhandelsverband für die britische Zone der Dinge mehr als bisher angenommen. Er hat einen besonderen Ausschuß eingesetzt, dem Verwaltungsanit für Wirtschaft die Dringlichkeit von Hilfsmaßnahmen nahegelegt und sieb an alle nachgeordnetea Landes- und Fachverbände gewandt mit der Aufforderung, wenigstens in vordringlichen Fällen so lange z helfen, bis eine generelle Regelungauf weite Sicht gefunden wird. Diese soll anstreben, fähige und einwandfreie Kaufleute aus dem Osten in ähnlicher Weise bevorzugt einzusetzen, wie es beispielswsise mit Opfern des Faschismus oder mit rassisch verfolgten Kaufleuten geschieht. Hoffnungslosigkeit zu beseitigen und wertvolle Kräfte für den Wiederaufbau zu aktivieren, ist menschliche Pflicht und entspricht wirtschaftlicher Vernunft. Darum wäre zu hoffen, daß jener Hilfsaussehuß der Ostkaufleute beim Zonenverband des Einzelhandels neben Appellen an andere Behörden und Stellen oder an die Berufskreise sehr bald auch praktische Mittel und Wege zur Hilfeleistung finden würde. S—f.