Wer sich des Dichters Berufung recht auf Raimundsche Weise vorstellt, nämlich daß über den holden lockigen Schläfer sich eine Fee oder Muse neigt, um ihn zu "küssen", worauf der also Begnadete beim Erwachen flugs zur Feder greift und es hinfort aus ihm "dichtet", so etwa, wie es aus einer Wolke regnet, – nun, wer sich Dichters Berufung so vorstellt, der hat jedenfalls in bezüg auf die Berufung Ferdinand Raimunds zum Theaterdichter gänzlich danebengetroffen. Es ist verbürgt, daß er aus lauter Grantigkeit zum Dichten kam. Die andern machten es ihm nicht recht. So entschloß sich der Mann vom Fach, der Schauspieler Raimund, endlich, es besser zu machen. Der Erstling dieser praktischen Bemühung und zugleich der Ahn einer kostbaren Reihe von Zauberpossen und Feenstücken, heißt "Der Barometermacher auf der Zauberinsel". Dem Erfolg, den diese Zauberposse mit Gesang und Tanz (in zwei Aufzügen) bei der Wiener. Uraufführung vor hundertdreiundzwanzig Jahren fand, ihm also verdanken wir den "Verschwender" und "Alpenkönig und Menschenfeind". Wäre der "Barometermacher" durchgefallen, dann hätte der ohnedies schwermütige Raimund sich gewiß begnügt, weiterhin nur zu spielen, was andere Leute produziert hätten, und sich selber nie für einen Dichter erkannt.

Willem Holsboer hat nun den "Barometermacher" – vermutlich zum allererstenmal – in München auf der Bühne des Volkstheaters herausgebracht. Daß er Raimunds Bearbeitung des Stoffes seinerseits bearbeitet hat, liegt nicht allein an den Rücksichten auf die Bühnen Verhältnisse im Bayrischen Hof. Es liegt vorzüglich an der Art dieser Volksstücke selbst. Sie waren von jeher auf Komik erpicht, und diese Komik lebte nicht zum wenigsten von der Lokalneuigkeit, von aktuellen Anspielungen. ’Würden wir das Stück von 1823 heute auf der Bühne sehen, wir blieben stumm wie die Stockfische gewiß an sehr vielen Stellen, an denen sich die Wiener von dazumal gaudiert hatten. Denn wir verstünden die Anspielung nicht mehr. So tat Holsboer recht daran, für neue Anspielungen zu sorgen – in unserer Lage fehlt es ja an Anlässen nicht – und die meisten trafen auf ein hellhöriges und sehr zum Lachen gestimmtes Publikum. Auch Bernhard Eichhorns Bühnenmusik war weit üppiger und reicher als das, was Raimund beziehungsweise Wenzel Müller selbst noch beigesteuert haben. Diese wandten sich ans Gemüt; so kann es nicht ausbleiben, daß inmitten einer mehr den Nerven verpflichteten und sie wacker frottierenden Musik das treuherzige Liedl: "In der Welt ist’s recht schön, glaub’n Sie mir!", jetzt sich ausnimmt wie ein armes Vogerl, das sich verflogen hat.

Nun, Holsboer war als Spielleiter schon immer ein Liebhaber der forcierten Atmosphäre. Doch muß man gleich hinzufügen, daß diese gerade dem Volksstück seit jeher nicht fremd ist. Der Wiener Ausdruck für Gaudi, nämlich: ‚,a Hetz", macht das sinnfällig, und als "a rechte Hetz", hat Holsboer auch das Abenteuer des allzu arglosen armen Barometermachers, der da an einer Zauberinsel Schiffbruch litt, inszeniert. Das Ineinander von Zauberei, Verwandlungswundern und derbster oder albernster Alltäglichkeit ist ja ein Hauptvergnügen der Zauberposse, und es gipfelt diesmal in der Trottulose des Inselbeherrschers Tutu und seines orientalisch aufgemachten Hofes.

Während Fred Kallmanns Tutu nur plappert oder – döst, war Liesl Macheiner als Prinzeß Zoraide hellwach, schön und bös’ wie eine chinesische Geisterfüchsin, und sie ist es ja auch, die dem Barometermacher die ihm von Feen geschenkten Gaben, den Zauberstab, das Blashörnchen und Wunschhütchen, eins nach dem andern abluchst. Dieser arme Hans oder Bartolomäus im Glück, der das ihm Geschenkte nicht zu halten vermag, es dann freilich dank neuer zauberischer Hilfen zurückgewirkt (also keineswegs ganz auf natürlichem Weg, wie die Fee verlangt hatte!). dieser quecksilbrige Barometermacher wurde von Anton Reimer mit feurig zuckender Behendigkeit dargestellt, über die sich das Gemüthafte gelegentlich mit Sorgenfalten legte.

Die Aufführung bezeugt die Unverwüstlichkeit des Wiener Volksstücks aus dem Biedermeier, darin noch einmal Gesinnung und Gebärde des hochtheatralischen süddeutschen Barock Gestalt annehmen, wenn auch schon in der halb wehmütigen, halb parodistischen Übertreibung, die zugleich ein Abschiednehmen bedeutet. Hanns Braun