Skizze von Karl N. Nicolaus

Mitten auf dem Acker, der sich wie eine sanfte Brandung gegen die einsamen Gehöfte schiebt, liegt eine tote Krähe. Der Frost nahm ihr lieben von dieser Erde fort.

Es beginnt zu schneien. Kleine Flocken rieseln nieder aus einem grauen Himmel, der sich ins Endlose verliert.

Ein Mann geht über den Acker. Er bleibt, neben der toten Krähe stehen. Der Schnee rieselt herab: über die tote Krähe, über den Mann, über den Acker, über die Welt. Es ist kalt, aber der Mann friert nicht. Denn er ist ganz nach innen gewandt, Solcherart kommt er in die Region nahe jener Grenze, über die das Leben der Krähe entwich.

Dem Mann ist, als hielte er, mitten in dem Schneegeriesel stehend, sein ganzes Leben wie ein Spielzeug in der Hand. Alles erscheint ihm einfach, leicht, ohne Gewicht und Wichtigkeit. Er lächelt den Dingen zu, die er Verloren hat. Er lächelt den Dingen zu, die er von neuem vielleicht bekommen wird. Oder auch nicht! Es ist ihm gleich! Alles ist ohne Schwere!

Per Frost hat die Welt durchsichtig gemacht, ausgeglüht mit negativem Vorzeichen. Aber als hätte Gott plötzlich eingesehen, daß die Durchsichtigkeit der Dinge nicht bekömmlich ist für den Menschen, deckt er alles .behutsam zu mit dem Schnee, der herniederschwebt.

Schon ist die tote Krähe nur noch schwer zu er? kennen. Alles ist nicht mehr zu erkennen. Und dem Mann ist es, als wäre das Lächeln auf seinem Antlitz erfroren. Aber es stört ihn nicht. Gern lächelt es auch dem Frost zu, in dem der Tod ist. Es ist eine Sucht in dem Mann, sich neben die tote Krähe zu setzen und zuzusehen, wie auch ihre Hülle ganz verschwindet – wie sie begraben wird vom Schnee.