Gemeinsam mit der Stadtverwaltung Essen hat die Firma Krupp einen Plan ausgearbeitet, der die Errichtung eines neuen "Essener Stahlwerks" vorschlägt. Dieses Stahlwerk soll bei einer Monatlichen Kapazität von 8000 t folgende Anlagen haben: ein Siemens-Martin- und ein Elektro-Stahlwerk, ein Walzwerk, Schmieden, ein Radreifenwalzwerk, eine Stahlformen- und Eisengießerei, eine Federwerkstatt, Blechverarbeitungs- und Reparaturwerkstätten, einen Betrieb für Eisenbahnmaterial und eine Kraftanlage. Die notwendigen Maschinen und Einrichtungen sind in den Kruppschen Betrieben noch vorhanden. Das Werk würde eine Belegschaft von rund 5000 Mann haben müssen.

In diesem Zusammenhang ist der Jahresbericht der Industrie- und Handelskammer Essen von Interesse, die neben Essen noch die Großstädte Oberhausen und Mühlheim betreut. In dem Arbeitsbereich der Kammer wohnen fast wieder ~ Mill. Menschen. Und der Jahresbericht wird wegen der dort angeschlagenen Themen die Aufmerksamkeit vieler deutscher Wirtschaftskreise finden.

Trotz des Zweizonenplanes, so erklärt die Essener Kammer, trete die deutsche Wirtschaft nur mit größter Sorge in das neue Jahr ein, weil kaum Ansatzpunkte – zu erblicken seien, an die sich eine Hoffnung auf systematische und produktive Arbeit zur Wiedergewinnung einer festen Wirtschaftsgrundlage anknüpfen ließen. Jede Wirtschaft, die Erträge schaffen soll, brauche Menschen von gesunder körperlicher Verfassung. Sie brauche weiter in ausreichendem Maße Rohstoffe und Maschinen und nicht zuletzt initiativreiche Führungskräfte, die erfinderisch nach immer neuen Wegen suchen, um den Lebenserfordernissen gerecht zu werden.

Was den Menschen betreffe, so gelte hier in Umkehrung des bekannten Spruches das Wort: Wer nicht zu essen habe, könne auch nicht arbeiten. Rohstoffmäßig lebten wir bisher im wesentlichen von den Reserven. Kein Betriebsführer aber wisse, auch wenn er politisch unbelastet dastehe, aus welchen Gründen ihm morgen die Leitung eines Betriebes entzogen werden könne. Die Entnazifizierung sei vielfach dazu mißbraucht worden, erste Kräfte lahmzulegen, auf deren Erfahrungen und Arbeitsfreudigkeit man nicht verzichten zu können glaube. Man gäbe nun dem dringendem Wünsche Raum, daß bald wieder ein gegenseitiges Vertrauen alle in der Wirtschaft tätigen Kreise miteinander verbinden möge.

Was die maschinelle Ausstattung der deutschen Wirtschaft betreffe, so wären die Schwierigkeiten im Wiederanstieg der Kohlenförderung, die scharfen Einschränkungen in der sonstigen Energieversorgung eine Folge der unzulänglichen technischen Ausstattung der Energieträger, auf die so oft nach dem Zusammenbruch hingewiesen worden wäre. Leider seien diese Hinweise nie beachtet worden. Die Demontage bezeichnet der Bericht einstweilen nur als ein willkürliches und unsystematisches Hineingreifen in das Wirtschaftsgetriebe, das zu einer wachsenden Schwächung der Leistungsfähigkeit für Reparationszwecke führen müsse.

Sehr beachtlich ist auch das, was die Essener Kammer zum Krupp-Komplex zu sagen weiß. Durch die Stillegung der Gußstahlfabrik sei die Stadt Essen in eine Sonderstellung geraten, da dieses Unternehmen einen Jahresumsatz von einer halben Milliarde Mark aufzuweisen hatte. Es sei undenkbar, wenn heute im Mittelpunkt des Ruhrgebiets außer der Kohle kein schwerindustrielles Unternehmen mehr bestehen solle. Die Kruppsche Stahltradition blicke auf 125 Jahre zurück, und deshalb würden immer wieder Vorschläge auf Erhaltung des Kernstücks der Kruppschen Gußstahlfabrik erhoben. Es handele sich in erster Linie um die Vorschläge auf Erhaltung von Betrieben, die zur Gewinnung qualifizierten Stahles und der schweren Verarbeitung des Materials dienen.

Abschließend seien noch einige Zahlen genannt, die die nicht montanbedingte Seite dieser drei Großstädte skizziert. Sie zeigen, daß auch ohne Bergbau und Schwerindustrie das Ruhrgebiet einer großen Anzahl von Menschen Arbeit und Brot gibt. Mit Ausnahme von Krupp und der Zechen wurden in Essen im Herbst 1946 in 670 Betrieben rd. 29 000 Menschen beschäftigt. 1936 zählten diese Betriebe rd. 45 000 Arbeitnehmer. Ein günstigeres Bild weist Mühlheim auf, wo 257 Betriebe 9000 Menschen beschäftigten gegenüber 9300 in dem genannten Vergleichsjahr. Läßt man auch in Oberhausen die Schwerindustrie außer Betracht, so sehen wir dort in 159 Unternehmen 8950 Beschäftigte gegenüber 9000 vor zehn Jahren. Die kriegsbedingte Steigerung hat sich in diesen beiden Städten, wieder ausgeglichen, während sich in Essen die weitaus größere Art der Zerstörung bemerkbar macht. T. Sch.