Eine Steigerung um 100 Kalorien pro Tag und Kopf der Bevölkerung der britischen und amerikanischen Zone kostet im Jahr 43 Millionen $. Das ist eine erschreckende Zahl, wenn man bedenkt, daß diese Steigerung nicht mehr bedeutet als eine Vermehrung der Nahrung um 1 kg Getreide pro Monat, also noch nicht einmal um eine kräftige Scheibe Brot am Tag. Rechnet man aber diese Kalorien nicht nur in Getreide um, sondern setzt man einen Anteil von 20 v. H. an Fett und Fleisch mit ein. so erhöhen sich die Kosten für diese 100 Kalorien im Jahr sogar auf 85 Millionen S. Die Eigenerzeugung der beiden Zonen liefert heute nicht mehr als 950 Kalorien pro Tag und Kopf der Bevölkerung. Alles übrige muß importiert werden. Bei einem Satz von 1550 Kalorien würden für die Einfuhr also 510 Millionen $ ausgegeben werden müssen, bei 1800 Kalorien 722 Millionen $ und bei dem in Potsdam für Deutschland festgelegten Normalsatz von 2850 Kalorien endlich 1650 Millionen S.

Diese letzte Zahl, in deutsche Währung umgerechnet zu einem Kurs von 3,33 RM für den Dollar, entspricht einer Summe von rund 5,4 Milliarden RM im Jahr; sie ist also höher als unsere Ausfuhr im Durchschnitt der Jahre 1932 bis 1935, normaler Jahre, die vor den Zeiten der deutschen Aufrüstung liegen Diese Ausfuhr aber entstammte der Produktion von Gesamtdeutschland, – das nicht nur die vier Zonen einschließlich des Saargebiets, sondern auch die russisch und polnisch besetzten Ostgebiete umfaßte, in dem die Fabrikationsstätten nicht durch Krieg und Demontagen zerstört waren, das über eine arbeitsfähige Bevölke- – rung verfügte und dem vielfache Handelsbeziehungen mit dem Ausland offenstanden. Selbst wenn es möglich sein sollte – was ganz unwahrscheinlich ist eine so hohe Ausfuhr in absehbarer Zeit wieder zu erreichen, so würde der große Einfuhrbedarf an Nahrungsmitteln keinen Spielraum lassen für die Beschaffung von Rohstoffen zur An- – kurbelung und Inganghaltung unserer Industrie, geschweige denn für den Wiederaufbau unserer Städte und der Verkehrsanlagen.

Man könnte nun einwenden, daß ein Ernährungssatz in Höhe von 2850 Kalorien für lange: Zeit nicht vorgesehen ist und die Deutschen sich mit einer geringeren Zahl begnügen müssen Doch das würde wieder zur Folge haben, daß die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung nicht ausreichen würde für eine intensive Produktion. In dem Bericht einer englischen Unterhauskommission vom 5. November 1946 ist festgestellt worden, daß ein Ernährungssatz von 15 50 Kalorien vermutlich nicht mehr "als langsamen Hungertod" bedeute, und das UNRRA-Komitee für Wirtschaftshilfe in Europa, hat in seiner Denkschrift vom 6. Februar 1946 eine Zahl von 2650 Kalorien als notwendig bezeichnet, um "volle Gesundheit und Leistungsfähigkeit" – aufrechtzuerhalten. Es hat also wenig Sinn, für längere Zeit mit niedrigeren Sätzen zu rechnen, wenn man Deutschland dazu verhelfen will, seinen Beitrag für den friedlichen Wiederaufbau Europas zu leisten. Früher oder später wird man doch auf den in Potsdam festgelegten Satz von 2850 Kalorien zurückkommen müssen.

Doch lassen wir einmal für einen Augenblick-das Problem der Kostenaufbringung beiseite, und wenden wir uns einer weiteren schwerwiegenden Frage zu: Besteht eigentlich rein mengenmäßig eine Möglichkeit, diesen so hohen. Nahrungsmittelbedarf nach Deutschland einzuführen? Greifen wir das wesentlichste Produkt heraus: den Weizen. Der Einfuhrbedarf an Getreide für das Wirtschaftsjahr 1946/47 betrug für die britische und amerikanische Zone 4 Millionen t bei 15 50 Kalorien pro Kopf und Tag. Den höchsten Einfuhrbedarf in der Welt hatte bisher England mit rund, 5 Millionen t jährlich. Die Ausfuhr der vier großen Weizenexportländer betrug vor dem Krieg zwischen 9 und 12 Millionen t im Jahr. Zwei dieser Länder, nämlich Kanada und Australien, sind britische Dominien, wodurch der hohe Einfuhrbedarf Englands verhältnismäßig leicht befriedigt werden konnte. Wo aber könnte Deutschland, dessen Bedarf allein in der britischen und amerikanischen Zone bei 1550 Kalorien heute 4 Millionen t beträgt, diese Einfuhr decken? Die verbleibende Spanne zwischen der englischen Einfuhr und der Weltweizenausfuhr wurde vor 1939 bis auf wenige hunderttausend Tonnen, die nach Deutschland gingen, von anderen Ländern, beispielsweise Belgien, Frankreich, Italien und Griechenland in Anspruch genommen. Der Bedarf dieser Länder hat sich nicht verringert. Der deutsche Bedarf muß also entweder den ganzen Welthandel aus dem Gleichgewicht bringen oder selber, unbefriedigt bleiben. Das Defizit von 4 Millionen t betrifft aber nur die britische und amerikanische Zone und beruht auf dem völlig unzulänglichen Satz von 1550 Kalorien. Wieviel ungünstiger die Zahl werden müßte, wenn man auch die beiden anderen Zonen und den Satz von 2850 Kalorien berücksichtigen würde, liegt auf der Hand.

Hinzu kommt die Frage, ob die notwendigen Zufuhren auch wirklich herangebracht werden konnten. Ein Einfuhrbedarf von nur 4 Millionen t Im Jahr bedeutet, daß jeden Tag 11 000 t Brotgetreide in europäischen Häfen gelöscht werden müßten. Wenn man berücksichtigt, daß die Schiffe, von Australien und Südamerika kommend, wochenlang unterwegs sein müssen, so wäre also eine ganze Flotte erforderlich, nur um den Getreide-Transport nach Deutschland zu bewältigen. Wie trost dieses Problem ist, zeigt sich an der augenblicklichen Situation der britischen Zone. Der Anden wir selber aus eigener Erzeugung zu Unserer Ernährung beitragen können, wird am 1. April so gut wie völlig aufgebraucht sein. Dieser Vorgriff war nötig, weil der amerikanische Schifffahrtsstreik eine laufende Verschiffung aus den Vereinigten Staaten verhindert hat. Von Anfang April bis zur neuen Ernte sind wir völlig auf Zufuhren aus dem Ausland angewiesen. Für die nächsten fünf Monate müssen also, nur für die britische Zone, täglich 10 000 t Getreide eingeführt werden. Ob dies bei der heutigen Knappheit an Tonnage möglich sein wird, erscheint im hohen Maße zweifelhaft. Daß also mindestens zeitweise eine drastische Herabsetzung der Kalorienzahl und damit eine Senkung der industriellen Leistungsfähigkeit erfolgen wird, ist jedenfalls nicht unwahrscheinlich Solche Stockungen aber werden:sich auch in Zukunft nicht vermeiden lassen, so daß eine gleichmäßige Ernährung und damit eine gesteigerte Produktion nicht gesichert erscheinen.

Nun könnte man meinen, daß eine Besserung der Situation durch Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung möglich sei. Diese ist aber in nennenswertem Umfang während der nächsten Jahre nicht zu erwarten Selbst wenn die erste Voraussetzung, die Steigerung der Produktion von künstlichem Dünger, sofort verwirklicht würde, dürfte es Jahre dauern, bis die alten Hektarerträge wieder erreicht werden köntjen. Nach dem vorigen Krieg waren dazu, rund zehn Jahre nötig. Auch bei Fett ist eine Besserung kaum zu erwarten, weil der derzeitige Futtermangel zu starken Eingriffen in den Viehbestand geführt hat. Bis zum 1. April müssen in der britischen Zone sämtliche Schweine bis auf einen Stamm von 200 000 Zuchtsauen abgeschlachtet werden – diese sollen die für die Selbstversorger notwendigen 1,4 Millionen Ferkel liefern. Ebenso wurde der Rindviehbestand in der britischen Zone durch große Ablieferungsauflagen dezimiert. Es sollen . insgesamt von 4,39 Millionen Stück 875 000 Stück abgeschlachtet werden. Daraus ergibt sich eine Verringerung des Bestandes um 20 v. H.; da das Umlageverfahren sehrprimitiv ist, greift diese Maßnahme auch in die guten Leistungsherden hinein. Also auch von dieser Seite ist mit einem Rückgang der Fetterzeugung zu rechnen. In der US-Zone liegen die Verhältnisse nicht viel anders. Von welcher Seite man auch versucht, an die Frage der deutschen Ernährung heranzugehen, immer wieder stößt man auf Schwierigkeiten, die unüberwindlich sind, ganz gleich, ob man die Finanzierung der Einfuhr, die Bedarfsdeckung auf dem Weltmarkt, die Welttonnage, die Sicherstellung der Zufuhr oder die Steigerung der deutschen Erzeugung untersucht. Zweifellos kann man sich mit der Feststellung dieser Ausweglosigkeit nicht begnügen. Was aber kann geschehen, um das Problem zu lösen? Da liegt die Frage nahe: Wie wurde früher für die deutsche Bevölkerung, die 1938 rund 66 Millionen betrug und nach den neuesten Zählungen, ohne die Kriegsgefangenen, wieder 66 Millionen beträgt, die Ernährung sichergestellt?

Der Import an Nahrungsmitteln hatte an der Friedensernährung von 3300 Kalorien pro Kopf und Tag im Durchschnitt der Jahre 1935-1937 einen Anteil von 685 Kalorien. Ohne diesen Import hätte also jeder der 66 Millionen Deutschen einen täglichen Satz von 2600 Kalorien aus eigener Erzeugung erhalten können, also nicht wesentlich weniger, als der Potsdamer Normalsatz vorsieht. Natürlich ließe sich diese Menge unter den heutigen Umständen nicht produzieren. Doch selbst, wenn wir den Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion im gesamten Reichsgebiet mit 30 v. H. ansetzen, könnten immer noch 1830 Kalorien pro Kopf erzielt werden.