Wenige Stunden nach ihrem Eintreffen in London hat die österreichische Delegation für Sie Vorbesprechungen zur Eriedensregelung die Fühlung mit anderen Abordnungen aufgenommen. Dieses Tempo ist bezeichnend für die Amtsführung des jungen Außenministers Dr. Gruber. Wenn Österreich gegenwärtig überhaupt einen bedeutsamen Aktivposten für sich zu buchen hat, so ist es dieser beharrliche Elan, mit dem seine auswärtigen Beziehungen und damit seine staatliche Existenz einer Konsolidierung zugetrieben werden.

Die Zusammensetzung der Delegation bestätigt, daß die Wiener Regierung willens ist, in London Vielseitig mitzusprechen. Nicht nur das Außenministerium und das Finanzministerium, sondern auch die Ämter für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung sowie die Österreichische Nationalbank sind vertreten. Die Wiener treffen an der Themse in einem Augenblick ein, der Londoner politische Kreise von einem "glücklichen Start" sprechen läßt. Vertragsentwürfe der westlichen Alliierten liegen vor, das Fehlen des russischen Entwurfs bedeutet eine betonte Zurückhaltung in der Frage des Staatsvertrages.

Um diesen Staatsvertrag geht es jetzt in London ebenso wie bei allen früheren Unternehmungen des Außenministers. Dabei spitzt der einzelne Paragraph eine untergeordnete Rolle gegenüber der Absicht, jegliche Form von Friedensvertrag Czuschließen und damit schwarz auf weiß die tätigung zu erhalten, daß Österreich ein befrei- und nicht ein besiegter Staat ist. Bundeskanzler Dr. Figl hat für diese Absicht das schwer angreif-Argument gefunden, die Großmächte hätten Auslieferung Österreichs an den Faschismus gebilligt, und der Londoner Gesandte Dr. Schmidt hat die mit dem Satz "Österreich ist kein Problem, sondern eine Realität" auf eine wirkungsvolle formel gebracht.

Wie weit der Vertrag ausstrahlen wird, zeigt für Umstand, daß Österreich erst nach seinem Abschluß an der geplanten Donaukonferenz teilnehmen darf. Da die Donauregelung für ein selbständiges Öterreich von lebenswichtigem Interesse ist - das zähe Ringen zwischen der Regierung und der russischen Besatzungsmacht beweist es ist das Wiener Drängen in der Vertragsfrage nur zu verständlich Vom Zustandekommen des Vertrages, h. vom Einverständnis zwischen den Großen Vier, wird auch abhängen, ob Österreich in eine sowjetisch orientierte osteuropäische Wirtschaft einbezogen wird oder ob es entsprechend seiner geographischen Lage eine Mittlerstellung behalten kann. Die Bemühungen des Ostens und des Westens um das wirtschaftliche Übergewicht sind gleich stark –, daß es eine Zeitlang schien, als könnte eine wirtschaftliche Trennung des Landes zur territorialen Trennung führen. Damit aber wäre die Gefahr akut geworden, daß ein zum östlichen Wirtschaftsblock geschlagenes Ostösterreich sich zur langerstrebten Brücke zwischen Nordslawen und Südslawen entwickeln könnte. Die in der sowjetischen Besatzungszone gegründeten österchisch-russischen Gesellschaften mit ihrer klaren Ausrichtung nach dem östlichen Wirtschaftsraum haben deshalb weite Kreise des Landes mit Besorgnis erfüllt, und die österreichischen Politiker haben einseitige Bindungen seither immer häufiger abgelehnt.

Die Bemühungen um den Staatsvertrag gründen sich auf die 1943 in Moskau von den Alliierten getroffene Vereinbarung, Österreich als unabhängigen Staat wieder erstehen zu lassen. Sie nahmen ihren Anfang, als die Bundesregierung durch die Großen Vier in die Lage versetzt wurde, diplomatische Vertretungen im Ausland zu errichten. Seitdem verfügt Wien über Gesandtschaften in Brasilien, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, in Schweden, gleichzeitig für Dänemark und Norwegen und in den USA. Politische Vertretungen befinden sich in Kanada, der Tschechoslowakei, Großbritannien, Polen, Ungarn und der Sowjetunion. Weitere Missionen werden vorbereitet in Ägypten, Argentinien, Bulgarien, China, Griechenland, Jugoslawien, Portugal, Rumänien und den lateinamerikanischen Staaten. Gestützt auf dieses Netz von Interessenvertretungen und Informationsquellen, konnte Dr. Gruber seine Reisen in die Hauptstädte der westlichen Alliierten unternehmen, die ihm zwar keine greifbaren Gewinne, wohl aber wichtige Prestigeerfolge für sein Land einbrachten – Erfolge, die nunmehr in London ihre Wirksamkeit beweisen sollen.

Ein unbestreitbarer Prestigeerfolg war zum Beispiel, daß Gruber den österreichischen Standpunkt in der Südtirolfrage auf der Pariser Konferenz darlegen und als gleichberechtigter Verhandlungspartner mit de Gasperi das viel angefochtene, unter den gegebenen Umständen jedoch einzig mögliche Abkommen treffen konnte. Ein Abkommen übrigens, dessen Zustandekommen von den Russen mit Stirnrunzeln beobachtet worden ist, weil es nach ihrer Auffassung mit den Besatzungsverhältnissen ebensowenig vereinbar ist wie das Sozialisierungsgesetz, das sie in engem Zusammenhang mit der verschiedenartigen Auslegung des "deutschen Eigentums" möglicherweise einen Teil der beschlagnahmten Industriekapazität kosten kann. Der Übersiedlung des bisherigen Pariser Gesandten Bischoff nach Moskau kommt bei dieser Lage große Bedeutung zu. Es scheint jedoch, als verüble es die östliche Besatzungsmacht dem Lande, daß es die Kommunisten so wenig an der Regierung beteiligen will. Das Wahlergebnis brachte 85 Volksparteiler, 76 Sozialdemokraten und nur vier Kommunisten in das Parlament. Das ist eine recht deutliche Absage an die Regierungsformen des Ostens. Ist das der Grund, weshalb sowohl die russische Militärregierung, als auch die österreichischen Kommunisten die Regierung der einseitigen Politik bezichtigen?

"Österreich nimmt in den Plänen der Weltreaktion einen besonderen Platz ein", schrieb die "Österreichische Zeitung", das Blatt der sowjetischen Kontrollkommission. "Sie glaubt, bei genügendem Erstarken der hiesigen Feinde der Volksdemokratie vielleicht ein zweites Griechenland daraus zu machen, um dann den Versuch wagen zu können, den südosteuropäischen Demokratien mit einer reaktionären Zange Griechenland–Österreich zu Leibe zu rücken."