Zum Hexen-Einmaleins der Fettwirtschaft

Von Heinrich Willemsen

Die Wissenschaft hat übereinstimmend festgestellt, daß der Verbrauch an Fett etwa 27 v. H. der Gesamtkalorienzufuhr – oder in absoluten Zahlen ausgedrückt, etwa 50 g Fett täglich – betragen muß, wenn der Mensch seine volle Funktionsfähigkeit behalten soll Vor dem Krieg betrug der Anteil der Fette an dem Gesamtkalorienverbrauch in USA 40 v. H., in England 35 v. H., in Deutschland und in der Schweiz rund 28 v. H

Deutschland hat seinen Fettverbrauch niemals aus eigener Produktion decken können; die Einfuhr in den dreißiger Jahren betrug meist etwa 40 bis 50 v. H. des Gesamtverbrauchs. hiervon wurden grob gerechnet etwa drei Fünftel durch Import von Ölsaaten und Ölfrüchten gedeckt. Es wurden in den Vorkriegsjahren monatlich 150 000 t Ölsaaten und in den Jahren 1928 bis 1933 sogar 200 000 t eingeführt. Die deutsche Einfuhr nahm vor dem Krieg 21 v. H. der gesamten, nach Europa verschifften Erdnüsse auf. Bei Copra, Palmkernen und Sojabohnen waren es sogar 40 v. H., 48 v. H. und 58 v. H. Nach Einstellung der gesamten Ölsaaten- und Fetteinfuhr und nach Fortfall der östlichen Produktionsgebiete ist es daher nicht weiter verwunderlich, daß die Fettration auf 200 g je Zuteilungsperiode gesunken war Diese Ration entspricht nur mehr einer Reinfettmenge von 6 g täglich und einem Fettanteil am Gesamtkalorienverbrauch von 3.3 v. H.

Da die Margarineproduktion mangels Rohstoffen in diesen Wochen ganz zum Erliegen kommt, ist eine weitere Kürzung der Zuteilung auf die Dauer ganz unvermeidlich. Unter diesen Umständen ist es notwendig, einmal die Möglichkeiten der Selbsthilfe zu überprüfen und die vielfältigen Vorschläge zur Verbesserung der Lage zu untersuchen.

Von den Inlandquellen leistet den bei weitem größten Beitrag die Milchwirtschaft. Die Buttererzeugung deckte etwa die Hälfte der inländischen Erzeugung an pflanzlichen und tierischen Fetten. Die beiden Leiter der Ernährungswirtschaft in der britischen und in der amerikanischen Zone haben bereits im Juni 1946 übereinstimmend auf die Notwendigkeit der Intensivierung der Veredlungswirtschaft hingewiesen, deren Kernstück die Milchwirtschaft ist. Leider entsprechen aber die Tatsachen in keiner Weise ihrer programmatischen Forderung. Vielmehr werden Milchkühe in Massen abgeschlachtet und "eingedost".

Zweifellos wäre es zweckmäßiger, andere Wege zu gehen. Immer wieder ist darauf hingewiesen worden, daß es nur der Erzeugung der notwendigen Mengen an künstlichem Dünger bedürfe um die landwirtschaftliche Produktion erheblich zu steigern. Würde dieser selbstverständlich erscheinende Weg beschritten, so wäre es sicher nicht notwendig, im Hinblick auf den Mangel an Futter Schwede und Milchkühe abzuschlachten. Auch die Erträge im Ölsaatanbau, die von 16 bis 17 dz auf ca. 8 dz je ha gesunken sind, könnten durch ausreichende Stickstoffgaben den früheren Durchschnittsertrag wieder erreichen. Das würde bedeuten, daß aus der für 1947 in der britischen Zone vorgesehenen Anbaufläche von 80 000 ha mindestens 17 100 t Margarine mehr gewonnen und damit der Margarinebedarf von vier Zuteilungsperioden gedeckt werden könnte.