Die Rohstahlerzeugung in der britischen Zone betrug im Jahre 1946 ungefähr 2,37 Millionen t. Sie hat damit nur etwa 40 v. H. der Menge erreicht, die Deutschland auf Beschluß des Alliierten Kontrollrats zugestanden worden ist (5,3 Millionen t Rohstahl bei einer Höchstleistungsfähigkeit der Stahlwerke von 7,5 Millionen t Robblöcke). Im August 1946 wurde mit etwa 255 000 t der höchste Stand erreicht; dann fiel die Produktion, vor allem infolge der verschlechterten Kohle-, Gas- und Energieversorgung, stark zurück und blieb im Dezember zum erstenmal seit Juli wieder. unter der 200 000-t-Grenze.

Einem schnellen Wiederanlaufen der deutschen Eisen- und Stahlerzeugung stehen insbesondere die Kohle- und Energieknappheit, der Mangel an geeigneten Arbeitskräften, die verringerte Arbeitsleistung und der Ausfall der hochwertigen Auslandserze entgegen. Für Januar ist eine Kürzung der Kohlezuteilung um 40 v. H. vorgenommen worden. Die Kürzung wurde auf die einzelnen Werke umgelegt, wobei infolge der noch geringeren Ausnutzung der Anlagen eine weitere Verteuerung in Kaüf genommen werden mußte. Es,wurde also darauf verzichtet. ganze Betritbskomplexe stillzulegen und die Produktion auf wenige Anlagen zu konzentrieren-oder in der gesamten eisenschaffenden Industrie eine vorübergehende Arbeitspause einzuführen und die zugewiesenen Kohlenmengen für eine spätere stärkere Produktion zu sammeln.

Der Mangel an Arbeitskräften und vor alleman Facharbeitern wird sich besonders dann deutlich bemerkbar machen, wenn die sonstigen Voraussetzungen für einenennenswerte Produktionssteigerung gegeben sind. In der rheinisch-westfälischen Eisenindustrie waren 1937 etwa 151 000Arbeiter beschäftigt, Mitte vorigen Jahres ungefähr 80 000–90 000; zur Zeit sind es etwa 116 000. Viele Hüttenarbeiter befinden sich noch in Gefangenschaft; andere, besonders auch Facharbeiter, sind während der Stillegungsperiode 1945 abgewandert, z. T. aufs Land. Wenn die Eisen- und Stahlindustrie ihre Erzeugung ausdehnen soll, wird eine andere Einstufung in die Dringlichkeitsskala des Arbeitseinsatzes notwendig sein.

Die erhebliche Leistungsminderung (etwa 30 v. H.) ist auf die schlechte Ernährung, Bekleidung und Unterbringung sowie auf die Überalterung der Belegschaften zurückzuführen. Vor dem Kriege stellten die Arbeiter unter 35 Jahren etwa 47 v. H. der Belegschaft, heute nur noch 23 v. H.

Kapazität in den einzelnen Zonen.

Von der gesamten Produktion an Roheisen Rohstahl und Walzstahl-Fertigerzeugnissen des Jahres 1943 entfielen auf die jetzigen Besatzungszonen folgende Anteile:

Der weitaus größte Teil der deutschen eisenschaffenden Industrie und der Eisen- und Stahlverarbeitung liegt also in der britischen Zcne, die gegenwärtig an der deutschen Rohstahlerzeugung mit mehr als neun Zehntel beteiligt ist. Wenn es schon in normalen Zeiten kaum möglich war, die Kapazität der eisenschaffenden Industrie genau festzustellen, dann ist es jetzt infolge der Kriegsschäden und der gänzlich veränderten Rohstoff- und Arbeitsverhältnisse noch viel schwieriger. Auf der Hochofenstufe verlangt der Zwang zur Verhüttung eisenarmer Inlandserze anstatt der hochwertigen Auslandserze einen sehr viel größeren Hochofenraum and einen erhöhten Koksverbrauch, so daß die Leistung der Hochöfen auch bei Vollbeschäftigung auf 50 – 55 v. H. sinkt. Auch auf der Stahlwerksstufe machen sich die veränderten Rohstoffverhältnisse bemerkbar. Hier betragen die aus metallurgischen und thermischen Gründen verursachten Kapazitätsminderungen bei den Thomas-Stahlwerken etwa 30 v. H. und bei den Siemens-Martin-Stahlwerken ungefähr 25 v. H. Wird die Leistungsfähigkeit eines Hochofenwerkes stark heruntergedrückt, muß das angeschlossene, auf die Hochofenleistung abgestimmte Thomas-Stahlwerk naturgemäß in seiner Kapazität weiter beeinträchtigt werden. Diese und andere Faktoren, wie z. B. die Zerstörungen durch Kriegseinwirkungen, müssen bei der Berechnung der derzeitigen deutschen Stahlkapazität berücksichtigt werden. Legt man, wie es vor kurzem im englischen Unterhaus geschehen ist, der Kapazitätsberechnung den höchsten Produktionsstand in den Jahren 1938 – 1944 zu gründe, so kommt man zu dem Ergebnis, daß die Maximalerzeugung von Rohstahl in der britischen Zone 19,7 Mill. t betragen habe, eine Annahme, deren Richtigkeit von den Fachleuten bestritten wird.