Der Textileinzelhandel, genauer gesagt, das Textileinzelhandelsgeschäft, gibt ein Spiegelbild der heutigen Zeit. Mit mancherlei Varianten, die sich aus Überlieferung, Geschäftsgröße, persönlichen Qualitäten und Schicksalen oder örtlichen Besonderheiten ergeben, zeigt sich fast überall in der britischen Zone ein gleiches oder ähnliches Bild, mag man zwischen den Trümmern von Aachen, Gladbach-Rheydt, Köln, Essen, Dortmund, Münster, Emden Umschau halten oder einer im äußeren Antlitz so friedensmäßig anmutenden Stadt wie Detmold seinen Besuch machen oder auch in einigen vom Krieg verschonten kleineren Gemeinwesen Westfalens, Hannovers und Ostfrieslands einkehren. Fast überall in den Läden luftige Regale, in den Lagerräumen meist gähnende Leere; ehemalige Verkaufsräumlichkeiten, die sich heute dem Auge des Käufers entziehen, zum Abstellen von Kisten und Gerät, ja, zum Lagern von Heizstoffen benutzt. Vereinzelte Schaufenster, geschmackvoller ausgestattet, gleichen der Schwalbe, die noch -keinen Sommer macht. Es sind deren erst wenige, die – an gute Überlieferungen anknüpfend – hoffnungsfreudiger zu stimmen wünschen in unserer sonst so freudearmen Zeit. Doch oftmals wird man wieder enttäuscht, wenn die ausgestellten Waren (z. B. Oberhemden, Schlafanzüge, Nachthemden usw.) verraten, daß sie "aus Ihren eigenen Stoffen" gemacht werden können. Ein frischer Anstrich, der unweit des Trümmerschutts das Auge fesselt und das Herz ermuntern möchte, denn er spricht von Leben und neuer Verheißung, wird von manchen Passanten, denen die Not auf der Stirn geschrieben steht, mit Worten des Mißfallens, ja, der Empörung über solchen "Luxus" quittiert. Es ist harte Übergangszeit, in der sich der Blick des vom Schicksal Verfolgten nur allmählich an Bilder gewöhnt, die noch einen gewissen Wohlstand vortäuschen.

Zahl und Größe der Schaufenster stehen durchweg im umgekehrten Verhältnis zur Größe der Trümmer. Je mehr eine Stadt gelitten hat, um so kleiner die äußere Auslage, um so beengter auch der innere Raum. Oft finden sich mehrere Geschäfte in den gleichen Räumlichkeiten, kaum merklich voneinander getrennt. Überall aber reden die Zeichen der Not: großer ungestillter Bedarf an lebensnotwendigsten Spinnstoffwaren, – verbitterteGesichter völlig Verarmter, die ohne Bezugsrechte vor einer vermeintlichen "Fülle" stehen, die doch im Vergleich mit dem Bedürfnis, in Wahrheit nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Doch steht zu erwarten, daß wenigstens zu diesem Angebotenen künftig genügend Brücken durch Bezugsmarken geschlagen werden.

Der Ruf nach Stückware ist im gesamten Textileinzelhandel laut zu vernehmen. Nach winterlichen Wirk- und Strickwaren und vor allem nach Erstlingsausstattungen wird stürmisch verlangt. Dagegen wirkte das Konfektionsangebot zeitweilig beinähe ermutigend. Führende Einzelhändler an den verschiedensten Orten klagten, daß sie mangels Bestellabschnitten von den Angeboten der Fabrikation nicht immer Gebrauch machen könnten. Auch das wird sich hoffenlich einrenken.

Das Textileinzelhandelsgeschäft steht offensichtlich in einem Strukturwandel. Übersehen wir ganz die Äußerlichkeiten, die auf fange Zeit hinaus den Stempel der Kargheit an sich tragen werden!Das Entscheidende ist wohl folgendes: Das Spezialgeschäft hat sich weit und breit zum Gemischtwarengeschäft gewandelt, dieses wiederum ist vielfach auf branchefremde Erzeugnisse ausgewichen, Man kennt sich bisweilen nicht mehr recht aus. In einem Textilgeschäft in einer ostfriesischen Stadt kann man außer bewirtschafteten Textilwaren u. a. Untersätze, Aschbecher, Trichter und Büroklammern kaufen. Ähnliche Bilder boten sich in Westfalen. Solche frei verkäuflichen Artikel geben dem Geschäft eine gewisse Beweglichkeit, aber sie stören den ganzen "Zuschnitt" und verwischen den-Eindruck der fachlichen Bedienung – ganz abgesehen von der Rechtsfrage, die sich mit der mangelnden Branchenklarheit verbindet.

Die dem Textileinzelhandel behördlich zugeteilten Waren, im wesentlichen für Flüchtlinge bestimmt, lindern nicht einmal die drückendste Not. Für einen westfälischen Amtsbezirk mit rund 30 000 Einwohnern, davon fast die Hälfte Vertriebene aus dem Osten, wurden 140 Steppdecken, 110 Leibbinden, rund 900 Paar Herrensocken, rund – 570 Paar Damenstrümpfe bestimmt. Selbst die Wolldeckenzuweisung von rund 2800 Stück bleibt weit hinter den Notansprüchen zurück. Doch will es verstimmen, wenn vielfach die Decken in Farben gewünscht werden, die eher auf Mantelstoffschließen lassen. Der Verkauf der zum "Volksopfer" zu Anfang des Jahres 1945 gespendeten Bekleidungssachen, die in der damaligen Zuspitzung der Lage vielfach in falsche Kanäle gerieten, ist ein Symptom der Zeit. In Ostfriesland griff man zu dieser Hilfe, um dem Elend zu steuern.

Der Begriff der "Kompensation" schwindet nirgends aus der Erörterung. Jeder Beteiligte ist sich dessen bewußt, daß er den Buchstaben des Gesetzes mißachtet, soweit er bewirtschaftete Waren führt. Aber im Kampf um das Dasein, um das Brot und den warmen Ofen, verwischen sich leicht die Begriffe. Erst reichlichere Warenversorgung wird wieder eine Besserung schaffen.

Die aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrenden jüngeren Geschäftsinhaber finden sich vielfach heute nicht mehr oder noch nicht zurecht, wenn sienicht das Glück hatten, von einer tüchtigen Geschäftsfrau vertreten zu werden, die alles auf dem Laufenden hielt und ihnen jetzt die Wege ebnet. Die Bewirtschaftungs- und Lenkungsordnung er- – scheint ihnen zunächst wie ein Buch mit sieben Siegeln. Punktschecks mit und ohne Bestellabschnitte, in Sonderfällen (Näh- und Stopfmittel) Bestellabschnitte ohne Punktscheck, oder Punktscheck und Bestellabschnitte über bestimmte Waren (Bettfedern) – das sind anfänglich Stolperdrähte und Fallgruben. Viele sind des irrigen Glaubens, sie könnten die Bestellabschnitte des Verbrauchers, die bekanntlich auf bestimmte Waren lauten, nur zum Einkauf der gleichen Artikel verwenden, statt die Summe ihres Punktbetrages zur Schaffung eines sortierten Lagers zu benutzen. – Die Leiter der Textileinzelhandelsverbände und der örtlichen Fachvereinigungen wissen von all diesen Nöten. Auf ihnen ruht die Verantwortung, frei von unangebrachten Wettbewerbsrücksichten den Rückkehiern mit Rat und Hilfe zur Seite zu stehen, ihnen Bezugsquellen nachzuweisen, den bisher geschlossenen Geschäften die Möglichkeiten für PunctVorschüsse aufzuzeigen und was dergleichen wichtige Existenzfragen sind. Nach unseren Erfahrungen geschieht diese Betreuung in aller Regel mit Ernst und kollegialer Uneigennützigkeit.

H. A. N.