Abend senkt sich über Stadt und Strom. Draußen in Blankenese, auf dem Hügelufer der Elbe, zu der sich eine dunkelbewaldete Schlucht niedersenkt, steht ernst und einsam – einsam trotz der Nachbarschaft anderer in Gärten gebetteter Heimstätten – ein nur wenigen bekanntes Haus. Dies Haus und sein waldatmender Garten gehörten dem Dichter Richard Dehmel. Hier glühte er. Glaube und Begeisterung umbrandeten ihn; Neid, Dummheit, Unverstehen stürmten gegen ihn an. So schien das Bild des Dichters den einen götternah, den andern verzerrt. Wie war es in Wirklichkeit?

In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende schien es unmöglich, gleichgültig an Dehmel vorüberzugehen. Er war so sehr blutvolle Persönlichkeit, daß man sich ihm gegenüber zur Entscheidung gezwungen fühlte. Sein Wesen und Werk sind auf eine eigentümliche Art lebendig geblieben: so, als habe die Zeit langsam einen feinen Schleier über des Dichters Bild gezogen. Heben wir ihn mit behutsamer Hand, so leuchtet uns aufs neue diese schöne Menschlichkeit entgegen. Ja, es wird uns nur tiefer ergreifen, nachdem das Zeitbedingte daraus gelöscht ist. In klarer Harmonie steht nun die Dreiheit vor uns. die das Wesen Dehmels ausmacht: der Dichter, der Denker, der Mensch.

Zu dem Dichter Dehmel gewinnen wir am schnellsten Zugang, wenn wir von seinem eigenen Wort ausgehen, daß seine Gedichte "Seelenwandlungen" seien.

Rechne ab mit den Gewalten

in dir, um dich. Sie ergeben

zweierlei: wirst du das Leben,

wird das Leben dich gestalten?