Hat der Weichensteller K. mit dem Propheten also gesprochen: Speise mich, o Herr, mit dem Tränenbrot und tränke mich mit dem Trank der Zähren in vollem Maße? Nein, um Milch und Butterbrote für sein krankes Töchterchen hat er gebeten, aber er hat nichts bekommen. Das Wichtigste aus seinem "Brief an die Herausgeber" (Stuttgarter Zeitung vom 4. 1, 47) sei hier zitiert:

"Ich bin als Weichensteller bei der Reichsbahn tätig. Der Dienst ist, besonders in den Wintermonaten, nicht leicht, mein Einkommen klein. Wir haben drei Kinder und die Schwiegermutter, da gehts knapp her beim Essen. Wir Alten müssen der Kinder wegen oft zurückstehen. Aber es nützt alles nichts. Die Kinder bleiben in der Entwicklung zurück, sie kränkeln. Unsere neun Jahre alte Tochter hat jetzt offene Tuberkulose. Der Arzt sagt: Mehr Milch, geben und Butterbrote. Habe im Interesse meiner Familie schon öfter den Versuch gemacht, bei Verwandten in meiner Heimatgemeinde zusätzlich etwas zu kaufen. Umsonst, alle jammern mir vor, sie hätten nichts. Von meiner eigenen Schwester aber wurde mir gesagt: Narr, dir geben sie deshalb nichts, weil sie von dir solche Preise wie sie von anderen bekommen, – nicht fordern mögen: da sagen sie eben, sie hätten nichts.. Es gebe genug Leute, die für ein Pfund Butter 100 Mark bezahlen. Diesen Preis kann ich allerdings nicht bezahlen, das ist für mich die Hälfte meines Monatseinkommens. Also muß ich zusehen wie meine Frau und meine Kinder von Woche zu Woche weniger werden, Bei mir selber lassen die Kräfte nach. Was soll erst werden, wenn ich meinem Dienst nicht mehr nachkommen kann?

Muß nicht jeder auf seinem Posten seine Pflicht tun? Wenn ich eines Tages einfach meine Weiche nicht stelle und lasse den Zug hinrasen, wohin er will, bin ich dann gewissenloser als diejenigen, die meine Kinder ins Siechtum führen?"

Ja, was dann? Wenn K wirklich eines Tages den Zug rasen läßt wohiner will? Dann gibt es ein Eisenbahnunglück mit unschuldigen Toten und Verletzten. Dann gibt es eine Gerichtsverhandlung gibt es Berichte in den Zeitungen, Stoff für ein Drama Stoff für eine Novelle, würdig der Feder Heinrichs von Kleist. Aber Milch und Butter für das kranke Mädchen gibt es nicht.

Nein, der Gedanke, den Zug entgleisen zu lassen ist nicht ernsthaft in dem Weichensteller aufgekeimt, er hat ihn nur zum Vergleich verwendet; die Reisenden können ruhig sein, wenn Zug über seine Weiche poltert. Der Weichensellerist keine Figur wie Michael Kohlhaas, er hat wohl nicht das Zeug dazu, "einer der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Männer seiner Zeit" zu werden. Aber auch in ihm zuckt "der Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken". Er setzt nicht alles daran sein Recht zu .erkämpfen, denn welch ein Recht hätte er schon, wenn nicht dasjenige, von der menschlichen Gesellschaft, in der und für die er tätlich arbeitet, zu verlangen, daß sie ihm gegenüber so gewissenhaft ihre Pflicht tue, wie er sie ihr gegenüber erfüllt. Aber wen will er anklagen? Wer richtet die Gesundheit der Familie K. zugrunde wer ist schuld am Dahinsiechen des tuberkulösen Kindes?

Auf der einen Seite steht der Familienvater K. Auf der anderen Seite befindet sich ein unpersönlicher und unfaßbarer Komplex von Umständen, Behörden Organisationen und auch Menschen. Ernährungsämter. Ministerien, Kontrollinstanzen, internationale Gremien. Statistiken und Kontigentierungen. Produktions- und Einfuhrzahlen, Lebensmittelkarten und Verordnungen. Unfaßbar und unpersönlich. Unverantwortlich in ihrer Verflechtung. Wer ist schuld? Schuld haben auch die Bauern im Heimatdorf des Weichenstellers, schuld haben auch die Norweger, die die ergiebigen Fischgründe für die Deutschen sperren. Schuld ... die Liste der Schuldigen hätte kein Ende. Aber niemand ist verantwortlich, niemand zu fassen. Ein einzelner Mann schleudert seine Anklage in ein riesenhaftes, amorphes Gebilde. Ein einzelner Mensch hebt die Hand und trifft ins Nichts. Er schreibt einen Brief an die Zeitung. Die Zeitung wird gelesen; übermorgen erscheint eine neue. "An die Herausgeber" war der Brief gerichtet. aber die eigentlichen Adressaten sind die Mächtigen dieser Erde, die an den Weichen der Gleise stehen, über die der Zug der Menschheit fährt. H. H.