Vorher gab es sie nicht, der Krieg zeichnet für sie verantwortlich. Als sie aus der Front zurückkamen, war auch der Jüngste von ihnen alt und hart geworden. Hart wie Glas. Und wie das Glas, so wiesen auch einige von ihnen Sprünge auf. Ein Erlebnis, eine Verwundung vielleicht hatten sie verursacht. Monate hinter Stacheldraht, die Enttäuschung der Heimkehr, oder die bittere Erkenntnis, Vor dem Nichts zu stehen, verlangten den Riß. Wer nicht gleich resignierte, ging schrittweise den Pfad bergab. Es ist der Typ des Führers über die Zonengrenzen, der Typ des deutschen Tramps, bar jeder amerikanischen Romantik. Sie schlafen in Luftschutzbunkern oder erbrochenen Güterwagen; sie nehmen, was sich ihnen bietet, gleich wessen Eigentum es ist. Was sie gestohlen haben, vertauschen sie gegen Zigaretten, und ist es eine "schwache Zeit", so betteln sie auch. Sie erwarten kein Mitleid; wer ihnen etwas gibt, ist in ihren Augen dumm. Sie lachen über die Parteien, sie ärgern sich über die Aufhebung der Schranken zwischen zwei Besatzungsmächten. Und eines Tages ist dann Schluß. Manchmal machen sie es selber, oft ist es der Zufall, selten das Gesetz. Da; Glas ist zersprungen. – Das sind die einen, die der Krieg erschuf und der Frieden zerbrach.

Die anderen aber blieben ganz. Nur ihre Ideale hatte man zerstört. Darum wollen sie keine neuen Ideale. Darum wollen sie keine Politik, sie wollen kaum Deutschland. Sie hegen keinen Haß gegen die Siegermächte, denn sie empfinden die Besitzung als Recht. Als Recht des Stärkeren. Was ihrem Fortkommen nicht dienlich ist, interessiert sie nicht. Sie wissen Bildung und Geld, Beziehung und Leistung gleichermaßen zu schätzen. Sie erholen sich nicht zum Vergnügen, sondern weil sie sich nicht kaputt machen wollen. Viele haben gelernt sich zu beherrschen. Auftreten und Rede deckt sich nicht mit innerer Haltung und mit den Gedanken. Denn sie sind mißtrauisch und vorsichtig Dann täuschen sie ihre Umgebung, die sie im Grunde verachten, um nicht aufzufallen. Man findet sie nett und sympatisch und ist um so erschrockener, durch einen Zufall plötzlich zu entdecken, daß sie gefühlsroh sind. So jedenfalls wird es genannt. In Wirklichkeit sind sie nur kalt geworden, und haben noch keinen anderen Maßstab als den des Krieges. Sollen sie Mitleid heucheln für jemanden, der unter die Straßenbahn kommt? Sie denken an ihren Grabennachkam. den ein Litzenträger aufknüpfen ließ, weil er angeblich desertieren wollte. Wie sollen sie ergriffen sein von einem Theaterstück, dessen dramatischer Schluß den Tod eines Elternpaares darstellt. Sie wissen vielleicht nicht einmal, wo der Vater fiel; die Mutter verbrannte.

Die Bilanz scheint furchtbar. Die, die der Krieg erschuf, sind hart, kalt und eigensüchtig; mißtrauisch, mitleidslos und intolerant. Kurz, das Gegenteil dessen, was heute ein guter Deutscher sein soll. Aber das ist nicht ihre Schuld! Und ihr Bild darf uns nicht täuschen. Sie sind nicht die Schlechtesten; sie zählen zumindest zu den Fähigen. Stehen sie heute fern, so konnten sie bis jetzt nicht anders. Man hat nicht erkannt, daß diese Verbitterten und Nüchternsten unserer Jugend nicht durch Vernunft oder überzeugende Reden aus ihrer Erstarrung gelöst werden können. Nur die Erweckung ihrer elementarsten Gefühle, ja Instinkte, werden sie unserer Welt zurückgeben: Der Haß oder die Liebe.

Hüten wir uns vor ihrem Haß

Claus Jacobi