K. W. Berlin, im Februar

Seit Monaten steht die Universität Berlin in denöffentlichen Debatten dieser Stadt vornean. In den letzten Wochen ist sie sogar ein bevorzugter Punkt in den Programmen der Berliner Parteien geworden. Also scheint ein politisches Problem zur Diskussion zu stehen? Es ist mehr als dies. Daß jedoch ein Kampf um eine Universität in diesen Wochen entbrennen kann, da der zweite Nachkriegswinter mit seinen letzten zerrinnenden Illusionen auch die zählebigsten Programme zerstäubt – dies ist erstaunlich genug.

Es ist dies um so bemerkenswerter, als die Universität nur noch in traurigen Fragmenten existiert. Die Bomben hatten sie zerfressen. Die Schlacht um die Stadt hatte sie zerstört. Alle Hoffnungen der Sommer- und Herbstmonate des vergangenen Jahres, die sich auf ein großes an der Stadtperipherie erhaltenes Gebäude lenkten, waren zerfallen. Nur ein armseliges Flickwerk an ein paar Hörsälen inmitten großer Ruinenfelder half erbarmungswürdig genug über den äußeren Notstand hinweg. Viele Vorbereitungsstadien hatte die Eröffnung der arg zerzausten Berliner Universität zu durchlaufen, bevor sie endlich die Konkurrenz der wie Pilze aus der Erde geschossenen Tingeltangel, Kabarette, Operettenbühnen und Theater schmalbrüstig aufzunehmen begann. Nicht alle Fakultäten freilich hatten schon Starterlebnis. Und dies war es ja auch, was die Eröffnung überhaupt so arg verzögerte.

Ob es der Versuch war, die Universität erst dann wiederzuerwecken, wenn sie die breite und tiefe Repräsentation einer neuen deutschen Wissenschaft sein konnte? Ob das schwierige Verfahren der Studentenauslese den Beginn immer wieder hinausschob? Ob die bloßen räumlichen Kalamitäten jede rasche Lösung verhinderten? Oder ob die Siebung, Prüfung und Zensur der Disziplinen die größten Komplikationen schufen? Alle Ursachen werden daran beteiligt sein; denn-die Berliner Universität trägt nicht nur mit den anderen deutschen Hochschulen die Folgen aus Bombenzerstörung und geistiger Devastation.Sie birgt ah sich das Knäuel der neuen Nachkriegsprobleme, das den Alliierten die Frage Deutschland serviert hat.

Die beklagenswerten äußeren Zustände der Berliner Universität wurden auch ihr geistig-politisches Problem; Manche Bemühungen, auf die kärglich erhaltenen Reste der Universität, Unter den Linden – im russischen Sektor also –, ganz zu verzichten und ihr am Westrand der Stadt in der Nähe ihrer noch vielfach erhaltenen Institute, also im amerikanischen Sektor, eine neue Heimstatt zu suchen, scheiterten an der Aktivität des russischen Sektors. Das Recht der räumlichen Tradition wurde zum Recht der neuen Gründung. So untersteht die Universität der russischen Aufsicht. Mehr als dies: Mit der Errichtung der Zentralverwaltungen für die sowjetische Zone wurde die Berliner Universität Hoheitsgebiet der Zentralverwaltung für Volksbildung. Seitdem haben die amerikanischen, britischen und französischen Vertretungen in Berlin keinerlei beratenden oder gar bestimmenden Anteil an der Berliner Universität. Da ihre Tätigkeit jedoch – anders als die der Universitäten in der Ostzone – jedermanns Einsicht offen liegt, mußten wohl Lehrmethode, Dozentenzusammensetzung und Studentenauswahl immer zwingender zum Gesprächsgegenstand in diesem vielsprachigen Berlin werden.

"Humboldt-Universität" heißt die Universität Berlin heute. Der tiefe Respekt vor der echten geistigen Tradition dieser Hochschule verbindet sich nun mit einer um so größeren Verpflichtung. Doch diese Verpflichtungbraucht Zeit. Vorerst haben die ersten drei Vierteljahre aus den Ruinen der Berliner Universität noch keinen Ruf, keine Sprache, keine These gelöst, die in die große geistige Verwirrung dieser Zeit klärend oder aufrüttelnd gefallen wäre. Wer durch die zerrissenen letzten Korridore geht oder in den Katakomben des Doms vor den schwarzen Brettern steht, wird sehr bald die Ursache gewahr. Er sieht jetzt, daß nicht nur der Raum voller Lücken ist. Er sieht die ärgere Armut der Köpfe. Wohl müssen in solchen Zeiten der mühseligen Geburtswehen einer neuen Zeit neue Namen, unbekannte Namen an den Tafeln stehen. Das könnte sogar lodernde Fackeln des Geistes anzünden, die den entleert und Fackeln Heimkehrenden voranleuchten. Doch in Berliner Vorlesungsverzeichnis fehlen auch viele Themen. Das scheint die drohendere Besorgnis.

Der Rektor sucht sie in manchem Zeitungsaufsatz zu zerstreuen. Professor Stroux ist allerdings kein neuer Mann. Ab klassischen Philologen von hohem Rang hat ihn die Welt des Abendlandes geprägt. Statt Eduard Spranger, den schon die Debatten vor der Eröffnung zur Demission anhielten, hat er das große Wagnis unternommen, die einst stets repräsentative Universität der ehemaligen deutschen Haupts adt zu repräsentieren. Das politische Klima dieser Stadt zwang ihn zu politischen Stellungnahmen, die schon sehr früh die-Universität zusammen mit ihrer Bindung an den russischen Sektor und die Zentralverwaltung der Sowjetzone zu einem politischen Problem machten. Dabei spielten nicht einmal die Auswahl und Zulassung der Fakultäten in der Öffentlichkeit eine solche Rolle, wie sie es wohl verdient hätten. Denn es war offenkundig, daß zunächst jenen Disziplinen freie Lehrfreiheit zugesichert wurde, die nicht in Kollision mit Auffassungen der Besatzungsmacht geraten konnten: Die medizinische, naturwissenschaftliche und theologische Fakultät konnten solchermaßen ebenso wie eine Reihe von fachsolchermaßen Gebieten aus der philosophischen Fakultät (insbesondere die Sprachgruppen) zuerst ihren vollen Lehrbetrieb aufnehmen. In der juristischen und volkswirtschaftlichen Disziplin hingegen wurden, zuerst nur sehr spärliche Gehversuche zugelassen (Geschichte des Kapitalismus, Geschichte des Geldes zum Beispiel), und selbst in der deutschen Literaturgeschichte verbreiterte sich das erste Semester vornehmlich nur in Vorlesungen über das Leben Goethes und sehr drittgradigen Randgebieten. während die historischen Fächer überhaupt noch ruhten.