Von Curt Weithas

Der Verfasser ist selbst einer der schwerkriegsbeschädigten Patienten, von denen dieser Bericht handelt

Der Waldmann erstrahlt im Hermelin, der um seine nackten Schultern liegt. Mit weißen, flockigen Fäden spinnt der Königssee sein Wintermärchen. Hinter dem massiven Rücken des Göll klettert die Sonne empor und überflutet mit ihrem Licht die breiten Balkone des Hauses, wo Hunderte von Versehrten und von Tbc-Kranken Genesung suchen. Aus dem großen Laboratorium des Alls strömen die Kräfte herbei and vereinen sich mit der Kunst der Menschen, um – welch Seltenheit in unserem Jahrhundert! – nicht Wunden zu schlagen, sondern sie zu schließen. Wenn in den Zeiten, wo der Golfstrom des Friedens noch ungehemmt dahinfloß, Millionen von Fremden und Gesunden in der Alpenwelt neue Spannkraft holten – was können erst diese weißen Riesen, die in ihrer kristallenen Pracht die Bergpredigt des Lebens verkünden, den Kranken und Krüppeln an Energien geben, an neuem Glauben schenken Gerade diese Menschen, die in langen, schmerzvollen Nächten feinnervig wie Künstler geworden sind. haben in ihrem Körper ein Empfangs- und Leitungsnetz das auf die geringsten Schwankungen und Wandlungen der Umwelt zu reagieren vermag.

So belebend dieses glitzernde Panorama der Natur ist, so wundersam wirkt sich die Wunschkost aus: Wahre Delikatessen die auf der Speisekarte für Schwerstkranke stehen. Da können sie wählen, was in dieser Notzeit noch aufzutreiben ist. Da bringt das Koffein das müde Herz auf höhere Tourer, da elektrisiert der schwarze Tee die erschlafften Nerven, da gibt es Rumpsteak, Kaiserschmarrn Omelettekonfitüre, Gebäck, Sahne, Früchte... Wir haben hohe Hallen’ passiert, sind durch lange schneeweiße Korridore gewandert, an zahllosen Türen vorbei, und stehen in dem Observatorium der Heilstätte, in dem Röntgenraum mit seinen Apparaten. Auf großen gelben Lichtschirmen taucht das innenbild des Men chen auf, sieht der Fachmann genau, ob die Heilung fortschreitet oder die Zerstörung, ob mit Luft kuriert werden kann oder mit dem Messer operiert werdemuß ob der Pneumotorax also die Nadel genügt oder der groß-’ chirurgsche Eingriff fällig ist Aufnahmen werden gemacht; verglichen und Entscheidungen getroffen. Dann Wendet die weite Halbkugel der Operationslampe an und wirft schattenlose Licht auf Ärzte, die in ihren weißen Mänteln und Tüchern wie Gestalten aus dem Morgenland wirken, auf Schwerem Instrumente und Patienten. Lautlos, mit der Sicherheit von Spezialisten, die Virtuosen ihrer Kunst sind wird gearbeitet, geschnitten, genäht und – aufgeatmet Am anderen Tag, oft nach vielen schlaflosen Stunden, lächeln matte Augen aus bleichen Gesichtern, kommt der Leckerbissen, lockt mit dem Beefsteak erneut das Leben, beginnt die Genesung, steigt es vom Watzmann auf, da; neue Lied der Schöpfung.

Wenn das Berchtesgadener Land durch die Majestät seiner Welt imponiert, so fesselt der Tegernseer Winkel – ein neues Zentrum der Medizin –durch die stille Harmonie einer Architektur, die vom Reißbrett des Herrgotts stammt Hier ist in fünf Versehrten-Krankenhäusern eine kleine Universitätsstadt für sich entstanden Die Ursache ihrer Eitstehung ist der Krieg In seiner Feuer-, linie würde kein Fieber gemessen, keine Krankheit registriert, da galt der Tod als Norm und nicht das Leben, So wucherten Leiden heimlich weiter, unbeobachtet unaufhaltsam, bis dann der Kelch überfloß oder der Querschläger den Vorhang zerriß und mit dem blutenden Stumpf zugleich Herz Lange. Nieren, Nerven streikten Hier aber feiern Internisten und Chirurgen ihre schönstenTriumphe. In diesem fruchtbaren Zusammenspiel der Spezialisten liegt dir Stärke Tegernsees. Mit Gott aber steht die Zej Pate bei. der Tat Das gilt ganz besonders für jene, die im Streckverband die Wochen zählen, und im Kreislauf der Operationen die Heilung suchen, für Gelähmte, denen im Rückenmark der Splitter sitzt und die schon jahrelang ans Bett gefesselt. sind wie Galeerensklaven an die Bank. Und auch für diese fast Verlorenen gibt es die Stunde, wo sich die Pforte zum Dasein wieder öffnet wie es jener Krüppel erlebte, der fünf Jahre nur weile Wände sah und jetzt schon große Schritte macht. Dann sehen wir andere, wieder, dreifach amputiert, und sprachen mit einem dem in der Kalmückensteppe die Mine unter dem Krad explodiert das Bein weggerissen war und der berstende Benzinkanister das Auge zerstört, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hatte. Nur ein neuer Zola könnte das erste Wiedersehen dieses Mannes mit seinem Spiegelbild schildern. Da flogen die Worte wie Handgranaten und die Anklagen wie Axthiebe gegen den Thron jener höchsten Instanz, in deren Händen das Schicksal der Menschen liegt. Bis dann in langem, schmerzvollem Prozeß der Sturm abebbte, die Heilung begann, bis unter der plastischen Kunst der Ärzte und aus eigener Kraft heraus das Gleichgewicht’ wiedererstand. So reich war dieser Mann geworden, so reif, so feinnervig, so weit war er über sich selbst hinausgewachsen, daß das Gespräch mit ihm zu wundersamen Höhen führte

Solche Stunde versöhnt. Ihre Seltenheit ist selbstverständlich. Liegt doch hier der bittere Extrakt der deutschen Tragödie, die aller Vorbilder spottet und deren erregendster Akt von jenen Schattengestalten gestellt wird die – ausgepreßt, skelettiert – der Menschenmühle der Front entronnen sind. Von den schwarzen Namenstafeln jedenfalls, die über den Krankenbetten hängen, liefert fast jede dramatischen Stoff. Man hört schon kaum mehr zu. wenn die Schwestern berichten, man nickt nur. noch und fühlt es in sich überlaufen. Wie narkotisiert ist man, wie im Halbschlaf wandert man weiter, an Betten Menschen. Tragödlenen vorbei. Und die Antwort fällt schwer, ob es das Schicksal war, dasso erschüttert hat, oder die Haltung, in der es getragen wird. Aus diesen bleichen Gesichtern spricht so viel Anständigkeit und Tapferkeit daß man sich zuweilen beschämt vorkam vor solch schlichter Größe Dabey ist fast die Hälfte völlig heimatlos. sind es Deutsche, die in Ungarn, Rumänien, Polen, jenseits der Oder, irgendwo im Osten alles verloren haben, was zum Leben gehört. Diese Waisenkinder unseres Jahrhunderts stehen da ohne irgendwelche Existenzmittel, viele nur in Lumpen, zumeist ohne Beruf;sie besitzen nicht einmal Prothesen, wenigstens vorübergehend wieder auf die Beine zu kommen. Ohne Spritzen, ohne Diät, ohne all die Hände, die halten, schenken, warmen, die wieder mit hinüberhelfen ins Leben, waren Tausende zum Tode verurteilt. Um so großartiger heben sich von solch düsterem Hintergrund die Monumente einer Humanität ab, die wenigstens noch in Bayern Asylrecht hat. in seinen Versehrtenheimen, in 25 Häusern, finden diese Opfer des Krieges nicht allem ein warmes Dach und nahrhafte Kalorien, sondern zugleich jene seelische Atmosphäre, deren Heilkraft die großen Erfolge und das Wunder erst erklärlich macht, wenn nach jahrelangem oft hoffnungslosem Siechtum doch die Auferstehung kommt.