Erlösung

Vor Kälte zitternd, wächst die Nacht empor

und schleicht sich ein in Straße, Haus und Kammer,

und langsam tritt der Städte grauer Jammer

aus dem verlöschten Tagesglanz hervor.

Aus tausend Stuben, voll von Lampenlicht,

will Frohsinn in die Gassen niedertauen,

doch schnell und wie geduckt springt schon das Grauen

Erlösung

von Tür zu Tür, daß sie vor ihm zerbricht:

In Hinterhöfen schlafen Bauern ein,

die, Bettler nun, zerlumpt aus Osten kamen,

und Kinder, ohne Herkunft, ohne Namen

kauern verlassen auf dem bloßen Stein –

statt Brot zu essen, würgen Mütter Qual

ins Herz hinein in sternelosen Zimmern,

Erlösung

und noch im Traume denkt ihr leises Wimmern

an ihre Söhne jenseits des Ural.

Hier tastet sich ein Blinder müd nach Haus,

das Antlitz braun von einem Feuermale –:

doch über allem schwebt die Kathedrale

aus dem Gestein der Stadt ins All hinaus,

bricht aus dem Boden, reißt die Erde mit,

Erlösung

springt jäh empor, als trüge sie die Straßen

und bräch’ Gebälk und Stein aus ihren Maßen

in einem riesig hochgewölbten Schritt

und wie erschreckt und der Erlösung nah,

fliegt Gottes Menschheit, die den Tempel baute,

mit ihm empor, als sei der todumgraute,

wachsende Dom das Kreuz von Golgatha.