In London sind die Vertreter zahlreicher Staaten versammelt. Es geht um die Vorarbeiten zur Moskauer Konferenz, auf der der Friedensvertrag mit Deutschland oder vielleicht auch nur das Friedensstatut für Deutschland fertiggestellt werden soll. Staatsmänner verschiedener Nationalität äußern sich in London zu der Frage, in welchen Grenzen und als was für ein Staat Deutschland weiterbestehen soll. Und vor allem meldet jeder für sein eigenes Land Ansprüche an: auf deutsches Gebiet, auf Reparationen, auf wirtschaftspolitische Vorteile aller Art. Die Liste dieser Forderungen wächst und wächst ins Ungemessene Überall spürt man das Bemühen, die Voranmeldungen so hoch zu schrauben wie nur irgend möglich, um ja nicht bei Verteilung der Beute zu kurz zu kommen. Und die Beute selbst ist stumm.

Aber einer der in London vertretenen Staaten hat es anders gemacht und wirklich zum eigentlichen Thema der Konferenz gesprochen: zum Frieden. "Deutschland", so sagte der Sprecher dieses Landes, "wird eine große Nation bleiben und ist, dazu bestimmt, auch weiterhin in Europa eine wichtige Rolle zu spielen. Jeder Versuch, große Stücke rein deutschen Gebiets abzutrennen, um sie schwächeren Nachbarländern einzuverleiben, muß als eine äußerst schwere Belastung der europäischen Zukunft angesehen werden." Von einer polnisch-deutschen Grenze an der Oder sei deshalb dringendst abzuraten, desgleichen von einer Annexion des Saargebiets durch Frankreich. Im übrigen erklärte dieser Befürworter eines Rechtsfriedens die wirtschaftliche Erholung Deutschlands als wichtigste Vorbedingung für den europäischen Wiederaufbau. Er sprach sich ferner für einen deutschen Bundesstaat mit Zentralregierung, aus. Bleibt noch hinzuzufügen, daß er für sein eigenes Land keinerlei besondere Ansprüche an Deutschland stellte und ausdrücklich auf einen Anteil an industriellen Reparationen verzichtete.

Der Staat, der diese Politik in London vertrat, ist Südafrika. Natürlich liegt es nahe, hierzu zu sagen, daß Südafrika weit vom Schuß sei und es also leichter habe als andere, "großmütig" zu sein. Aber es ist ja nicht nur der eigene Verzicht, der die südafrikanische Erklärung kennzeichnet sondern gerade die Weite des Blicks, das Wissen um den Frieden, die staatsmännische Weisheit. Das alles wächst nicht einfach im Quadrat der geographischen Entfernung. Es hat tiefere Gründe. Die südafrikanische Sachverständigkeit in Friedensschlüssen mit Besiegten stammt aus eigener Friedenserfahrung als Besiegter. Vor fünfundvierzig Jahren wurde in Pretoria zwischen dem siegreichen England und den geschlagenen Burenrepubliken ein geradezu klassicher Friede der Versöhnung unterzeichnet. Seine Bedingungen enthielten mehr Verpflichtungen für den Sieger als für den Unterlegenen. So wurde allen Buren das Recht auf Freiheit und Eigentum und das Recht auf Selbstregierung innerhalb einer vertraglich festgelegten Frist ausdrücklich zugestanden. England erklärte sich bereit, eine beträchtliche Entschädigung für zerstörte Burenfarmen zu bezahlen, während den Buren keine Reparationen auferlegt wurden. Und es wirkt fast rührend, wenn man liest daß Jagdflinten von der "Entmilitarisierung" während der vorübergehenden englischen Besetzung ausgenommen wurden. Vom Frieden zu Pretoria führte der Weg über die Gründung der Südafrikanischen Union zu deren Aufnahme als freies und gleichberechtigtes Dominion in die britische Völkerfamilie.

Durch einen guten Frieden wurde Feindschaft in Freundschaft verwandelt. Und der Mann, dessen Weisheit hinter der südafrikanischen Erklärung in London deutlich zu spüren war, ist derselbe, der vor fünfundvierzig Jahren als Vertreter der Buren an den Friedensverhandlungen maßgebenden Anteil hatte: General Smuts. Er hat im Burenkrieg gegen England gekämpft, und ist dann zu einem der repräsentativsten Staatsmänner des Britischen Commonwealth geworden. Die Nazipropaganda hat ihn als "englandhörig" verschrien und damit nur ihre Blindheit für eine wahre, machtferne Völkergemeinschaft bewiesen

Jedenfalls bleibt die Tatsache beherzigenswert, daß der konstruktivste Friedensvorschlag in London von dem Land kam, mit dem der bisher konstruktivste Friede dieses Jahrhunderts geschlossen worden ist. Sollten nicht auch in Zukunft Recht, Versöhnung und Gemeinschaft bessere geschichtliche Lehrmeister sein als das uralte Vae victis (Wehe den Besiegten!)?