Wer spanische Märchen liest, wird vergeblich nach rötlich blühenden Mandelbäumen, mondbeschienenen Zitronenhainen, kastagnettenklappernden Schönen, gitarreschlagenderGalanen und Stierkämpfen suchen. Die Figuren handeln und denken, fühlen und träumen nicht anders als in Frankreich oder in Deutschland, in Schweden oder sonstwo in Europa. Der Franzose Gaston Paris, der sich mit den Märchen auf der Iberischen Halbinsel beschäftigt hat, stellt fest, daß auch die spanischen und portugiesischen Märchen nicht selbständige Schöpfungen, sondern vor allem Neuformungen und Kombinierungen von Motiven darstellen, die den gemeinsamen Bestand des abendländischen Märchengutes bilden, und der Engländer Gallop, ein Kenner des portugiesischen Volkslebens, schreibt: We find the same stuff as everywhere ehe in Europe, the same fantastical fairy-tales...

Denselben Stoff wie irgendwo sonst in Europa! Wo bleiben da die europäischen Unterschiede: der Nation, der Rasse, der Religion, der Sprache, wenn die Menschen Europas sich in der Struktur ihrer Seelen so sehr gleichen, daß allenthalben ihre Sehnsüchte und Träume, ihre Phantasien und Gefühle um dieselben Gegenstände kreisen Lächelnd schreiten die Märchengestalten über die Grenzen, ohne sie auch nur zu bemerken, und zeigen die Menschen als das, was sie sind: Kinder Europas.

Was würde von den nationalen Unterschieden, vom Nationalhaß übrigbleiben, wenn man eine Gesellschaft Europäer zu gemeinsamem Leben vereinigte und es vermöchte, ihnen ihre Vorurteile zu nehmen? Würden nicht diese Menschen ihre Zuneigungen und Antipathien nur nach den Charakteren, nach dem Persönlichen, nach den Individuen orientieren?

Ein solches Experiment ist in der Schweiz im Gange und wird nach zehn oder mehr Jahren Antwort geben. Es handelt sich um ein Gemeinschaftswerk des Schweizer Volkes, das mehr ist als eine großherzige Hilfsaktion. Es ist ein humanitärer Versuch von europäischem Rang. Zweihundert Jahre nach der Geburt des Erziehers Pestalozzi, dessen Grundsatz es war, die Selbstentfaltunng der in den Menschen vorhandenen Anlagen und Kräfte zu wecken, fängt nahe bei dem nordschweizerischen Ort Trogen ein Dorf an zu leben, dessen Bewohner nur verwaiste Kinder aus den zerstörten Gebieten aller europäischen Staaten sein werden. Das Kinderdorf wird den Namen Pestalozzis führen.

Ein Europa im kleinen wird also entstehen, das vom großen Europa durch drei Tatsachen wesentlich unterschieden sein wird: Seine Bewohner werden einander kennen, ihre Beziehungen werden nicht belastet sein durch Vergangenes, und ihre Meinungsbildung wird nicht abgegrenzten Einflüssen unterliegen. In diesem Kinderdorf muß es sich wohl zeigen, wie weit es her ist mit der Verschiedenheit der europäischen Nationen.

Vorderhand geht es darum, den Waisen eine Heimat zu geben. Die ersten 15 Wohnhäuser, von denen jedes 16 Kinder beherbergt, sind fertig. Unter den ersten 300 Ankömmlingen sind auch deutsche Kinder, die schon seit einiger Zeit Gäste von Schweizer Familien sind. Jedes Haus steht unter der Aufsicht eines Paares, das den Kindern Vater und Mutter sein wird. Es gibt Hausgärten mit Beeten, von denen jedes Kind eines besitzt.

Die Schweiz nimmt die Kinder auf, aber ihre eigentliche Heimat wird Europa sein. Und wenn aus den Kindern Erwachsene geworden sind, wird sich an ihnen zeigen, ob das Goethesche Wort wahr ist: "Überhaupt ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf der untersten Stufe der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und wo man ein Glück und ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet."

Noch ist es nicht soweit, daß, wie Thomas Mann schrieb, "alles Nationale Provinz geworden ist", und dunkle Kräfte scheinen das Ziel immer wieder zu entfernen wie eine Luftspiegelung, wenn man sich ihm nahegekommen glaubt. Zwar sind wir nicht mehr so weit zurück wie vor anderthalb Jahrhunderten, als, wie der Schweizer Jeremias Gotthelf in einer Geschichte erzählt, "das echte Landvolk den Franzos haßte wie den Antichrist, ärger als einen menschenfressenden Kannibalen" (und das am grünen Holz der Schweiz!), aber noch immer liest sich Schillers Beschreibung der europäischen Familie ("Die Schranken sind durchbrochen, welche Staaten und Nationen in feindseligem Egoismus absonderten") wie ein schöner Zukunftsroman, und noch sind nicht "Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen durch eine allwebende Sympathie verbrüdert". Auf dem Weg dahin kann aber der Versuch im Appenzeller Land einen Wegweiser aufrichten, mehr ein Exempel als ein Experiment. H.