Dr. Kurt Schumacher, der Vorsitzende der SPD, ist ein Nationalist. So war es kürzlich sowohl von französischer wie von polnischer Seite zu hören In unseren Ohren klingt eine derartige Behauptung absurd Wie könnte nach der ganzen Tradition seiner Partei ein führender deutscher Sozialdemokrat nationalistisch sein! Das paßt so wenig zusammen, wie Feuer und Wasser. Aber mit dem Vorwurf des Nationalismus ist man heute schnell bei der Hand, besonders wenn es sich um einen Deutschen handelt Und je wahlloser dieses Wort herumgeboten wird, je mehr es zur Waffe wird, die man gegen jeden Mißliebigen schleudert, desto mehr offenbart es sich als ein Schlagwort ohne deutlichen Sinn und klare Konturen. Für die allgemeine Begriffsverwirrung unserer Zeit ist das überaus kennzeichnend.

Aber auch in Deutschland steht es nicht besser. Auch wir haben allen Grund, mit den Begriffen "Nationalist" "Nationalismus", "nationalistisch" ins reine zu kommen. Seit der Kapitulation werden diese Worte in der deutschen Öffentlichkeit ausschließlich – in einem höchst abfälligen Sinne gebraucht Vor der Kapitulation galten die gleichen Worte zwölf fahre lang in der offiziellen Propaganda als unantastbar gut. Das gehört in den an sich unbedingt notwendigen Prozeß einer Umwertung der Werte, der in Deutschland im Gange ist Aber es kommt hierbei eben mehr auf die Werte an als auf die Worte Umschließt der Sprachgebrauch eines wertenden Wortes zugleich Gutes und Schlimmes so wird entweder das Schlimme zusammen mit dem Guten verherrlicht oder aber das Gute zusammen mit dem Schlimmen verworfen In beiden Fällen ergibt sich eine bedenkliche Verwirrung, und daraus können in einem Volk wie dem unseren, das um sein Ja und um sein Nein neu zu ringen hat die gefährlichsten Folgen für seine seelische und geistige Gesundheit entstehen Gerade bei einem Wort wie "Nationalismus" handelt es sich für uns keineswegs um theoretische Begriffsspalterei, sondern um eine Frage von höchster Aktualität. Soll Nationalismus unter Deutschen jetzt und in Zukunft etwas unbedingt Verwerfliches bedeuten, so muß Einverständnis darüber bestehen welches Böse in den Wortsinn eingeschlossen und ebenso, welches Gute aus ihm -ausgeschlossen wird

Wir sind.seit tausend Jahren ein Volk, aber erst seit anderthalb Jahrhunderten eine Nation. Als Nation sollte nur ein Volk gelten, das von sich weiß sich selbst erlebt einen eigenen selbständigen Willen bekundet Der Nationalgedanke sprang wie ein Funke von Frankreich über nach Deutschland im Zeitalter der Französischen Revolution und der napoleonischen Eroberungen. Aber man kommt der Wahrheit am nächsten, wenn man dieses Geschehen als Erweckung eines in Deutschland noch schlummernden. Gefühls und nicht einfach als Nachahmung deutet Die Zeit wurde damals bei Vielen europäischen Völkern reif für den Willen zur Freiheit und Würde des Menschen und für den Willen zur Freiheit und Würde des Volkes. Dieser liberale Nationalismus war ganz auf Autonomie, also auf Demokratie gerichtet. Und noch die Männer, die in der Paulskirche über Deutschlands Einheit berieten, waren liberale Nationalisten. Diesen historischen Nationalismus vor der Erfüllung des nationalen Ziels meinen wir fraglos nicht, wenn wir heute dem Worte eine negative Bedeutung beilegen

Unsere Kampfansage gilt vielmehr dem machtpolitischen: dem imperialistischen Nationalismus. Nationalistisch ist danach jede Bestrebung, mit der für das eigene Volk Rechte in Anspruch genommen werden, die eine Verletzung der Rechte anderer Völker bedeuten. Nationalismus ist skrupelloser nationaler Egoismus, der, wie das Beispiel des Nazismus gezeigt hat, zu unerhörten Verbrechen, zur Weltbrandstiftung führen kann. Mit diesem Nationalismus ist das Maß verlorengegangen, nach dem alle Völker ein gleiches Recht auf Existenz, auf Freiheit und Würde haben. Aber, ebenso wie man aus dem einzelmenschlichen Egoismus nicht den Wunsch ableiten kann, es möge keine Menschen mehr geben, so darf man auch aus dem Nationalismus nicht folgern, daß die Nation wegzuwünschen oder wegzudenken sei Denn auf unserer historischen Stufe ist die Nation, das von sich selbst wissende, sich selbst erlebende Volk, eine gegebene Größe. Der berechtigte Antinationalismus darf nicht zu einem antinationalismus werden, der nicht mehr gegen das Nationalistische, sondern gegen die Nation, gegen das Volk Sturm läuft. Und deshalb ist es unbedingt notwendig, zwischen dem Nationalen und dem Nationalistischen eine klare, für jeden verständliche Trennungslinie zu ziehen, die uns ermöglicht, zu dem einen ja und zu dem anderen nein zu sagen. Ohne das tappen wir im Dunkeln, nicht nur mit unserem Denken und Werten, sondern auch in unserer politischen Praxis.

Die erlebte Gemeinschaft des eigenen Volkes ist etwas so Wirkliches und Lebendiges, daß sie unmöglich problematisch werden kann. Wir dürfen nicht aus dem einen Extrem der Überwertung des Nationalen in das andere der Unterwertung fallen. Die Liebe zu Deutschland ist für den Deutschen so natürlich wie die Liebe zur Mutter für den Sohn. Alles was dazu gehört, an Verbundenheit und Opferwilligkeit, an unbeirrbarem Streben nach Recht im Volk und nach Gerechtigkeit für das Volk, ist ohne jeden Zweifel gut Der Fehler, die nationalistische Gedankensünde beginnt erst da, wo aus der echten Liebe ein falscher Stolz wird, wo der Deutsche nicht mehr sagt: "Das deutsche Volk ist fürmich das liebste und nächste", sondern: "Das deutsche Volk ist mehr wert als die anderen, es ist das absolut beste." Von diesem Urteil ist es nur noch ein Schritt zu dem Gedanken, daß das deutsche Volk als das bessere zur Herrschaft über andere Völker berufen sei. Und von dort ist es nicht mehr weit zur Tatsünde zu einer Politik, die versucht, diesen Herrschaftsanspruch zu verwirklichen. Die wahre Liebe zu Volk und Heimat stammt nicht aus Vergleichen, sondern aus unmittelbarem Erleben, aus vielfältiger Gemeinschaft und Dankbarkeit. Dieses unverkrampfte, der Seitenblicke gar nicht bedürfende Gefühl ruht in sich selbst und hat vollstes Verständnis dafür, daß dem Nichtdeutschen sein Volk das liebste und nächste ist so wie uns das unsere. Der Nationalismus und seine Abart, der Hurra-Patriotismus, blicken immer gleichsam "mit gesträubten Federn" über die Grenzen. Sie haben große Missionen im Kopf, die alle letzten Endes in die Gewalt münden. Mit dem Verlangen, daß "am deutschen Wesen die Welt genesen" soll, fängt das an, und es endet beim Eroberungskrieg. Gewiß sind die Völker wie die Menschen verschiedenartig. Sie mögen auch verschiedenwertig sein, aber es gibt keine irdische Instanz, die hierüber entscheiden könnte. Was ein Volk leistet, das ist sein Beitrag zur menschlichen Kultur. Aber ob für die anderen dieser – Beitrag zum Beispiel wird, das muß diesen anderen überlassen bleiben. Es gibt keine "geschichtlichen Aufträge" für ein Volk, sich und seine Art anderen Völkern aufzuzwingen.

Die Scheidelinie zwischen dem Nationalen und dem Nationalistischen ist also sehr leicht zu ziehen. Vielleicht wird man bald unter "Nationalismus" etwas Drittes verstehen, weder des Streben der Liberalen von 1848 noch eine mperialistische Machtsucht, nach nazistischem Muster. Dieses Dritte wäre das engstirnige Festhalten an der Nation als einem Höchsten und Letzten trotz übernationaler Möglichkeiten die mehreren Völkern das gleiche Recht zur Mitgliedschaft in einer ihnen allen übergeordneten Völkergemeinschaft bieten. Es besteht hinreichender Anlaß zu glauben, daß die Deutschen, wenn es einmal soweit ist, diesem dritten Nationalismus nicht verfallen werden. Aber vorläufig ist es für sie noch nicht soweit, denn es ist noch keine Einladung an Deutschland ergangen, einer Völkergemeinschaft beizutreten.

Heute jedenfalls, da allein das machtpolitisch Nationalistische zur Debatte steht, das vom Nationalen klar und ohne jedes Risiko für die geistige Volksgesundheit zu unterscheiden ist, besteht keinerlei Anlaß, dieses Nationale über Bord zu werfen. Wir haben keinen Grund, eher von nationaler Selbstangst und nationalem Selbsthaß gepeinigten Minderheit unter uns zuzustimmen, die am liebsten Deutschland verschwinden lassen möchte, die einverstanden wäre, wenn es zugunsten aller seiner Nachbarn aufgeteilt würde. Und wir können uns auch nicht zu jenem Weltbürgertum bekennen, das nicht bei Goethe in die Schule gegangen ist, sondern das Volk einfach überspringen und nicht wahrhaben will, obwohl es sehr wirklich und sehr sichtbar vorhanden ist. Es ist überhaupt weder gut noch gesund, wenn wir in unserer jetzigen Notgemeinschaft nicht nur mit physiologischen, sondern gerade auch mit nationalen Kalorien "unterernährt" werden. Denn auch das führt zu Mangelerscheinungen. Und daraus können sich Verkrampfungen ergeben, die alles andere sind als die erstrebte Umerziehung. In einem vom Sieger besetzten Lande sind die Gefühle ohnehin in Gefahr, sich zu verzerren.