von Hanns Braun

Die Frage, die hier voransteht – ob man einer Lüge Wirklichkeit zusprechen müsse –, scheint ihrer selbst zu spotten. Denn es ist ja geradezu das Kennzeichnende der Lüge, daß das, was sie vorgibt zu sein, "nicht ist". Seinsqualität hat nur die Wahrheit, und das erhellt noch einmal daraus, daß die Lüge, um wirksam zu sein, sich den Schein der Wahrheit erschleichen, sich als Wahrheit ausgeben muß. Es gibt also keine Lüge, die von sich aus als Lüge aufträte; auch die frechste, herausforderndste und leichtest durchschaubare tritt mit dem Anspruch auf, Wahrheit zu sein, und ahndet es, wofern sie Macht hat, mit Schärfe, sobald ihr einer nachsagt, sie sei nicht, was sie scheinen möchte.

Dieser Exkurs sollte eigentlich überflüssig sein; denn jedermann weiß ja, auch wenn er es nicht mit diesen unsern Worten sagt, daß Lüge das Nichtseiende, das Gegenteil des Wirklichen ist. Und doch ist Klarlegen notwendig geworden, seit die MACHT (und das ist schon lange her) in steigendem Maße Wahrheit und Lüge so brauchen lernte, als seien diese einander gleich und könnten dementsprechend je nach Zweckmäßigkeit miteinander vertauscht werden. Die Praxis der Mächtigen, Wahrheit und Lüge als gleichgeachtete Mittel einzusetzen (wobei sehr bald ein Gefälle nach der Lüge zu und Selbstverblendung, also Unfähigkeit des Wahr-Nehmens, entsteht), diese Praxis blieb gleichwohl in ihrer Wirkung beschränkt, solange ihr allgemeine Mißbilligung entgegenstand und ihr den Anspruch wenigstens auf den privaten persönlichen Bereich gesperrt hat. Erst als das Machtdenken allgemein wurde, als, mit der Billigung der Lüge als eines angeblich notwendigen Mittels der Macht, jene Schranke morsch wurde und schließlich lautlos zusammenbrach, hat die Lüge in jedem, auch im persönlichsten Bereich, ihre volle Wirksamkeit entfalten können und demgemäß unsere Frage nach ihrer Wirklichkeit notwendig gemacht.

Nun allerdings, nachdem wir so weit gediehen sind, muß die Frage, die wir zu Beginn in bezug auf die Seinsqualität der Lüge verneinten, entschieden bejaht werden. Ja, ja, ja, dieses Nichtseiende ist etwas ungeheuer Wirkliches! Und diese Wirklichkeit der Lüge hat einen sehr genauen, alten und von vielen nicht mehr gern gehörten’ Namen. Er heißt: Sünde. Was aber besagt dieses Wort? Es besagt, daß etwas Nichtseiendes wie die Lüge nicht zugleich etwas Nicht-Beträchtliches ist (ein bloßer Hauch, unwichtig, ohne Folgen), sondern von folgenträchtigster Wirklichkeit – dadurch, daß sie das Seiende, das Wirklich-Wahre, verstellt. Fahrlässiges, unsauberes Denken und böser’ Wille – denn wir sprechen ja hier von Menschen und zu Menschen – machen also, daß etwas, das, dem Sein nach, weniger ist als ein Hauch, nämlich gar nichts, zur alles unter sich begrabenden Bergeslast werden kann. Das Nichtige, gegen das Seiende gestellt, wird zum Vernichter! Nichts anderes meint das Wort "Sünde", wenn man es seines moralischen Nachdrucks entkleidet, und auf den ursprünglichen Sinn des "Fehls" und Fehlers (gegenüber dem "Sein") zurückführt.

Und nun die Nutzanwendung. Ich wende mich dabei nicht an die Zeitgenossenschaft, an die Nation oder irgendein Kollektiv, sondern an jeden, an jedermann ganz persönlich. Ich nehme an, daß jeder, in böser Zeit, sich sehnt nach Wiederherstellung eines sauberen und ordentlichen Lebens und daß er wenn nicht mit Gedanken, so doch mit Klagen und Seufzen oder auch mit Zorn Umschau hält, "von wannen dir und uns allen Hilfe kommen konnte". Wenn man aber unserer Meinung zustimmt, daß jede Lüge eine ganz bestimmte Realität hat, also zehntausend Lügen diese Realität wenigstens zehntausendfach mächtiger, wirkender machen, dann wird man nach kurzem Besinnen aufhören, sich zu wundern, warum diese Hilfe und ersehnte allgemeine Besserung nicht kommt. Man erwartet sie von außen. Da sehe jeder erst einmal zu, ob man ihr nicht den Weg verlegt, Tag um Tag, womöglich Stunde um Stunde. Überlege einmal genau, ob nicht auch du, als Handwerker. als Verkäuferin im Laden, als Kaufmann, als Beamter, als was weiß ich, ein- oder zehn- oder hundertmal am Tag jene Bergeslast, jene verderbliche Wirklichkeit der Lüge vermehrst, ohne dir überhaupt noch etwas dabei zu denken! Dabei fühlt jedermann doch sehr genau – nämlich wenn er selber angelogen wird –, daß dies nichts Gutes ist und zu nichts Gutem führt, und sinnt vielleicht erbittert auf Vergeltung. Wann wirst du entdecken, daß du das Gute nicht zuerst von den andern verlangen darfst, sondern selber anfangen mußt? Und zwar anfangen, ohne Rücksicht darauf, was die anderen tun und ob sie deinem Beispiel folgen oder nicht.

Warum lügt man denn? Warum leugnet man ab, zu haben, was man doch mit einem Griff einer Hand hervorzaubern könnte? Warum verspricht man etwas, von dem man schon im Augenblick des Versprechens weiß, daß man es nicht halten wird? Warum knechtet und demütigt man täglich Menschen mit einer Lüge, die das eigene Gesicht zur Fatze macht, mehr als man es selber ahnt? Man tut es, nicht weil man böse ist, sondern weil Wahrheitsager sich als lästig erwiesen hat.

Die Wahrheit kann Bitten, Betteln oder Widerspruch herausfordern. Die Mühe, dem zu begegnen, will man nicht haben. Die Wahrheit kann einem aber vielleicht auch selber klarmachen, daß man sehr leblos auf seinen persönlichen Vorteil erpicht ist. Und damit man sich nicht vor sich selber zu schämen braucht, lügt man und erwartet, daß die anderen einem als Freundlichkeit zubringen, was man doch in Wahrheit ganz schamlos erpreßt hat oder erpressen möchte. Solche Erkenntnis der Verantwortung lehnt man ab mit dem Lieblingssatz der Epoche: Man möchte nicht "der Dumme" sein – was ja nichts anderes bedeutet, als daß man lieber der Niederträchtige ist, weil ja zehn- oder hunderttausend andere auch niederträchtig sind.

Laß dir aber sagen, daß du gerade damit der Neunnaldumme bist, weil du offenbar die Lehre unserer schreckensvollen Zeit verschlafen hast: daß Lüge auf den Lügner zurückschlägt, der Gewinn der Niedertracht sich in nichts auflöst, in fressende Übel sich verkehrt, eines Tages gewiß! Würde jeder einzelne, von uns das Lügen abstellen und von heute an der Wahrheit die Ehre geben (die doch nicht nur Mühe, sondern auch Achtung und Vertrauen wirkt), es wäre der Anfang gemacht aus urs selber, den furchtbaren Gewalten zu begegnen, die uns zu vernichten drohen. Niemand hat das Recht zur Klage, der sich davon ausnimmt. Niemand kann sich ausnehmen, der erkannt hat, welch eine verheerende giftige Wirklichkeit diese unsere zum Dauerzustand gewordene Lüge ist.