Als Ägypten in der vorigen Woche die Verhandlungen mit England über die Revision des Vertrages von 1936 abbrach, fragte man sich, wieso das Problem des Sudans Grund genug sein könne, um die großen Zugeständnisse, die England bezüglich der Räumung Ägyptens bereits gemacht hatte, wieder aufs Spiel zu setzen? Der Sudan mit seinen 7 Millionen Arabern, Negern und Ägyptern und den zum Teil nur nach der Landkarte festgelegten Grenzen ist für die meisten Europäer ein vager Begriff. Man muß sich aber einmal vergegenwärtigen, daß der anglo-ägyptische Sudan etwa die Größe Indiens hat und daß er – und eben dies ist das Entscheidende – die Quellflüsse des Nils in ihrem Unterlauf beherrscht und damit die Lebensader Ägyptens in seinen unmittelbaren Verfügungsbereich gegeben ist. Daher auch die außerordentlich zugkräftige Parole, unter der Ägypten seinen Kampf um den Sudan führt: "Einheit des Niltals!" Und daher auch das Interesse der arabischen Liga, die unlängst in einer offiziellen Verlautbarung die Ansprüche der ägyptischen Krone auf eine ständige Vereinigung mit dem Sudan unterstützt hat – wodurch die Lösung des Problems für England nicht gerade erleichtert wird. Ägypten hat überdies sehr umfangreiche Kapitalien im Sudan investiert, mit deren Hilfe unter Führung ausgewählter englischer Verwaltungsbeamten und Ingenieure Teile des Landes, so z. B. das Delta des weißen und blauen Nils, in große fruchtbare Baumwollplantagen verwandelt worden sind.

Wenn der Suezkanal, dieser für England so lebenswichtige Verkehrsweg nach Fernost, und seine Sicherung ursprünglich der Anlaß warer, Ägypten zu besetzen so spielen strategische Gesichtspunkte auch heute bei den Verhandlungen über den Sudan eine wesentliche Rolle. Wenn England Ägypten räumt, so muß es irgendwo im nördlichen afrikanischen Raum einen mindestens loyalen Stützpunkt behalten, und der Sudan der im Osten an das Rote Meer grenzt, scheint dafür prädestiniert. Im Wüstensand des Sudans ist seit den Tagen des Generals Gordon viel englisches Blut versickert. Als nach jahrzehntelangem Kampf gegen den Mahdi Kitchener mit der entscheidenden Schlacht von Omdurman – von der Churchill in seinen Erinnerungen ein so farbiges Bild entworfen hat – 1899 den Sudan endgültig zurückeroberte, wurde ein Kondominium von England und Ägypten für den Sudan errichtet. Mit verschiedenen Abwandlungen, die zeitweise England ein starkes Übergewicht einräumten, hat dieser Zustand fortgedauert, bis schließlich 1936 die Beziehungen Englands zu Ägypten auf der Basis eines Bündnisvertrages festgelegt und das Verhältnis beider Länder zum Sudan im Sinne eines gemeinsamen Protektorats (bis zur letztendlichen Selbständigkeit) geregelt wurde.

Die Revision dieses Vertrages ist nun am Problem des Sudans gescheitert. Das politische und wirtschaftliche Interesse beider Vertragspartner ist endgültig klar, wenn auch im Zeitalter des Selbstbestimmungsrechts der Völker die einander entgegenstehenden Forderungen dadurch eine gewisse Parallelität erfahren, daß angeblich beide die freie Entscheidung der sudanesischen Bevölkerung voraussetzen. Großbritannien ist bereit, dem Sudan nach Ablauf einer gewissen Übergangszeit Selbständigkeit und eine eigene Verfassung zu gewähren. während Ägypten die endgültige Vereinigung mit dem Sudan anstrebt, aber immer wieder betont, daß dies der freie Wille der Bevölkerung des Niltals sei – wofür allerdings die uneinheitliche die Stellungnahme der Sudanesen bislang noch keine Beweise geliefert hat Insofern ist der ägyptische Schritt den Fall vor die UNO zu bringen, die ja gerade über das freie Selbstbestimmungsrecht der Völker wachen soll, mindestens ungewöhnlich – abgesehen davon, daß es schwierig sein wird, einen geeigneten Rechtsgrund für die Zuständigkeit der UNO zu finden.

Es besteht wohl kein Zweifel, daß der ägyptische Entschluß die Verhandlungen mit England abzubrechen. weniger aus der Unlösbarkeit des zur Debatte stehenden Problems geboren wurde, als vielmehi aus den innerpolitischen Spannungen des Landes. Nokraschy Pascha, der vor Sidky Pascha erstmalig im Jahre 1945 Ministerpräsident war, hat es schon einmal erlebt, daß die Opposition, geführt von der stärksten Partei des Landes, dem Wafd, sein Kabinett stürzte. Da in den Verhandlungen mit England, so wie die Dinge in Ägypten liegen, die Radikalsten stets die Schrittmacher der öffentlichen Meinung sind – und der Wafd im neuen Kabinett abermals nicht vertreten ist –, mag bei Nokraschy Pascha der Wunsch entscheidend gewesen sein, der radikalen Opposition durch eine eigene evolutionäre Lösung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die ägyptische Politik scheint auf den Weise in eine Sackgasse geraten zu sein, und es kann leicht so enden, daß der Vertrag von 1936 weiter seine Gültigkeit behält und alle bereits erzielten Zugeständnisse von England wieder zurückgezogen werden,

Marion Gräfin Dönhoff.