Lebensgefährlich – drohender Einsturz!" sagt die Inschrift an einer Kette, die ein zertrümmertes Gebäude in der Potsdamer Straße, mitten im einstigen Zentrum Berlins, abschließt. Allerdings, es gibt hier Häuser genug, die bei stürmischem Wetter zusammenfallen können; genug menschliche Puppenstuben, an deren verwaschenen Tapetenwänden nur einsam noch ein Heizkörper ins Leere hängt. Die Absperrung ist begründet. Wenn aber die gleichgültigen Fremden wüßten, was sich hinter der ausgebrannten Fassade verbirgt, so würden sie vielleicht dennoch die Reste jener rückwärtigen

Katnonschen St.Luagerus-Kirche besichtigen wollen. Sobald nämlich hinter dem gefährdeten – Hausdurchgang wieder der blendende Himmel aufglänzt, blickt man gegen ein kolossales Idol: ein Christusbild, verhältnismäßig wenig beschädigt zwischen den zerbombten Kirchenmauern. Man steht gebannt und überlegt, wodurch die Figur, die im Frieden so friedlich, so freundlich wirkte, jetzt soviel dämonische Monumentalität gewann. Zerstörung der Nase freilich, das wandelt auch ein allzu ebenmäßiges Antlitz in die Maske eines bezeichneten!Aber das wäre eine simple Erklärung, und es wäre nicht erklärt, warum der rötliche Sandstein aussieht, als sei er einmal mit Blut übergössen worden ...

Ist dies noch der tröstende Heiland? Man weiß unwiderlegbar: Als die Bomben fielen und ringsumher Brände lohten, ist er erstarrt zum Mann der Schmerzen und der Leiden und der mahnenden Strenge. Stechend blicken seine Augen, und die langen, harten Finger stehen in keiner Beziehung mehr zu dem Geist des Buches, das sie halten, jeden Augenblick könnten sie sich von der Bibel lösen und den Menschen drohen, die nicht guten Willens sind.

Ist diese Erscheinung ein Symbol dafür, wohin wir Abendländer uns verirrt haben? Aus dem gütigen Kinderfreund Jesus wurde der drohende Gott. Er wurde es durch unsere Schuld unter dem Wahnsinn unserer Vernichtungswut, durch unsere große Schuld...