Von Hans-Joachim Heydorn

Ein halbes Jahr nach der Göttinger Tagung fand ein erneutes Studententreffen der britischen Zone in Hamburg statt. Man muß vorausschicken, daß es sehr schwer ist, die inneren Resultate dieser Konferenz. auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Man hatte nicht nur den Eindruck stark divergierender geistiger Kräfte – an sich noch kein unbedingt schlechtes Zeichen –, sondern leider auch des Fehlens wirklicher, zwingender geistiger Inhalte.

Die positiven Ergebnisse dieser Tagung, die ohne Zweifel erheblich sind, liegen vor allem in bestimmten äußeren Tatbeständen. Zum ersten Male waren Studenten aus allen Zonen anwesend, vor allem aber waren auch die Ostgebiete stark vertreten. Ihre Delegierten erwiesen sich schon sehr bald als die einzigen, die über eine eindeutige, im Sinne der dort vorherrschenden Richtung festgelegte geistige Marschroute verfügten. Sonst hatte man leider auch hier wieder den Eindruck, daß das deutsche Volk und damit auch das deutsche Studententum Gefahr laufen, in besondere Zonenweiten auseinanderzufallen.

Bemerkenswert war die zahlreiche Teilnahme ausländischer Vertreter: Eine Schweizer Delegation, unter Führung von Professor Brinkmann, Abgeordnete der International Students Federation und des International Students Service sowie schwedische Gäste waren erschienen. Man erhielt deutlich den Eindruck, daß die Aufnahme internationaler Beziehungen zwischen der deutschen Studentenschaft und dem Ausland erhebliche Fortschritte gemacht habe. Bücherspenden, Austausche, Vitamin- und Lebensmittelsendungen sowie die Schaffung von Patenschaftsverhältnissen zwischen deutschen und ausländischen Universitäten kamen dabei zur Sprache, und man kann annehmen, daß greifbare Ergebnisse in größerem Ausmaß in nicht allzu langer Zeit erreichbar sein müßten. Wie bekanntgegeben wurde, haben einige Universitäten bereits selbständig die Initiative ergriffen. So hat die Universität Bristol die Patenschaft für die Universität Köln übernommen. Mit 340 gegen nur 40 Stimmen hatte sich die Bristoler Studentenschaft für diesen Plan entschieden.

In den Diskussionen und Referaten, vor allem in dem bemerkenswerten Vortrag einer jungen Medizinerin aus Münster über die soziale Lage der Studenten, wurden. eine ganze Reihe interessanter Tatbestände ausgesprochen. So hörte man, daß 30 v. H. der heutigen Studenten kriegsbeschädigt sind, davon gehört ein Fünftel der Versehrtenstufe 3 an, etwa 20 v. H. sind verheiratet. Der Anteil’-der Ostflüchtlinge ist sehr unterschiedlich. Teilweise beträgt er gleichfalls ungefähr 20 v. H., jedoch ist er an den meisten Universitäten erheblich niedriger und kann im ganzen nicht als ausreichend betrachtet werden.

Im allgemeinen hatten die öffentlichen Auseinandersetzungen auf der Tagung leider kein besonders hohes Niveau. Entscheidende Fragen, wie das Problem eines soziologischen Strukturwandels an den Universitäten oder der studentischen Gemeinschaften, wurden entweder nur am Rande oder äußerst oberflächlich behandelt. Überhaupt versuchte man sehr wenig, sich über die Aufgaben des Studenten in einem neuen Deutschland klarzuwerden.

Es gab dennoch eine Reihe positiver Entschlüsse. Die Errichtung eines Referats für das Studium heimkehrender Kriegsgefangener wurde beschlossen, Vorschläge zur Neufassung der Universitätsstatuten und die Schaffung eines Koordinierungsausschusses aus allen Zonen, um einen allgemeinen deutschen Studententag. vorzubereiten. An weiteren Resolutionen verdient die Forderung erwähnt zu werden, den slawischen Sprachen. dieselbe Stellung, wie sie bisher Anglistik und Romanistik innehatten, im Lehrplan einzuräumen. Auch gab man dem Willen Ausdruck, bei gleicher Begabung sozial benachteiligte Studenten bevorzugt zuzulassen und aktive Offiziere des Jahrgangs 1919 und jünger für unbelastet zu erklären. Eine grundlegende Klärung wurde jedoch weder auf dem Gebiet der Jugendamnestie noch in der sozialen Frage gesucht; man gab sich mit Ausweichlösungen zufrieden.