Zur Aufführung des russischen Films in Berlin

Es gibt eine Weltmeinung vom russischen Film. Diese Meinung wird jetzt in Berlin und in der Ostzone von Millionen Besuchern kontrolliert. Diese Weltmeinung gilt Eisenstein und Pudowkin gilt dem schon legendären "Panzerkreuzer Potemkin", dem "Sturm über Asien", dem "Weg ins Leben". Denen, die bis 1937 noch nach Prag kamen, ist vielleicht noch die großartige Bildreportage "Die Rote Armee" in Erinnerung. Dann verschwand der russische Film aus dem europäischen Blickfeld. Es war ein wahrhaft avantgardistischer Film. Und die Interpreten, die in jenen Jahren vor dem Phänomen aus dem Osten standen, wußten nicht, ob sie die ungewöhnliche Bildkraft jener Filme mehr dem künstlerischen oder politischen Durchbruch zuschreiben sollten. Selbstverständlich mußte die neue Begegnung anders ausfallen. Nicht etwa deshalb, weil der revolutionäre russische Film in der Abschließung andere Wege gegangen sein könnte, sondern weil das europäische Jahrzehnt dazwischen um grausame Erfahrungen älter geworden ist.

Seit eineinhalb Jahren kommt jetzt der russische Film zu uns, in einer Vielfalt und Fülle, wie wir ihn nie gekannt haben, darunter zahlreiche Durchschnittsfilme, Alltagsproduktionen – etwa in dem gleichen Maße, in dem wir, ebenfalls erst heute, mit dem amerikanischen Durchschnittsfilm bekannt werden. Schon deshalb stößt jeder Vergleich ins Leere, der sich an dem üblichen Spielfilm der Russen orientiert, wie er heute gezeigt wird.

Doch auch der große, beispielgebende Film aus Rußland kommt hierher. Der größten einer ist der Film von Peter I., der schon, wegen seiner stofflichen Fülle mit einer Spieldauer von vier Stunden zwei Kinoabende beansprucht. Auf dem Vorspann steht die Jahreszahl 1937. Petrow heißt sein Regisseur. Vor zehn Jahren also ist der Film angelaufen. Vor dem Ausbruch des Krieges. Und seine Fabel ist ein wesentliches Stück der russischen Geschichte – der gesamtrussischen wohlbemerkt, nicht der, die mit der Oktoberrevolution begann. Die Phase der Patriotisierung Rußlands, wie sie der große Krieg heraufbeschwor, ist auch Europa bekannt. Seit dem Beginn dieser Phase sind genug Leute dabei, das Ineinandergehen der weltrevolutionären Sendung der marxistisch-leninistischen Revolution mit dem nationalen großrussischen Denken zu deuten, zu entwirren, zu verwirren. Der filmische Griff in die Geschichte Rußlands, der hier jedenfalls getan worden ist, charakterisiert für Europa die erste bildkräftige Äußerung dieser Entwicklung.

Vielleicht mußten die letzten zehn Jahre erst vergehen, um zu erkennen: dieser russische Film gibt nicht Geschichte, er deutet Geschichte. Er deutet sie in jenem Doppelsinn, aus dem die sowjetische Wirklichkeit des letzten Jahrzehnts geprägt ist. Das ist der Peter der Geschichtsbücher – und ist es auch nicht. Es ist der Peter, wie ihn die sowjetische Geschichtsschreibung, die Historiographie aus der Gegenwart ist, sehen muß. Niemand verwundert die Absicht, die diesen Zuschnitt des großen Zaren beflügelt. Lediglich die totale Unbedingtheit verblüfft, mit der Peter in die revolutionäre sowjetische Lebensanschauung von heute heimgeholt wird. Es gibt viel Ärgerliches, zu Beanstandendes, Verrottetes, Verkommenes – aber alles, alles ist auf der Seite der Gegner des Zaren. Bei ihm allein ruht die Tatkraft. Bei ihm ist das Richtige, das Gute, das Fördernde zu Hause. Er ist, nehmt alles nur in allem, nur zwei Jahrhunderte zu früh in der Welt. Es blitzt immer wieder von sozialen, menschlichen und politischen Erkenntnissen in ihm und um ihn auf, die ein paar plastische Bildszenen beschwören. Der Film ist eindrucksvoll geeignet, nationale Daseinsfragen Rußlands, wie die Notwendigkeit der großen Flotte, das stürmisch geforderte Tor nach dem Westen und die Emanzipation von der Bevormundung der westlichen Zivilisation, mit unzimperlichen und dröhnenden. Tendenzen über die Leinwand zu jagen. Schlachten zu Wasser und zu Lande, Reden und Appelle, beispielgebende Handlungen – und dies alles aus der Aktivität eines Mannes: dies verwirrt das deutsche Publikum nicht wenig.

Es ist ein Mann, der handelt, Politik macht, Kriege entscheidet, Schlachten schlägt, Reformen ankurbelt, ein ganzer Kerl ist und von Volk, Reich, Vaterland mit allem Pathos des Bildes und der Sprache spricht. Eine gespenstische Auferstehung? Gefährlich wird das ganze Unternehmen noch dadurch, daß er deutsch sprechen muß und ihm also die Vokabeln, die noch vor zwei Jahren tönend durch das Radio kollerten, schon wieder oder noch ins Ohr träufeln. Gottlob war die Synchronisation mildtätiger als der Film selbst: die Sprache der deutschen Sprecher blieb dem Furioso der russischen Bildgestik vieles schuldig.

Aber nicht nur diese skeptische Reserve des deutschen Publikums belastet den Film, sondern eben auch die andere Überlegung: Hat hier nicht der Erziehungs- oder Überzeugungswunsch der Hersteller einen Weg beschritten, der die eigene Lebensmethode desavouiert? Wenn wir uns recht erinnern, ist erst vor kurzem dem Regisseur dieses Films vom Parteivorstand "Verflachung des revolutionären Elans" in diesem Film vorgeworfen worden. Was auch immer dies heißen mag: die Beziehung geschichtlicher Vorgänge allein auf die Person eines Menschen ist freilich die erstaunlichste Veränderung der dialektischen Denkmethode, die bislang aus Rußland bekanntgeworden ist. Die großen Filme Eisensteins und Pudowkins bewegten damals die europäische Kritik, weil sie das Volk und die in ihm ruhenden emotionalen Kräfte entdeckt hatten. Sie bewegten das europäische Publikum um so mehr, als diese Entdeckung des neuen Stoffes mit der Entdeckung des menschlichen Gesichtes und der von ihm bewegten Materie durch die Linse einherging. Im "Peter"-Film gibt es noch Erinnerungen daran: etwa wenn sich in einem Bergwerk der Leibeigenen die Brutalität der Besitzer über die Masse der Gequälten ergießt. Doch das bleiben eben Reminiszenzen. Nach vorn aber drängt sich der Eindruck: was ein Mann vermag im Guten und im Bösen, was er für Rußland vermochte. Es wird ein Historienfilm, dem man seine Lenkung deutlich genug ansieht. Er hatte einen bestimmten Zweck. Er kann ihn wohl heute nicht mehr haben. Schon gar nicht in Deutschland. Es ist nicht tunlich, ihn der Jugend dieses zerstörten und zusammengebrochenen Landes zu zeigen. Sie steht noch zu nahe an dem, was ihr als Fahne aufgepflanzt war.

Ob der Film den Grad der inneren Verwandlung des Ostens interpretiert, wird schwer zu beurteilen sein. Er wirkt als ein eminent politischer Film. Und diejenigen, die sich um die neue politische Formung der Deutschen bemühen, werden es schwer haben, über diese Barriere zu springen. K. W.