Wir leben in einem Zeitalter der Schlagworte. Die Armut an echten Ideen, die Sucht mit billiger Demagogie Massen zu formen und zu halten, der ganze Niedergang menschlichen. Einwirkens zu einer bloßen Technik, das alles kommt zusammen. Ein Schlagwort soll von vornherein das Denken lahmlegen, die Kritik betäuben. Es will nicht überzeugen, sondern überfahren. Sind die Schlagworte etwa mit der Nazipropaganda in Deutschland verstummt? Sind sie überhaupt auf Deutschland beschränkt? Wer aufmerksam zuhört, kann in so manchen Gegenden eine Überproduktion an hohlen Klängen feststellen.

Das beschwörende Schlagwort richtet sich an den menschlichen Willen, fordert eine Entscheidung, ruft auf zur Nachfolge. Seine Lieblingsform ist das Entweder-Oder. "Nationalsozialismus oder Bolschewismus!" "Siegen oder Sterben!" Das war einmal Aber auch: "Sozialismus oder Kapitalismus!" "Demokratie oder Diktatur!" "Föderalismus oder Zentralismus!" "Ost oder West!" Das gibt es alles heute noch, oder gerade heute.

Alternativen dieser Art werden in der Regel nach folgender Formel gebraucht: "Es gibt nur zwei Wege. Der eine ist absolut gut, der andere ist absolut schlecht. Ich führe dich auf den guten, also folge mir!" Der zur Entscheidung Aufgerufene soll gar nicht dazu kommen, darüber nachzudenken, ob es noch andere Wege gibt.

Das ist besonders dann sehr nützlich, wenn damit zu rechnen ist, daß das Publikum gegen den angeblich "absolut guten" Weg beträchtliche Hemmungen hat. Kommt man nämlich mit der Schwarz-Weiß-Malerei nicht durch, so kann man sich auf das Rezept des kleineren Übels zurückziehen. Dabei gibt man natürlich nicht zu, daß an der eigenen Parole auch nur das mindeste auszusetzen wäre. Aber man malt den "Feind" derart schwarz in schwarz, daß er völlig zum Bösewicht und Kinderschreck wird. Dieses Überschwarz genügt für die Verängstigten, um sich für das zu entscheiden, was sie im Grunde bestenfalls als ein Grau ansehen, wenn sie nämlich davon ausgehen, dieses Grau für die einzige andere Möglichkeit zu halten. Mit dieser Methode bringt man die Menschen dahin, für etwas wenig Geliebtes einzutreten, um so etwas ganz und gar Gehaßtes abzuwehren.

Die Alternative Nationalsozialismus – Bolschewismus war hierfür schon in der sogenannten Kampfzeit kennzeichnend. Sehr viele Deutsche haben 1933 Hitler gewählt, obwohl er ihnen unheimlich war. Aber gemessen am Kommunistenschreck, erschien er ihnen damals als das durchaus kleinere Übel. Mittels der geistigen Zwangsjacke des Entweder-Oder kann man Ergebnisse hervorzaubern, die wie ein Für aussehen, obwohl sie nicht mehr als ein verstörtes oder verzweifeltes Gegen bedeuten. Wenn aber bei wesentlichen menschlichen Entscheidungen ein echtes Für nicht beteiligt ist, dann sind die Zustände immer krank und verworren. Dem aufmerksamen Beobachter kann es kaum entgehen, wie zahlreich die lustlosen und im Grunde negativen "Zustimmungen" gerade in unseren Tagen sind.

Nun ist aber der dogmatische Ausgangspunkt dieser Alternativen, das Beharren auf der zwei Möglichkeiten, durchaus fragwürdig. Gerade wo es um Probleme der sozialen oder politischen Systeme geht und überall sonst im Bezirk menschlich geistiger Gestaltung gibt es so gut wie niemals nur zwei Wege. Für das echte Entweder-Oder gilt ein ganz bestimmtes und sehr primitives logisches Schema. Es heißt: Alles, was nicht das eine ist, muß das andere sein, und alles, was nicht das andere ist, muß das eine sein. Dergleichen gibt es im Bereich der Naturtatsachen oder bei den schon mit ausschließender Bedeutung zustande gekommenen Raum- oder Zeitbegriffen. Wenn mir mein Freund erzählt, daß seine Frau das zweite Kind bekommen hat, "aber leider war es wieder kein Junge", so weiß ich eben, daß es ein Mädchen ist. Oder wenn ich vor der Wahl stehe, entweder in meiner Wohnung zu bleiben oder auszugehen, so ist das eine echte Alternative, weil das Drinnen und das Draußen sich wirklich begrifflich und tatsächlich ausschließen. Auch bei der trübseligen Wahl des in Deutschland lebenden Deutschen, "Hunger oder Schwarzer Markt", spielt eine Naturtatsache entscheidend mit hinein, die nämlich, daß man bei 1500 Kalorien hungert, ob man will oder nicht.

Aber nun nehmen wir einmal "Nationalsozialisans oder Bolschewismus!" War jemals alles Nichtnationalsozialistische bolschewistisch und alles Nichtbolschewistische nationalsozialistisch? Keineswegs. Oder sind etwa alle, die nicht gesiegt haben, tot? Weiter: Ist wirklich alles, was nicht Sozialismus ist, Kapitalismus und umgekehrt? Wir haben gerade heute offensichtlich weder das eine noch das andere. Gibt es für Deutschland nichts zwischen einem straff geleiteten zentralen Einheitsstaat und einem mehr oder minder lockeren Staatenbund? Sobald man das logische Schema auf eine dieser Alternativen anwendet, sieht man, das etwas nicht. stimmt. Man sollte es daher ganz regelmäßig benutzen, bevor man von einem beschwörenden Entweder-Oder überfahren wird. Wenn man auf diese Weise die geistige Zwangsjacke erst einmal lockert, so ergibt sich, daß sich auf so manches Entweder-Oder mit einem entschiedenen Weder-Noch antworten läßt