Von Josef Marein

Wer mit der katholischen Kirche glaubt, daß die Erde ein Jammertal sei – und heutzutage hätte selbst ein überzeugtes Weltkind kaum Anlaß, daran zu zweifeln –, und wer mit dem heiligen Augustin überzeugt ist, daß der Mensch von Grund aus böse sei, der sollte eigentlich jeden Gedanken und jegliche Reminiszenz karnevalistischen Inhalts verdammen; er sollte meinen, daß Mummenschanz die Fratze des Teufels berge und daß aus der Orgel der menschlichen Stimmungs- und Gefühlsäußerungen die Register des Lachens, Lächelns, Schmunzelns entfernt und ausgebaut oder daß sie zumindest eine Weile blockiert werden müßten und nur die vor humana des Weinens und Schluchzens noch klingen dürfte. Er sollte dies glauben, aber er muß es nicht. Denn nicht umsonst ward nur im Rhythmus des katholischen Kirchenjahres jene Sphäre möglich, die den Karneval hervorrief. Karneval – die Gelehrten stritten lange genug, was dieses Wort bedeute. Sie haben jetzt anderes zu tun und größere Sorgen. Aber es heißt, daß "Carne vale" soviel wie "Fleisch lebwohl!" heiße. Ein Gedanke, der uns im Zeichen der Lebensmittelkarte tief vertraut sein dürfte. Sind wir nicht seit Jahren zu strenger Fastenzeit gezwungen? Und sind wir nicht gehalten, das Aschenkreuz der Schuld auf der Stirn zu tragen – alle Deutschen miteinander? Wenn im Kirchenjahr die Fastenzeit beginnt, fliegen die Glocken – so sagt man es den Kindern – nach Rom, und knarrende Holzklappern – unmelodisch wie der heutige Alltag – bleiben, die Gläubigen zur Einkehr zu rufen. Aber die Gläubigen wissen, daß die Glocken Ostern wiederkehren. Und angesichts der Fastenzeit steckt doch im Karneval schon die Vorahnung der Osterfreude. Sind wir gläubig genug, heute Karneval zu feiern? Dürfen wir heute lachen, da uns die Fastenzeit ein ewiger Zustand dünkt?

Es ist die Zeit, den Augustinus zu lesen und tief in die schrecklichen Abgründe hineinzusehen. Aber es ist auch die Zeit, vom heiligen Franziskus die Heiterkeit der Armut zu lernen! Da wir schon arm sind, ist das Schwerste, nämlich der Verzicht, schon ertragen, nur die Heiterkeit fehlt, "nur" sie ...

Es scheint, daß wir Deutschen allgemein, obwohl der Stamm der Rheinländer sein Beispiel gibt, von Natur aus nicht allzusehr mit der Gnade der Heiterkeit gesegnet sind. Und der Satz Bergsons, nach dem gar der Humor die souveränste Haltung gegenüber dem Leben sei, hat stets – so wahr er ist – mehr Ablehnung und Befremden als Zustimmung bei uns gefunden. In unserer Literatur fehlen die großen humorerleuchteten Genies vom Range eines Cervantes, Rabelais oder Shakespeare. Einzig Grimmelshausen, der Zeitnahe, erhebt sein Haupt dicht heran an die Region, in der die Götter jenes Humors wohnen, der der Philosophie ebenso nahe ist wie der Religion. Wir haben auch niemanden vom Range eines Mark Twain. Unsere Humoristen sind an Landschaften und Stämme gebunden und so auch im Format begrenzt wie Ludwig Thoma oder Fritz Reuter. Hätten wir Heine nicht – kein deutscher Dichter hätte es vermocht, Menschen anderer Zungen mitlachen wie mitweinen zu machen. Bleibt Jean Paul mit den oft allzu bunt und umständlich skurril verschlungenen Arabesken seines Geistes, bleibt Wilhelm Raabe, der tief in die eigene Welt versunkene Poet, bleibt Wilhelm Busch, der geniale Verseschmied und Zeichner, der Große im Rahmen kleiner Kunst, bleibt Christian Morgenstern... Ihr aller Bild wächst, je länger und lieber man mit ihnen umgeht. Und doch ist ihre beglückende, weise Heiterkeit mehr Ahnung als Erfüllung.

Unsere Großen, aber, unsere Unsterblichen? Goethe war heiter, aber doch auch ein wenig von jener Würde, die dem Humor nun einmal abträglich erscheint. Schiller und Humor? Erschrickt man nicht schon bei dieser Gedankenverbindung trotz seiner Abraham-a-Sankta-Clara-Predigt im "Wallenstein"? Aber anderseits ist eines wohl bedeutsam: Den Deutschen war es vorbehalten, auf dem Gebiet der Musik das Tiefste zu sagen; was an künstlerischer Aussage den Menschen gegeben sein mag. Und Beethoven, der Ewige, er besaß diesen souveränen, von Weisheit und Dämonie erfüllten Humor, der machtvoll genug ist, aus trockenen Steinen Quellen sprudeln zu lassen; das haben selbst jene Biographien, die mit Bedacht nichts als den tragischen Lebenslauf eines Halbgottes schildern, nicht verschweigen können. Und Mozart konnte, wie man weiß, nicht nur humorvoll, nicht nur heiter, sondern herzhaft albern sein. Waren sie statt Musiker Dichter gewesen – wir hätten sicherlich die ganze Skala vollständig, die vom funkelnden Witz bis zum entschleiernden Sarkasmus, von der lächelnden Heiterkeit oder der unbändigen Ausgelassenheit bis zu den philosophischen Tiefen des Humors führt, in denen auch Resignation und Trauer wohnen. Musikalisch, haben sie sich in dieser Hinsicht nicht aussprechen können, da Mozart es ja selber sagte, daß es lustige Musik nicht gäbe.

Wir müssen ganz einfach in uns selbst hineinhorchen, ob da – abgesehen von der Not der Zeit – die Fähigkeit vorhanden ist, heiter und humorvoll zu sein und mit freiem Lächeln dem Unfug des Lebens zu begegnen. Vielleicht wirkt dies noch nach: der Schock gewisser zwölf historischer Jahre, in denen weder die billige "Kraftdurch-Freude"-Parole noch falsches Pathos und aufgeblähte Würde die Tatsache verhüllen konnten, daß dieses Regime von absoluter Humorlosigkeit war. Diese Tatsache allerdings ist so eklatant, daß man sagen kann, ein Mann von Humor ist nicht Nationalsozialist und ein Nationalsozialist kein Mann von Humor gewesen. Die einen brüllten, die anderen lachten, bis sie erkannten, daß es, da diese humorlose Sorte Clowns regierte, eigentlich nichts zu lachen gab. Und auch da noch sind Witz und Gelächter eine Art Notwehr der durch hohles Pathos und Lüge vergewaltigten Seelen gewesen. Man hat zwar gesagt, daß Gelächter den Ausgelaufen töten könne. Aber in diesen zwöll Jahnn hat sich gezeigt, daß eher die Humorlosigkeit die Eigenschaft hat, tödlich zu wirken, tödlich für die Freiheit und für die Kultur. Und wir, die wir dies am eigenen Leib, an eigener Seele erfahren haben, wir haben allen Grund, uns ebenso von den Humorlosen zu hüten wie vor den Männern, die nichts tun als auf Würde zu pochen – am persönliche, nationale, standesgemäße und was es für Würden immer gibt – und die die tönenden Phrasen und das klingende Pathos im Munde führen, weil sie offenbar Angst haben, ganz einfach Mensch zu sein. Das Lachen und das Lächeln, sogar das Schmunzeln: das hat der Mensch vor dem Tier voraus. Nur Grinsen – das kann auch das Tier. Auch das haben wir im Dritten Reich erfahren...

Jüigst hat der Dichter Hans Leip im Nordwestdeutschen Rundfunk die Mahnung "Rettet die Freude!" ausgesprochen. Er hatte gewiß recht damit. Aber ebenso richtig ist, daß wir Beispiele der Heiterkeit, des Frohsinns, meinetwegen des Übermutes und des Schabernacks brauchen. Zu denken, daß kürzlich ein paar Kölner den Gedanken äußerten, es müsse der Karnevalszug zwischen den Trümmern ihrer heiligen Stadt veranstaltet werden! Unmöglicher Gedanke? Sicherlich, es fehlt an Wagen und Gepränge, Masken und Kostümen, und vielleicht wäre auch eher für eine fromme Bußtagsprozession die Erlaubnis zu bekommen. Aber die Idee – wäre die Idee so schlecht? Natürlich, ein solcher Zug würde einen Stich ins Makabre haben – bunte Gestalten, Tünnes und Schäl, Clowns und Pierrots so zwischen Trümmern. Aber es ist dennoch besser, den Versuch zu machen, der Not der Gegenwart – und sei es nur für ein paar leichtsinnige Stunden, – lachend zu begegnen, als darin unterzugehen; besser, zwischen Tränen zu lächeln – zu lächeln, auch wenn Tod und Trauer über die Schultern gucken –, als zu alledem, was heute geschieht, tagaus, tagein ein tragisches Gesicht, zu machen. Und das junge Mädchen, das neulich in einer Hamburger Straßenbahn seiner Freundin erzählte, es werde, als Kalorie verkleidet zu einem Maskenfest gehen – "oben nichts, unten nichts, und in der Mitte leere Versprechungen" –, tat immer noch besser daran, als still vor sich Hinzuhungern. Gleichgültig, ob wir uns auf das Beispiel großer Männer und auf das Zeugnis von Religionen berufen können – wir müssen, das Lächeln wieder lernen, ein I ächeln mit dem Hintergrund von tiefer Güte, ein Lachen mit dem Hintergrund von großem Ernst. Wegen der Menschlichkeit müssen wir es wieder lernen und dessentwegen, was Bergson vom Humor sagte: die souveränste Lebenshaltung!