Der folgende Aufsatz, ist die – gekürzte – Fassung einer Denkschrift, die Dr. jur habil. Harold Rasch, stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats für Wirtschaft in Minden, ausgearbeitet hat. Dr. Rasch ist mit Dr. Rudolf Mueller, dessen Auffassungen er offenbar teilt, von seinem Amt abberufen worden.

Es wird eine der vornehmsten Aufgaben des Verwaltungsrats für die Wirtschaft sein, das Chaos der Wirtschaftsverfassung, in dem wir heute leben, allmählich zu beseitigen und den Weg für eine im Grundsätzlichen einheitliche Wirtschaftspolitik in allen Teilen unseres Vaterlandes wieder freizumachen. Das wird zweifellos nur Schritt für Schritt geschehen können und Jahre in Anspruch nehmen. Aber es wäre verhängnisvoll, die erforderlichen Entscheidungen nur von Fall zu Fall treffen und der mehr oder weniger zufälligen Entwicklung des Tages überlassen zu wollen. Was not tut, ist vielmehr eine klare wirtschaftspolitische Konzeption.

Der im praktischen Wirtschaftsleben Stehende, mag er Arbeiter oder Angestellter, Handwerker oder Leiter einer Fabrik sein, ist verzweifelt. Immer tiefer sieht er sich in einem Meer von Fragebogen, Formultren, Bezugscheinen und Statistiken ertrinken. Immer neue Verbote, Beschlagnahmeverfügungen, Permitverweigerungen türmen sich auf seinem Schreibtisch. Das Heer der Wirtschaftsbürokratie wächst ins Uferlose, und ins Uferlose nächst auch die Korruption. Nur zu kaufen gibt es nichts oder doch so gut wie nichts.

Der Beamte der Wirtschaftsverwaltung wird die Tatsachen, die ihm vorgehalten werden, kaum bestreiten. Aber er wird gleichwohl fast immer sein System zu verteidigen wissen. Er wird zugeben, daß – milde ausgedrückt – die Bewirtschaftung nicht mehr recht funktioniert, während man am Schwarzen Markt in seinen verschiedenen Spielarten fast alles kaufen oder eintauschen kann. Und er wird dafür gewiß die verschiedensten Gründe geltend machen. Sicher wird er auch eine Verbesserung des gegenwärtigen Systems der Bewirtschaftung für notwendig halten – welcher tüchtige Verwaltungsbeamte wollte nicht reformieren? –, neue Statistiken, neue Kontrollen vorschlagen, Pläne vorlegen, die ein "Durchlaufen von Bezugsrechten bis zum Rohstofferzeuger gewährleisten", die Einführung schärferer Strafbestimmungen anregen. Aber unerschütterlich wird er an der Notwendigkeit einer "gerechten Zuteilung von Rohstoffen und Energie", einer "straffen Preiskontrolle", einer "lückenlosen Bewirtschaftung von Konsumgütern" festhalten. Er geht dabei etwa von folgender Vorstellung aus:

Der Krieg hat uns in wirtschaftlicher Hinsicht auf allen Gebieten eine nie dagewesene Mangellage hinterlassen. Einem ungeheuren Bedarf an Konsumgütern steht ein minimales Angebot gegenüber. Dieser Zustand wird sich nur langsam wieder ändern. Solange er besteht, brauchen wir Kontingentierung, Preisüberwachung, Bewirtschaftung.

So lautet etwa das landläufige Urteil. Für manche verbindet sich damit der Gedanke einer irgendwie gearteten "Planwirtschaft", sei es, daß sie eine solche unter den gegenwärtigen Verhältnissen als notwendig empfinden, sei es, daß sie ihnen als grundsätzliches wirtschaftspolitisches Ziel für die Zukunft vorschwebt.

Eine eindringlichere volkswirtschaftliche Untersuchung wird zu prüfen haben, was an diesen Gedankengängen richtig ist, was einer schärferen Kritik nicht standhält. – Richtig ist natürlich, daß wir zur Zeit gewisse Formen der "Bewirtschaftung" – diesen Begriff in einem sehr weiten Sinn verstanden – nicht entbehren können. Niemand kann ernstlich daran denken, die staatliche Zuteilung von Lebensmitteln aufzugeben oder etwa die Mieten einer freien Preisbildung zu überlassen. Wir werden auch Kohle, Eisen und elektrische Energie bis auf weiteres noch "bewirtschaften" müssen. Darüber besteht überhaupt kein Zweifel.