Der amerikanische Kongreß wird erneut versuchen, die Streik- und Koalitionsrechte der Gewerkschaften und Arbeiter so festzulegen und abzugrenzen, daß nicht mehr wie in den letzten Jahren Streiks in lebenswichtigen Zweigen das Wohl der Allgemeinheit gefährden. Ein Antistreikgesetz, wie es von weiten Kreisen vor allem unter dem Eindruck des vorjährigen Eisenbahnerstreiks vom 22. Mai gefordert wurde, wird aber kaum zu erwarten sein. Das Koalitions- und Streikgesetz als solches wird vielmehr im allgemeinen als selbstverständlich hingenommen. Die Freiheit des Arbeiters, eine gewisse Arbeit zu leisten oder zu verweigern, soll ebenso unangetastet bleiben wie die entsprechende Freiheit der Unternehmer und der Bauern, aber fraglich ist, ob das Wagner-Gesetz unverändert bleibt. Es wird nicht leicht sein, eine Formel zu finden, die das Streikrecht als solches unangetastet läßt und gleichzeitig Streiks in lebenswichtigen Betrieben verhindert.

Das wieder zur Debatte gestellte Wagner-Gesetz, der National Labor Relations Act vom 5. Juli 193 5, ist der gesetzliche Niederschlag der arbeiterfreundlichen Politik unter Roosevelt und wird von den Arbeitern als ihre Magna Charta betrachtet. Es geht davon aus, daß der Arbeiter als der schwächere Teil geschützt werden müsse und bietet entsprechende Sicherungen des Koalitions- und Streikrechts gegen unfaire Methoden der Unternehmer. Ein dreiköpfiges Amt überwacht seine Durchführung.

Die Gewerkschaften haben aber nach Auffassung mancher Kritiker zeitweilig den Bogen überspannt und ihre neue Stellung mißbraucht. Hierbei hat sich das Neben- und Gegeneinander der verschiedenen Richtungen, so der beiden großen Zentralen, der AFL der Berufsverbände und des CIO der Industrieverbände, wie auch die weitgehende Selbständigkeit der Einzelgewerkschaften, zum Beispiel der Kohlenarbeiter unter John L. Lewis, für die Arbeiter eher günstig als nachteilig ausgewirkt. Jede Gewerkschaft übertrumpft in ihren Forderungen und ihren Drohungen die andere, um Macht zeigen und werben können, und so wurde zeitweilig viel erreicht, bis sich die letzten Streiks schließlich eher zu einer Niederlage als einem Sieg auswuchsen, weil die Gewerkschaften ihre Forderungen überspitzt hatten. Auf diese Weise war in der Öffentlichkeit eine antigewerkschaftliche und arbeiterfeindliche Strömung aufgekommen und sogar das Schlagwort geprägt worden, die Macht der Gewerkschaften gleiche der der einstigen Trusts und müsse durch eine Analogie zum Antitrustgesetz gebrochen werden.

Auf die ersten Machtmißbräuche dieser Art hatte der Kongreß mit dem Smith-Connally-Gesetz vom 25. Juli 1943 geantwortet und hierin u.a. vorgesehen: eine Beschlagnahme von kriegswichtigen Betrieben, sofern sie vom Streik bedroht sind, weiter eine "Abkühlungsperiode" von dreißig Tagen, bevor es in kriegswichtigen Betrieben zu Streiks kommen darf, ferner hohe Strafen, falls in den von der Regierung beschlagnahmten Betrieben zu Streiks aufgefordert wird, wie kürzlich im Kohlenbergbau, und schließlich, daß die Arbeiter nicht gezwungen werden können, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein.

Als trotz dieses Gesetzes die Bruderschaften des fahrenden Personals, unter Führung von A. F. Whitney und Alvanley Johnston durch einen Streik das Verkehrswesen am 22. Mai vorigen Jahres lahmlegen wollten, griff in letzter Minute Präsident Truman energisch durch. Er verlangte, daß er innerhalb sechs Monaten nach Abschluß der Feindseligkeiten das Recht erhält, Wirtschaftszweige als national bedeutungsvoll zu erklären und für diese jeglichen Streik zu verbieten, ja gegebenenfalls die Arbeiter als Soldaten einzuziehen und an ihrer Stelle Soldaten einzusetzen. Dieser Vorschlag scheiterte am Parlament, das vielmehr eine generelle Lösung anstrebte. Die entsprechende Case-Vorlage sieht u.a. vor Ausrufung von Streiks eine "Abkühlungsperiode" von 60 Tagen und ein Verbot von Abgaben an Wohlfahrtsfonds vor. Diese Vorlage scheiterte am Veto des Präsidenten Truman, der sich dagegen wandte, daß kurz nach dem Krieg auf Grund der Kriegserfahrungen eine langfristige Regelung getroffen werden sollte, durch die die Arbeiter "gezwungen würden, in der Friedenswirtschaft für private Unternehmer zu arbeiten".

Vorgeschlagen wurde außerdem mehrfach, Streiks durch Ausbau der Schiedsverfahren einzuschränken, aber die bisherigen Erfahrungen mit den Schiedsverfahren sind wenig hoffnungsvoll. Aus derartigen Erwägungen war schon im Jahr 1924 für die Eisenbahn ein besonderes Schiedsverfahren vorgesehen worden, das die denkbar weitgehendsten Sicherungen gegen Streiks bietet, sich aber während des Krieges als ein Fetzen Papier erwiesen hat. Neuerdings wird in der Öffentlichkeit ein Verfahren propagiert, das sich in der Stadt Toledo bewährt hat. Eine Behörde aus je 6 Vertretern der Arbeiterschaft, des Unternehmertums und der neutrafen Kreise überwacht dieses Gebiet und setzt einen Dreierausschuß ein, wenn sie bei drohenden Streiks um Vermittlung gebeten wird.

Die Frage, wohin der Weg gehen wird, ist noch offen, wird aber im Vordergrund des öffentlichen Interesses der nächsten Monate bleiben. Entscheiden bestimmen werden den Kurs der gegenwärtige Präsident Truman und der vielleicht kommende Präs dem Senator Robert A. Taft, der an Stelle des hierfür an sich in Frage kommenden arbeiterfreundlichen George Aiken den Vorsitz im Senatsausschuß für Arbeiterfragen übernommen hat. Taft hat sich im einzelnen noch nicht festgelegt. Seine bisherige Haltung gilt als "fair gegenüber der Arbeiterschalt", seine künftige wird wohl auch von der Rücksichtnahme auf die Präsidentenwahl im nächsten Jahre bestimmt werden.