Die Ruhrkohle soll zur lothringischen Minette kommen. Neue moderne Hochöfen und Walzwerke sollen, im lothringischen Raum erstehen; deutsche Anlagen will man als Reparationslieferungen dorthin verlagern und von dort, aus soll Europa mit Stahl versorgt werden. So sieht es einer der bekannten großzügigen französischen Pläne vor.

Dies würde also eine Umkehrung der bisherigen Verhältnisse und der standortlichen Notwendigkeiten bedeuten. Zu Recht besteht ja noch immer der alte Satz, daß Kohle als "gewichtsstarker" Rohstoff unter allen standortbildenden Faktoren mit die stärkste Anziehungskraft ausübt und somit die Basis der Schwerindustrien abgibt. Frankreichs wirtschaftliche Entwicklung wurde denn auch durch den Mangel an Kohle gehemmt. Die französischen Kohlenvorkommen sind wenig mächtig; die Förderungskosten sind sehr hoch und die Qualität der Kohle läßt manches zu wünschen übrig, so daß die Anstrengungen zur Entwicklung der Kohlenförderung wenig erbrachten. Die jetzigen Erfolge einer Erhöhung über den Vorkriegsstand haben Ausnahmecharakter; sie sind zurückzuführen vor allem auf den Einsatz deutscher Kriegsgefangener; Vor dem Krieg mußten bei einem Kohlenbedarf von 75 Mill. t mindestens 30 Mill. t, und zwar vorwiegend die für die Industrie wichtigsten Sorten, eingeführt werden – und so wird es auf lange Sicht bleiben.

Dieser Kohlenmangel erschwerte auch die Ausnutzung der lothringischen Minette. Die französische Eisenerzförderung stieg zwar seit der Jahrhundertwende von 5 Mill. t auf 50 Mill. t im bisherigen Bestjahr 1929 an, aber ungefähr ein Drittel der geförderten Eisenerze mußte infolge des Kohlenmangels ausgeführt werden. Es lohnte sich jedoch, zur Verarbeitung der anderen zwei Drittel Kohle und Koks aus Deutschland zu beziehen, um den französischen Stahlbedarf im Land selbst decken zu können. Dieser Austausch von Ruhrkohle und lothringischer Minette war vor dem Krieg ein Kernproblem der deutsch-französischen Beziehungen. An Stelle dieses Austausches soll nun künftig, nach jenem Plan, die einseitige Lieferung von Ruhrkohle und Koks treten, damit die französische Stahlindustrie die Minette an Ort und Stelle verarbeiten und über die Deckung des heimischen Bedarfs hinaus Europa mit Stahl versorgen kann. Damit die auf der Ruhrkohle aufgebaute deutsche Stahlindustrie nicht zur Konkurrenz wird, soll, wie es der Plan vorsieht, die Kapazität der deutschen Stahlindustrie auf die ursprünglich vorgesehene Zahl von höchstens 7,5 Mill. t begrenzt bleiben. Soweit Deutschland mehr Stahl in der verarbeitenden Industrie braucht, soll dieser aus Frankreich bezogen werden. Frankreich will ferner das deutsche Ausfuhrgeschäft erben und so in Europa ein Stahlmonopol erlangen.

Dies setzt einen ansehnlichen Ausbau der Kapazität voraus. Die gegenwärtige Kapazität der französischen Stahlindustrie ist 10 bis 12 Mill. t. Der Monnet-Plan will die vorjährige Erzeugung von 4,2 Mill. t in diesem Jahr auf 7 Mill. t, bis 1950 auf 11 Mill. t und anschließend auf 15 Mill. t bringen, bei einem Vorkriegsstand von 9,7 Mill. t im Jahr 1939. Die französische Stahlindustrie würde damit die Leistungsfähigkeit der englischen erreichen. Diese verzeichnete vor dem Krieg mit 13,4 Mill. t im Jahr 1937 das beste Ergebnis. 1946 wurden 12,7 Mill. t erreicht, für dieses Jahr sind 13.5 Mill. t als Ziel gesetzt, und für die kommenden Jahre, dank Errichtung neuer Anlagen, 15 Mill. t. Alsdann wird eine Ausfuhr möglich sein, während in diesem Jahr bei einer vorgesehenen Ausfuhr von 1 Mill. t an alte Abnehmer, zu denen die Beziehungen nicht abgebrochen werden sollen, ein Einfuhrbedarf von 2 Mill. t vorliegt. Die deutsche Stahlindustrie würde von der französischen in den Schatten gestellt werden, während sie vor dem Krieg mit 23,2 Mill. t mehr leistete als die englische und französische zusammen. Leistungsfähiger als die französische wären dann nur die Stahlindustrien der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion; allerdings bliebe hier der Unterschied zu Frankreich erheblich. – Die Beschaffung der für den Ausbau notwendigen Anlagen wäre ein geringeres Problem, denn die USA sind anscheinend bereit, solche Bestellungen auszuführen. Wird aber die französische Stahlindustrie je wettbewerbsfähig sein?

Um diese Frage zu beantworten, sei zunächst darauf eingegangen, warum die französische Stahlindustrie, die unter Colbert an die erste Stelle rückte und bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts diese behaupten konnte, seitdem ständig mehr ins Hintertreffen geraten ist und kurz vor diesem Krieg sogar durch Japan vom fünften Platz verdrängt wurde. An erster Stelle sei der schon erwähnte Mangel an geeigneter Kohle erwähnt. Hinzu kommt der Mangel an Arbeitskräften. Frankreich zählt eben nur gut 40 Mill. Einwohner, hat unter den Ländern des industriellen Europa mit 74 Einwohnern je qkm die geringste Bevölkerungsdichte, gegenüber einem Durchschnitt "Industrie-Europas" von 249 pro qkm Die französischen Arbeiter sind außerdem für eine Tätigkeit in der Stahlindustrie wenig geneigt. Mit der geringen Bevölkerungsdichte hängt zusammen, daß am heimischen Markt nur geringe Massenabsatzmöglichkeiten bestehen; der Stahlverbrauch vor dem Krieg mit 146 kg pro Einwohner lag wesentlich unter dem deutschen von 259 kg und dem amerikanischen von 351 kg. Es fehlt damit also auch der Zwang zur Massenherstellung. Hinzu kommt eine Abneigung gegen die Methoden der Massenherstellung. Dieses Wort hat in Frankreich einen schlechten Klang, während es in anderen Ländern zu einem Zauberwort wurde, das starke Kräfte auslöste und eine technische und wirtschaftliche Revolution hervorrief. Damit verbunden ist das Vorurteil, daß die Massenherstellung und das laufende Band den Arbeiter zu einer Maschine degradiere und infolge der Monotonie der Arbeitsleistung zur Stupidität verurteile. Zwar darf man die Bedeutung dieser in weiten Kreisen Frankreichs vorherrschenden Auffassungen für die Entwicklung der Großindustrie nicht überschätzen. Der Aufstieg der Automobilindustrie und die Errichtung der vielen leistungsfähigen Großbetriebe wären schlagende Gegenargumente. Aber immerhin ist für Frankreich charakteristisch, daß diese Großbetriebe in der Gesamtstruktur eine Ausnahmestellung einnehmen und daß die Montankonzerne, die, wie de Wendel, Schneider, Longwy, Marine et Homecourt ein Produktionsprogramm von den Rohstoffen über die Walzwerke bis zur Verarbeitung aufweisen, über eine relativ bescheidene Größe nie hinausgegangen sind, im Vergleich zu andern Ländern also relativ klein blieben. Marine et Homecourt gab z. B. vor dem Krieg 11 Hochöfen an, Châtillon Commentry dieselbe Zahl, und als Produktionsvermögen des leistungsfähigsten 250 t. Es folgen, soweit Angaben veröffentlicht wurden, Longwy mit 9 Hochöfen, Pont-ä-Mousson mit 8, Micheville mit 6 sowie Pompey und Commentry-Fourchambault mit je 4. Die Stahlerzeugung wird vor dem Krieg bei nur wenigen Konzernen über 300 000 t gelegen haben. Vorschläge eines Ausbaus dieser Werke, die vor allem von militärischer Seite kamen, stießen ja der Industrie selbst und in der Öffentlichkeit, die Klein- und Mittelbetriebe als das Gesunde ansieht, auf erhebliche Widerstände.

Entscheidend ist ferner gewesen, daß sich in Frankreich der kapitalistische Geist nie scharf auswirkte, daß es das Land des "savoir vivre" geblieben ist, das dem kapitalistischen Ethos fremd gegenübersteht. Speziell auch in der Stahlindustrie ist dieser kapitalistische Geist wenig entwickelt. Die französischen Stahlindustriellen sind kaum expansiv eingestellt, begnügten sich vor dem Krieg bereitwilligst mit dem Absatz am heimischen Markt und sahen in der Ausfuhr nur ein fragwürdiges Ventil. Ein französischer Bankier hat bei solchen Debatten einmal gesagt, die französische Stahlindustrie ziehe Hochöfen vor, die in der Küche errichtet werden könnten.

Diese Momente lassen sich nur schwer aus der Welt schaffen oder ändern. Eine Industriemacht und eine Montanindustrie können nicht am grünen Tisch entstehen. Der kapitalistische Geist, der auch in einem Zeitalter, das als das Ende des Kapitalismus bezeichnet wird, notwendig ist, kann weder herbeizitiert noch über Reparationslieferungen bezogen werden. Auch eine Stahlindustrie muß organisch aus den Gegebenheiten wachsen. Sie braucht, wenn sie überall hin exportieren soll, nicht nur leistungsfähige Anlagen, sondern auch billige Kohle, tüchtige Arbeiter und wagemutige Unternehmer.