In der Erinnerung ist eine Mahnung Friedrich Gundolfs, die er 1923 einem jungen Poeten erteilte: Daß es nicht schwer sei, ein Gedicht zu schreiben, dagegen schwerer, keines zu schreiben. Wir erleben jetzt eine dichterische Hausse. Und es ist angebracht, härtere Maßstäbe als den verwaschenen und konzilianten Standpunkt zu vertreten. den jede formal ausgewogene Lyrik akzeptiert Der Verlag. Rainer Wunderlich in Tübingen legt eine beneidenswert geschmackvolle Kassette vor, in der gleich zwei Gedichtbände des jungen Eberhard Orthbrandt vereint sind: "Das Schiff aus dem Süden" und "Aufruhr und Stille". Man sieht sofort, daß der kultivierte Verlag dem Geschmack, der Wendigkeit und Geschliffenheit der Verse erlegen ist. Gleich zu Beginn überrascht eine lapidare Wendung wie: "Hier nennt jeder Tag sich Heute." Das ist der Süden. Ihrer finden sich mehrere, und doch rechtfertigen sie weder die Kassette noch die zwei Bände. Was diesem Dichter fehlt, ist: das Heute. Zwar gelingen am besten surrealistische Traumbilder oder die skurrilhübschen Spielereien, doch das ist weder Aragon noch Beim noch Eluard, da ist nichts von der atemberaubenden Verlorenheit dieser Epoche, da ist weder ein neuer Glaube noch etwa der abgründige Verwesungswahn Trakls – das ist alles ins Leere, ins Formvollendete hineingesagt und darum im tiefsten überflüssig, weil es zu flüssig ist.

Siegfried von Vegesack geht mit unserer Epoche ins Gericht. Der rührige Kepplerverlag in Baden-Baden legt einen schlichten Band Verse vor, die wiederum ins Gegenteil verfallen: Ihre aufrechte Gesinnung ist ehrenwert. Aber was gesagt wird, gehört in Leitsprüche oder Leitartikel und ist nicht unverwechselbar eigen gesagt – wie es Erich, Kästner so meisterhaft vorgedichtet hat. Auch Friedrich Michaels "Blume im All", die der Hans-Dulk-Verlag unterbreitet, ist nur eine Folge gekonnter Verse – schön gekonnter Verse. Sie haben in sich ihren Sinn. Doch sie öffnen keine neue, uns treffende, aufschreckende Binnenwelt. Wie überhaupt betont werden muß, daß Gedichte weit mehr als Prosa einen Kosmos ungesagten Wissens und Erfahrens voraussetzen: oft genug aber herrscht der Eindruck vor, daß alles, was zu sagen war, in den Versen steht – statt im Vers verschwiegen zu sein. Da mag auf einen Denker-Dichter hingewiesen werden, der wirklich original die Kinderwelt neu erschlossen hatte: Max Kommerell, der auch einer unserer größten Germanisten war.

Doch der Dulk-Verlag in Hamburg hat noch eine andere, schlichte Gabe in Bereitschaft: Martin Beheim-Schwarzbachs Essey vom "Leibhaftigen Schmerz", von dem "Die Zeit" bereits einen Abschnitt zum Vorabdruck brachte. – Wir Deutsche haben den moralistischen Essay der Montaigne und Swift nicht entwickelt. Beheim-Schwarzbach ist eine fast antik-stoische Abhandlung über den Schmerz gelungen. Sie überragt in ihrer menschlichen Würde und Überlegenheit bei weitem etwa Ernst Jüngers Untersuchung über den Schmerz; sie zählt zum Bedeutendsten, was über den Menschen der Zeit ausgesagt ist: wie wäre es zu wünschen, daß wir derart hellsichtige Betrachtungen mehr besäßen! "Ob einer für das Zeugnis Christi in den Martertod geht oder für das Zeugnis Luzifers, macht keinen Unterschied. Wir sehen sie alle im Geist und in der geistigen Welt vor uns. alle, die um eines Gedankens willen den leibhaftigen Schmerz im Unmaß und Übermaß erlitten. Vornean und über allen leuchtend stehen die, welche standhaft blieben."

Egon Vietta.