Deutschland soll mit allen Kräften, die ihm zur Verfügung stehen, an dem Wiederaufbau Europas arbeiten, so lauten die Vorschläge und Forderungen, die in London von den kleinen Nationen bei den stellvertretenden Außenministern der Großen Vier vorgebracht worden sind, und das gleiche steht auch in den Denkschriften, die Frankreich den Regierungen Rußlands, Englands und der Vereinigten Staaten überreicht hat. Was denn aber Europa eigentlich sei, wird hierbei nicht deutlich gesagt. Nun hieße es an den Tatsachen vorbeisehen, wenn man nicht anerkennte, daß heute mitten durch Deutschland eine europäische Trennungslinie geht, der "Eiserne Vorhang", daß also Europa als Einheit gar nicht mehr existiert, sondern nicht viel mehr ist als nur noch ein geographischer Begriff. Wiederaufbau Europas heißt also, wenigstens zur Zeit, nichts anderes als Wiederaufbau der einzelnen in Europa gelegenen Länder, die durch den Krieg zerstört worden sind. So ist es nur folgerichtig, wenn die meisten Nationen bisher das Bestreben gezeigt haben, ihre Forderungen auf Reparationen und Gebietsabtretungen sehr hoch zu stellen, um soviel wie möglich für sich selber und nicht etwa für eine gesamteuropäische Idee herauszuholen.

Neben diesen territorialen und wirtschaftlichen Forderungen spielt bei den Verhandlungen das Verlangen nach Sicherheit, das allgemein erhoben wird, eine wesentliche Rolle, denn in den Augen der Frieden schließenden Staaten ist Deutschland ein zukünftiger potentieller Gegner, gegen dessen Angriffslust man sich schützen muß, um einen noch schrecklicheren Krieg zu vermeiden. Hier allerdings lautet die Sprache anders, denn bei diesen Erwägungen wird die Trennungslinie, die durch Deutschland geht, nicht ignoriert. Sehr deutlich hat dies Maurice Schumann, der Vorsitzende der französischen MRP, in seiner vielbeachteten Rede vor dem Cleveland Council on World Affairs formuliert, als er die Amerikaner aufforderte, sich nicht aus Europa zurückzuziehen, da sonst England sich gezwungen sehen könnte, Deutschlands Stärke gegen Rußland zu entwickeln, oder umgekehrt Rußland sich in der Lage fühlen könnte, seinerseits einen gegen England gerichteten Aufbau Deutschlands zu versuchen. Daher müsse der Reichtum des deutschen Bodens der europäischen Gemeinschaft zur Verfügung stehen, so meinte der Redner, doch ist dies ein Zirkelschluß, denn eben diese europäische Gemeinschaft gibt es – dank des Eisernen Vorhangs – heute nicht mehr.

Auch Demokratisierung und Umerziehung des deutschen Volkes – beides. Forderungen, die aus Gründen der Sicherheit gleichfalls allgemein erhoben werden – können zu einem vernünftigen Ergebnis nicht führen, solange beide Begriffe diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs verschieden ausgelegt werden. Bereits über die Staatsform – ob Einheits- oder Bundesstaat – herrschen entgegengesetzte Ansichten; ebenso weitgehend sind die Unterschiede, soweit es sich um Fragen der Verwaltung, der politischen Parteien, der Sozialisierung, der Bodenreform, der Freiheit der Meinung und Lehre und des Aufbaus der Justiz handelt. Überall liegen Streitpunkte schon heute offen zutage, nicht anders, als auf den Gebieten der Wirtschaft und der Politik.

Wenn Deutschland also noch auf lange Zeit besetzt bleiben soll – und daß dies geschehen muß, ist einer der Punkte, in denen sich alle Staaten einig sind –, dann würde eine deutsche Regierung in einer traurigen Lage sein, da sie für jede Maßnahme, die sie ergreift, in der Kontrollinstanz mit zwei Lagern rechnen müßte, die sich mißtrauisch gegenüberstehen, ohne daß sie selber den geringsten Einfluß darauf haben könnte, dieses Mißtrauen zu zerstreuen. Statt also nach seiner Niederwerfung ein Element des friedlichen Aufbaus zu werden, bliebe Deutschland gegen seinen Willen ein Störenfried, ein Streitobjekt, das immer den Frieden gefährden kann.

Für uns Deutsche ist es sehr schwer, hierzu Stellung zu nehmen; schon daß wir diesen Zwiespalt offen darstellen, wird uns mancher verübeln. Wir wollen auch nicht verkennen, daß besonders die englische Politik in letzter Zeit große Anstrengungen gemacht hat, das allgemeine Mißtrauen zwischen den Völkern zu vermindern. Dennoch können wir nicht verhehlen, daß wir der Zukunft mit Sorge entgegensehen. Vielleicht sollten wir daher eines tun: wir sollten einmal versuchen, uns in die Lage eines völlig Unbeteiligten zu versetzen und überlegen, welche Vorschläge er zu machen hätte, um eine Lösung zu finden, die allen Beteiligten gerecht wird, eines Unbeteiligten, der dem deutschen Problem weder mit Haß noch mit Gleichgültigkeit gegenüberstände, eines Weltbürgers, der der Meinung wäre, kein Mittel dürfe unversucht bleiben, um einen echten, dauerhaften Frieden herbeizuführen.

Deutschland, so könnte dieser Unbeteiligte meinen, hat durch den Krieg eine doppelte Schuld auf sich geladen, eine moralische und eine materielle. Über die moralische Schuld, so würde er fortfahren, hat der Interalliierte Gerichtshof in Nürnberg in höchster Instanz gesprochen. Dort ist festgestellt worden, daß nur ein begrenzter und verhältnismäßig kleiner Kreis des deutschen Volkes als verbrecherisch anzusehen sei. Diese Deutschen müßten, soweit ihnen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachgewiesen werden, streng bestraft werden. Daneben gäbe es eine Reihe mehr oder minder Belasteter, die von den schon bestehenden Gesetzen zur Denazifizierung erfaßt werden und deren Fälle individuell zu untersuchen sind, da es nötig ist, ihre persönliche Schuld genau abzuwägen. Doch dürfe, so würden die Erwägungen unseres Weltbürgers wohl weiterlaufen, nicht vergessen werden, daß viele Deutsche sich, soweit sie es konnten, ehrlich gegen die Hitler-Tyrannei gewehrt haben, und daß die Zahl derer, die dafür mit dem Tode oder schwerer Haft gebüßt haben, nicht klein ist Wolle man auch diese kollektiv verantwortlich machen – und unser Unbeteiligter braucht nicht der Meinung zu sein, daß dies richtig ist –, so sei die Strafe, daß sie als Deutsche in einem schwer zerstörten Lande unter kargen Bedingungen ihr weiteres Leben verbringen müssen, ausreichend genug. Jede Strafe aber sollte, dies würde er wohl meinen, einmal ein Ende haben, denn dies gewähre man in einem Kulturstaat jedem Menschen, auch dem gewöhnlichen Verbrecher.

Über die Umerziehung des deutschen Volkes und über seine Demokratisierung würde er vermutlich sagen, daß diese Frage sehr nüchtern angesehen werden müsse. Deutschland sei nicht nur zwölf Jahre lang der Demokratie entwöhnt gewesen, man habe auch seine besten Demokraten ausgerottet oder vertrieben. Auch seien die Formen der Demokratie schon vor 1933 in Deutschland nie mustergültig gewesen, und so könne man sich nicht damit begnügen, einfach die alten Parteiführer, soweit sie noch vorhanden seien, wieder einzusetzen, sondern müsse Deutschland Zeit geben, seinen häßlichen Parteihader zu überwinden. Niemals aber dürfe diese Umerziehung so vor sich gehen, daß sie uneinheitlich geleitet werde und daß die Deutschen den Eindruck gewännen, in jeder Zone werde ein anderes Erziehungsideal angestrebt. In dieser diffizilen Frage der Umerziehung eines ganzen Volkes müßte darum vor allem die Leitung bei einer völlig unparteiischen Instanz liegen, zu deren Objektivität alle Deutschen ein uneingeschränktes Vertrauen haben.