Die Tatsache, daß die Kunstseidenerzeugung in der britischen Zone noch weitgehend ruht, hat vor kurzem zu einer bemerkenswerten Erklärung Anlaß gegeben, die im Gegensatz zu sonstigen Auslassungen – bei ähnlichen Gelegenheiten nicht Rohstoffschwierigkeiten, Kohlenmangel und ähnliche Begründungen heranzog, sondern – der Meldung einer amerikanischen Nachrichtenagentur zufolge – Kunstseide so lange als "Luxus" bezeichnete, als nicht genügend Schuhe und Bekleidung für die Bevölkerung vorhanden seien.

Nach dieser Auffassung dürften Bekleidungsartikel also nur aus den "traditionellen" Rohstoffen: Wolle, Baumwolle und Leinen hergestellt sein, um nicht in die Gefahr zu kommen, als luxuriös bezeichnet zu werden. Ganz abgesehen davon, daß wir, seit länger als einem Jahrzehnt, wohl eher umgekehrt reinwollene Stoffe als Luxus anzusehen gezwungen waren, die "billigen" Kunstseidenkleidchen dagegen als gangbare Durchschnittsware, ergibt auch ein kurzer Blick auf die Versorgungslage in Textilien, daß jedweder Spinnstoff, gleich welcher Art auch immer, nicht schnell genug hergestellt oder verarbeitet werden kann, um unsere immer größer werdenden Blößen zu decken. Nicht weit von jener Stadt im Westen, deren stilliegende Erzeugungsbetriebe für Kunstseide Grund zu jener Erklärung waren, ist in einer anderen Großstadt des Rheinlands kürzlich ausgerechnet worden, daß – bei Fortdauer der gegenwärtigen Versorgungsverhältnisse – ein erwachsener männlicher Verbraucher 98 Jahre warten müsse, ehe er einen Anzug erhalten könne, während ein neues Hemd immerhin schon nach 18 Jahren in Aufsicht steht. Allerdings muß die Unterhose dafür 29 Jahre halten. Frauen sind etwas günstiger gestellt. Sie werden bereits nach 35 Jahren Anwärterinnen auf einen Wintermantel und auf ein Kleid – dank der Kunstseide? – noch. eher.

Aus Fachkreisen ist bereits vor kurzem darauf hingewiesen worden, daß die Genehmigung zur Wiedereröffnung von Betrieben ursprünglich wohl als eine Kontrollmaßnahme zur Ausschaltung der Kriegserzeugung gedacht war. Mit der Zeit hat sich die Handhabung der Permits jedoch eher als eine Drosselung der Industrie im allgemeinen ausgewirkt, wie die fehlenden Produktionsgenehmigungen für Betriebe der Kunstseidenerzeugung, der Spinnerei, der Textilveredelung usw. zeigen. Dabei ist der Kohlenbedarf dieser Unternehmungen verhältnismäßig gering, und sie sind durchweg auch in der Lage, Braunkohle zu verbrauchen, die für den Export erst in zweiter Linie in Betracht kommt. Dagegen bringt die Ausfuhr von Textilien, je nach Alt des Erzeugnisses, den zwanzig- bis fünfzigfachen Steinkohlenwerk ein, so daß ihre Produktion nicht nur für die Versorgung der deutschen Verbraucher, sondern auch für das Hereinkommen der so notwendigen Devisen wünschenswert ist.

Kunstseide gehört zur "Textilfamilie" wie Wolle um Baumwolle. Sie ist aus der modernen Bekleidungswirtschaft und ebensowenig für den technischen Bedarf nicht mehr wegzudenken. Unsere Großmütter mögen über die "Verschwendung" der kunstseidenen Strümpfe vielleicht zunächst den Kopf geschüttelt haben – heute werden Strumpf, Krawatte, Oberhemd, Kleid und Wäsche, Tischdecken oder Fensterbekleidung, Steppdecken, Mcbelbezüge, Lampenschirme, Bänder, Litzen, Futterstoffe, Garn und vieles andere aus Kunstseide beigestellt, von den säurebeständigen, hochnaßfesten und sonstigen für jeden Spezialzweck hergestellten technischen Fasern gar nicht zu reden. Nein, Kunstseide ist nicht Luxus und nicht die "Bitter aufs Brot"; sie ist das Brot selbst. Und darum warten wir so brennend auf das Anlaufen der Erzeugung im großen. -oe-