Von Thure von Uexküil

Was den Beobachter im aufbrechenden Chaos der letzten Jahre in Deutschland am meisten mit Besorgnis erfüllen muß, ist die Tatsache, wie wenig man noch begriffen hat, daß es sich hier nicht um eine vereinzelte, regional begrenzte Verirrung einer Gruppe oder eines Volkes handelt, sondern um Sturmzeichen einer Sündflut, die über das Abendland hereinzubrechen droht.

Wer nur beschuldigt, verengt seinen Blick auf einzelnes. Er ist in "Gefahr, die großen Zusammenhänge zu verfehlen, von denen auch er ein Teil ist. Auch die These der deutschen Kollektivschuld verengt den Blick zu einer einseitigen Betrachtungsweise. Ehe wir aber vom Ausland eine andere Beurteilung erwarten dürfen, müssen wir erst selbst beweisen, daß wir nicht einer ähnlichen Suggestion erliegen; denn wir haben das in allen Phasen miterlebt, was, von außen gesehen, ganz unbegreiflich erscheinen muß. Darum haben wir in sehr viel höherem Maße die Pflicht, den Blick nicht zu verengen und uns mit Kollektivurteilen zufrieden zu geben, wenn die Sturmzeichen nicht umsonst gewarnt haben sollen.

Seit der dunkle Ring des Schweigens gebrochen ist, der die Konzentrationslager umgab, haben wir aber so viel von Unmenschlichkeit, von Folterungen und Morden gehört, daß es uns schwerfällt, Menschen, die das begangen oder begünstigten, noch in den Rahmen menschlichen Verstehen" mit einzubeziehen. Es ist in der Tat leichter, die Schuldigen einfach als Verbrecher oder Sadisten zu verdammen. Damit werden wir aber den Vorgängen nicht gerecht, sondern gehen an unserer wesentlichsten Aufgabe vorbei: den Grund zu prüfen, auf dem wir stehen, jenen Grund, der doch irgendwo der gleiche ist, auf dem auch die Mörder standen, ehe sie zu Mördern geworden sind.

Diese Aufgabe wird bei den Ereignissen, die jetzt in Nürnberg verhandelt werden, noch dringender. Hier handelt es sich um Verbrechen, die – Ärzte, im Namen der Heilkunde, systematisch geplant und ausgeführt haben. Wir glauben nicht, daß Ärzte bessere Menschen sind als andere, aber wir glauben, daß sie als Anwälte des Lebens viele Dinge sachlicher und vorurteilsfreier sehen und daß sie, aufgewachsen in einer Bildungstradition, in der das humanistische Erbe abendländischer Geistigkeit als tätige Menschlichkeit Gestalt gewann, vor den unmenschlichen Ideologien der SS geschützt sein müßten. Es zeigt sich aber, daß die Verirrung unserer Zeit auch im geistigen Bereich nicht regional begrenzt werden kann.

Die Fäden dieses dunklen Geschehens scheinen bei Himmler zusammenzulaufen, und es ist verführerisch, die ganze Schuld auf ihn und die SS zu schieben. Auch die sorgfältige Geheimhaltung kann als Beweis betrachtet werden, wie sicher diese Kreise mit der Empörung der deutschen Ärzte im Falle eines Bekanntwerdens rechneten. Aber es waren nicht nur SS-Ärzte beteiligt, und daß es überhaupt möglich war, daß Ärzte im Namen der Heilkunde Experimente an lebenden Menschen gegen deren Willen ausführten, sie mit Fleckfieber, Gasbrand und Typhus infizierten, sie mit Meerwasser und Kampfstoff vergifteten oder bis zum Erfrieren abkühlten, zeigt, daß das Problem ernster ist.

Es handelt sich letzten Endes nicht darum, wie einzelne Ärzte Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen konnten, es handelt sich nicht einmal darum, daß damit die Achtung vor der Heilkunde in Gefahr gerät, sondern es handelt sich darum, daß die geistigen Voraussetzungen unserer Zeit plötzlich fragwürdig werden.