Von Alfred Joachim Fischer

Robin Hood ist ein altenglischer Sagenheld, ein Räuberhauptmann mit großem Herzen für die Armen und mit unermeßlichem Freiheitsdrang. Die 83jährige Mrs. Hood räubert weder (obgleich in der Lebensmittelbranche tätig), noch hat sie für Freiheitskämpfer viel übrig. Sie besitzt jene britische Zähigkeit, mit der sich ein. Weltreich nicht nur erobern, sondern auch – was weit bedeutungsvoller ist – auch Generationen hindurch halten ließ. Dreimal von Ärzten der berühmten Harley Street bereits aufgegeben, reist die alte Dame, in deren Gesicht sich kein Fältchen findet, nächste Woche zur Lieblingstochter nach Ägypten. Natürlich freut sie sich schon auf die Sonne des Südens. Vorerst aber murrt Mrs. Hood: "Unter einer konservativen Regierung hatten wir niemals solche Kälte!"

Was tut man als Mann und Freund des Kabinetts Attlee? Mrs. Hood ist eine Autorität. Sie besitzt jenen kleinen Kolonialwarenladen, in dem ich seit Jahren registrierter Kunde bin. Gestehe ich meine Sympathie für Attlee ein, dann ist es aus mit den sowieso immer seltener werden Mayonnaisen, Keks und italienischen Salaten. Als Engländerin bejaht Mrs. Hood Gedanken- und Redefreiheit; leider aber nur die eigene. Stimmte ich ihr bei, so wäre das Charakterlosigkeit. Opponierte ich, so wäre mir dies von großem Schaden. Ich schweige. Man kann das nicht gerade heroisch nennen. In England lernt man jedoch daß Politik die Kunst des Möglichen ist; auch die Politik des Alltags.

Mrs. Hood, die der Regierung an allem die Schuld gibt – bis zum Zufrieren der Themse –, ist aber eine Ausnahmeerscheinung im Londoner Alltag. Im allgemeinen "meckert" man hier wenig. Kaum jemand klagt beispielsweise über die "Pointinflation". Points oder Punkte werden für solche Eßwaren verausgabt, die man nicht auf genau zugeteilte Rationen und auch nicht frei kaufen kann. Der Monatsdurchschnitt ist 32. Als England im Sommer Brotrationierung einführte, um dem bedrängten europäischen Kontinent zu helfen, war das keine allzu populäre Maßnahme. Die Bevölkerung eines Siegerstaates, die unter Hitlers Blitzkrieg und den V-Angriffen schwer zu leiden hatte, erwartete nämlich, wenn schon keine Nahrungsaufbesserung, mindestens auch keine Verschlechterung. Zum Trost dachte sich daher der Ernährungsminister folgendes System aus: Wer seine besonderen Brot- und Mehleinheiten (36 monatlich für Normalverbraucher) nicht ausgab, dem wurden sie in Punkte eingetauscht. Für jede Einheit ein Punkt... Verschiedene Hausfrauen kauften daraufhin weniger Brot oder Kuchen und mehr Fleischkonserven. Aber ach, bald wurde der Wert einer Einheit auf einen halben Punkt herabgesetzt. Schon stieg der Punktkurs aller möglichen Lebensmittel. Spam (Schinkenfleisch in der Konserve) kostete ursprünglich 11 Punkte, heute 22; Haferflocken und Weizenflocken, nahezu unentbehrlich für englische Frühstücksdiät, sind nur noch um vier Points zu haben, obwohl sie ursprünglich nur zwei kosteten. Nächste Etappe! Broteinheiten wurden überhaupt nicht mehr eingetauscht. Was nicht ausgegeben wird, verfällt. Für Spam muß man aber immer noch 22 Points, für die verschiedenen Flocken je vier Points opfern. Downing Street sah viele Abordnungen. Aber bis heute war keine Delegation von Hausfrauen darunter, die etwa gegen die Pointsinflation hätten demonstrieren wollen.

Dieses Hinnehmen von unabänderlichen Dingen ist ein großes Plus im Londoner Alltagsleben. Als jüngst die Transportarbeiter streikten, suchten die Londoner ihre letzten Konservenbüchsen aus der Speisekammer hervor. Niemand wetterte über den verlorenen Sonntagsjoint (Braten). Sogar die Kälte wird mit Anstand ertragen. Etliche stockkonservative Blätter geben zwar der Nationalisierung die Schuld an dem empfindlichen Kohlenmangel. Sie finden jedoch ein sehr,schwaches Echo. "Give them a chance" heißt das Losungswort des Engländers. Er ist zu realistisch, um von einer gestern durchgeführten Maßnahme heute schon Wunder zu erwarten.

Man friert also mit Gelassenheit! Ein kalter Winter in England – wir erleben die kältesten Tage und Nächte seit 76 Jahren – ist noch unerträglicher als auf dem Kontinent, weil stets die Vorbereitungen auf die Kälte fehlen. Selbst wenn es Kohlen gäbe, wäre das für viele Haushalte kein Vorteil, da sie auf Gaskamine angewiesen sind, die schon normalerweise entweder die Zehen oder den Rücken wärmen. Ein solcher Unglücksfall steht auch Pate für diesen Artikel. Das Gas in meinen Haushalt hat keinen Druck mehr und flackert nur noch symbolisch. Meine Sekretärin lächelt mit der Überheblichkeit des Besitzenden. Dem sie hat ihren Skianzug angezogen und macht hämische Bemerkungen über Nichtsportler. Mein Wintermantel ist nach Begriffen des guten alten Kontinents ein Sommerüberzieher. Sein Wärmewert entspricht dem der Gasflamme. Geteilte Leiden – halbe Leiden. Verschiedene Straßenpassanten sind auf den einzigen Trenchcoat angewiesen. Sie zittern nur innerlich. Ein Engländer lernt es vom frühen Schulalter an, Gefühle zu verbergen. Deutlich frieren wäre "shocking". Beim schneidenden Frost sah ich höchstens einmal Zweijährige weinen. Mit zweieinhalb ist man schon ehrenwertes Mitglied eines Klubs, genannt "Kindergarten", und benimmt sich.

Auf den Straßen liegt jetzt hoher Schnee – ein selteies und ein im hügeligen Hampstead sehr, anziehendes Bild. Die Kinder aber wissen nichts Rechtes mit dem weißen Himmelsstaub anzufangen. Kein Schneemann schenkt dem Vorbeigehenden frohe Jugenderinnerungen Von Schneeballschlachten ist auch keine Rede. Und doch traf mich ein wohlgezielter Wurf. Mehr erstaunt als unwillig suchten meine Augen den Sünder. Da stand er und murmelte etwas verlegen: "Dzien dobry Partei" (Guten Morgen mein Herr). Ist aber ein Schneeball Anlaß genug, die polnische Frage in England aufzurollen? In diesen Zusammenhang – so dachte ich –: nein!